Julian Aicher sieht sich in guter familiärer Tradition, wenn er in Salem und anderen Orten auf den Bühnen der Initiative „Querdenken“ steht und über die Wahrung der Grundrechte spricht. Sie seien in Gefahr. Die Corona-Maßnahmen seien nicht angemessen, findet Aicher, sie gefährdeten den Mittelstand, während große Konzerne Unterstützung erführen.

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Dass mit Milliarden an Kurzarbeitergeld und mit Corona-Hilfsprogrammen gerade auch mittelständische Betriebe unterstützt werden, lässt Aicher unerwähnt. „Besorgniserregend“ sei für ihn auch, wie das Kulturleben „abgewürgt“ würde. Und die Isolierung älterer Menschen trage „erfahrungsgemäß weder zur Lebensqualität noch zur wirklichen Lebensverlängerung bei“. So seine Kritik, die er auf Bühnen der „Querdenker“ ausspricht.

Sophie Scholl, Mitglied der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, in einem undatierten Foto. Die Mitglieder der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ an der Münchner Universität wurden nach einer Flugblattaktion gegen die Herrschaft des NS-Regimes verhaftet und vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt.
Sophie Scholl, Mitglied der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, in einem undatierten Foto. Die Mitglieder der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ an der Münchner Universität wurden nach einer Flugblattaktion gegen die Herrschaft des NS-Regimes verhaftet und vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. | Bild: dpa

Sein Onkel Hans Scholl, seine Tante Sophie Scholl

Der Journalist und Öko-Strom-Produzent Aicher lebt in Rotis bei Leutkirch im Allgäu. Sein Vater ist der bekannte Grafiker Otto (“Otl“) Aicher. Seine Mutter, Inge Aicher-Scholl, ist die ältere Schwester von Hans und Sophie Scholl. Die Geschwister Scholl, die unter dem Namen „Die Weiße Rose“ Widerstand gegen das Naziregime leisteten, sind auch 77 Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod ein Symbol für Zivilcourage, Mut und Entschlossenheit (Anm. der Redaktion: in einer ersten Fassung dieses Artikels war fälschlicherweise davon die Rede, dass Hans und Sophie Scholl in Ulm geboren worden seien. Richtig ist, dass Sophies Geburtsort Forchtenberg am Kocher ist und Hans in Ingersheim, heute Crailsheim, zur Welt kam. 1932 zogen sie mit ihren Eltern und ihren Geschwistern nach Ulm. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen).

Hans Scholl, Mitglied der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ in einem undatierten Foto.
Hans Scholl, Mitglied der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ in einem undatierten Foto. | Bild: dpa

Julian Aicher stand am Sonntag als erster Redner auf der Liste einer Kundgebung in Salem, in der gegen die Einschränkungen, die zur Eindämmung der Corona-Pandemie erlassen wurden, protestiert wurde. Der Veranstalter erwähnte auf den Plakaten explizit, dass der Redner ein Neffe von Hans und Sophie Scholl ist, warb also mit deren Namen.

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Was würden die Geschwister Scholl dazu sagen?

Eine große Mehrheit der Deutschen ist davon überzeugt, dass es richtig ist, in der Pandemie die Freiheit des Einzelnen temporär zu beschränken, um Schwache zu schützen. Die Nazis scherten sich einen Dreck um Kranke, Behinderte und Gebrechliche.

Es galt das Recht des Stärkeren. Hans und Sophie Scholl riefen zum Widerstand auf gegen das monströse Hitler-Regime. Ist es das da richtig, ihren Namen in eine Demonstration zu tragen, und zwar in einer Demokratie, in der Widerspruch ausdrücklich erlaubt und sogar erwünscht ist, in der man nicht dafür hingerichtet wird, wenn man seine Meinung äußert? Was würden Hans und Sophie Scholl dazu sagen?

„Eine Anmaßung“

Ulms Oberbürgermeister Gunter Czisch (CDU) findet es „anmaßend“, sich ihres Erbes zu bedienen. Der Schwäbischen Zeitung sagte er: „Die Form, wie auch in AfD- und Identitären-Kreisen Zitate aus den Flugblättern von Hans und Sophie Scholl gebraucht werden, stellt für mich einen Missbrauch dar, geradezu eine Verhöhnung der Ideale dieser jungen Menschen, die sich unter Einsatz ihres Lebens gegen ein menschenverachtendes Regime gestellt haben. Sich mit ihnen auf eine Stufe zu stellen und von ,Widerstand‘ zu salbadern, ist anmaßend.“

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Florian Aicher distanziert sich von seinem Bruder Julian

Als „historisch-politische Erbschleicherei“ bezeichnen Prominente aus der Region Ulm das Vorgehen der Querdenker-Initiative. Zu den Unterzeichnern gehört auch Florian Aicher, ein Bruder von Julian Aicher. In der Erklärung heißt es, es dürfe und müsse darüber diskutiert werden, ob die Maßnahmen gegen Corona richtig sind. Wer jedoch den politisch Handelnden unterstelle, sie würden leichtfertig und mit „finsteren Absichten“ eine Diktatur in Deutschland einführen wollen, der „hat offensichtlich so große Probleme mit der Wahrnehmung der Realität, dass man ihn nicht mehr ernst nehmen kann“.

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„Nur weil wir verwandt sind, brauchen wir nicht die gleiche Meinung zu teilen“, weist Julian Aicher die Aussagen seines Bruders Florian zurück. Julian Aicher antwortete auf SÜDKURIER-Anfrage, wie er mit dem Vorwurf umgehe, das Erbe der „Weißen Rose“ zu beschmutzen: „Diesen Vorwurf nehme ich zur Kenntnis. Da er nicht durchgängig begründet ist, lehne ich ihn ab.“ Er hält sich zugute, dass er es gewesen sei, der öffentlich protestierte, als die AfD den Wahlspruch „Sophie Scholl würde AfD wählen“ ausgab. Das Leiden der „Weißen Rose“ setze er „keineswegs“ mit „Pressionen“ gleich, die gegen die „Querdenker“ gerichtet seien, und auf seinen Reden betone er immer wieder: „Das ‚Dritte Reich‘ ist etwas völlig anderes als die Bundesrepublik Deutschland.“

Julian Aicher: Eine „Traditionslinie“

Julian Aicher, Jahrgang 1958, weist auf die Prägung hin, die er durch sein Elternhaus erfahren habe. Seine Mutter habe immer wieder Fehlentwicklungen in Politik und Gesellschaft angeprangert. Als Beispiel nennt er die von ihr in Ulm organisierten Ostermärsche in den 1960-er Jahren oder ihren Sitzstreik in den 80-er Jahren in Mutlangen. Hierbei habe sie sich auf das „Weiße-Rose“-Flugblatt bezogen, in dem es heißt: „Zerreist den Mantel der Gleichgültigkeit, den Ihr um Euer Herz gelegt“. Und in dieser „Traditionslinie“ sehe auch er sich, so Julian Aicher.

Aicher sagt: Auf 20 Kundgebungen keine Nazis gesehen

Julian Aicher, der 13 Jahre nach Kriegsende geboren wurde, sieht Parallelen zwischen Vorwürfen gegen die Friedens-/Anti-Atombewegung früherer Jahrzehnte und den „öffentlichen Schmähungen“, die gegen die Grundrechtskundgebungen ausgesprochen würden. Aicher: „Wer dies öffentlich tut – also zum Beispiel ‚Querdenken‘ mit Nazis zu vergleichen – muss sich fragen lassen, ob sie oder er damit nicht die tödliche Gewalt wirklicher Nazis, die es in Deutschland ja leider reichlich gibt, sträflich verharmlost.“ An fast 20 „Grundrechtskundgebungen“ habe er teilgenommen, dabei seien ihm keine Leute mit Nazi-Sprüchen oder Symbole rechter Gruppierungen aufgefallen.

Die Rechte registriert neuen Zulauf

Der Historiker Claus Kittsteiner aus Uhldingen-Mühlhofen warnt vor einer Verharmlosung: „Querdenker-Demos“ böten durch ihre Reden und ihre mangelnde Abgrenzung ein willkommenes Einfallstor für Rechtsextreme in die Mitte der Gesellschaft. Das habe der Kopf der rechten Identitären Bewegung, Martin Sellner, selbst bestätigt und begrüßt, wie Kittsteiner mit Verweis auf eine Sendung des TV-Magazins Monitor vom 10. September feststellt. Zu einem entsprechenden Zitat Sellners fragte Kittsteiner, an die Sympathisanten der „Querdenker“ gerichtet: „Ist das der demokratischen Mitte egal?“

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