Herr Degen, Sie kämpfen seit Jahren gegen Fleisch auf deutschen Tellern. Nun zeigen Zahlen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung aus dem Jahr 2017, dass die Deutschen acht Kilogramm weniger Fleisch verzehren als noch vor 20 Jahren: Sind Sie auf der Siegesstraße?

Zunächst einmal: Ich kämpfe nicht gegen, ich engagiere mich für etwas. Das ist ein gravierender Unterschied. Ich setze mich für einen gesamtgesellschaftlichen Wandel in der Landwirtschaft und in der Ernährungskultur ein.

Was genau ist Ihre Vision?

Ich möchte, dass die Menschen erkennen, dass die Art, wie wir Landwirtschaft betreiben und wie wir uns ernähren, ein wesentlicher Faktor ist, der unsere Zukunft, unseren Fortbestand auf der Erde mitbestimmt. Deshalb sollten Menschen wenig bis gar kein Fleisch mehr konsumieren, sondern sich rein pflanzlich ernähren.

Ist das die Lösung?

Durchaus. Unsere Art der Ernährung und Erzeugung von Lebensmitteln hat so viele negative Auswirkungen: Artensterben durch die Nutzung von Dünger, Verunreinigung des Trinkwassers durch übermäßiges Güllespritzen, die Veränderung des Weltklimas durch die Viehhaltung. Das sind alles Faktoren, die – mit dem normalen Menschenverstand betrachtet – eindeutig auf die eine Lösung hinführen: Die Welt muss vegan werden. Um des Überlebens Willen.

Sie selber leben vegan. Seit wann tun Sie das und weshalb?

Ich war 28 Jahre alt. Also seit 45 Jahren. Zuvor war ich ein Jahr lang Vegetarier. Aber ich habe erkannt, dass auch die vegetarische Ernährungsweise ethisch nicht vertretbar ist. Denn die Kühe, die nur für die Milchproduktion herangezogen werden, werden letztendlich auch geschlachtet. Wenn man also ethisch sauber, ethisch überzeugend leben möchte, und das möchte ich, dann ist die logische Konsequenz die vegane Lebensweise. Diese Lebensweise ist wesentlich umweltfreundlicher, bewusster und auch friedensfördernd.

Friedensfördernd? Wie meinen Sie das?

Natürlich ist das etwas überspitzt. Aber so lange Schlachthöfe existieren, wird es keinen wahren Frieden auf der Welt geben. Selbst wenn alle Waffen schweigen. Denn die Fluchtursachen Hunger und Armut hängen auch mit der Art unserer Ernährung zusammen. Und besonders mit der Tierhaltung.

Weil immer mehr landwirtschaftliche Anbaufläche der Viehzucht dient?

Genau. Ein großer Teil dieser landwirtschaftlichen Flächen werden weltweit nur für den Anbau von Tierfutter genutzt – auch in den Entwicklungsländern –, anstatt den Menschen dort als Nahrungsquelle zu dienen und eine Zukunft zu bieten. Wenn wir uns also nicht vegan ernähren, nehmen wir den hungernden Menschen das Essen weg. Und das wird für Unfrieden sorgen. Tierzucht ist der größte Nahrungsmittelvernichter schlechthin.

Um mal etwas regionaler zu werden: Im Verein Vegetarierbund, der nun in die Initiative ProVeg aufgegangen ist, leisten Sie seit Jahren Überzeugungsarbeit. Was genau tun Sie in Stockach und Umgebung, um den von ihnen beschriebenen Wandel voranzutreiben?

Wir arbeiten rund um den Bodensee mit anderen Regional-Gruppierungen zusammen – in Überlingen, Friedrichshafen, Sigmaringen und Konstanz. Wir organisieren Veranstaltungen und Aktionen, wo wir die Themen Gesundheit, Ökologie und Ethik beleuchten. So arbeiten wir auf das Ziel hin, dass die Menschen – auch die Erzeuger – erkennen, welche Zerstörungskraft in der konventionellen Landwirtschaft und Viehzucht steckt. Und wir zeigen Alternativen auf, die die ökologische Landwirtschaft bietet.

Da sind wir an einem wichtigen Punkt. Laut Statistischem Landesamt gibt es im Raum Stockach 49 Großviehbetriebe. Welche Alternativen bieten Sie solchen Betrieben an?

Natürlich ist es uns wichtig, Existenzen zu sichern. Wir schlagen diesen Menschen deshalb einen bio-veganen Landbau vor. Neben dem Anbau von verschiedenstem Gemüse auch den Anbau von Nutzhanf, Flachs und Leinen zur Produktion verschiedenster Stoffe. Denn ethisch zu leben, heißt für mich auch, auf tierisches Leder und Fell zu verzichten. Hier könnte also ein großer Markt entstehen. Das ist eine Möglichkeit. Die andere besteht darin, dass bio-vegane Höfe in der Region gleichzeitig den Tourismus für sich nutzen. All diese Bereiche kann man natürlich auch kombinieren. Und das gilt selbstverständlich nicht nur für Stockach, sondern auch überregional.

Abschließend noch eine Frage: Der Burger aus dem Labor könnte schon in wenigen Jahren Realität auf den Tellern und Tischen der Konsumenten werden. Leiden muss hierfür kein Tier mehr. Würden Sie einen solchen Burger essen?

Ich persönlich halte nichts davon. Wenn andere Menschen auf diese Weise statt Tieren künstliches Fleisch essen, wäre das für mich auch in Ordnung. Aber ich denke, wir haben genügend andere Möglichkeiten, um uns zu ernähren.

Also würden Sie einen solchen Burger essen?

Nein, würde ich nicht. Ich selber baue Gemüse in meinem Garten an. Und auch so kann man sich gesund und abwechslungsreich ernähren. Das langt mir.

Fragen: Lukas Reinhardt

 

Zu Person und Verein

Reiner Degen, der 1945 in Hessen geboren wurde und mittlerweile in Stockach lebt, arbeitete 43 Jahre im Landratsamt Bodenseekreis und engagiert sich ebenso lang in der Tierschutz-Bewegung. Heute ist er Vorsitzender der Regionalgruppe Hegau Bodensee von Proveg, einer Organisation, die sich für ein Leben ohne Fleisch einsetzt. Dabei interessieren sich immer mehr junge Menschen in Stockach und Umgebung für die vegane Lebensweise und die Veranstaltungen des Vereins, freut sich Degen. Es entwickle sich eine "neue Form des Bewusstseins" in der jungen Generation. (lre)