Sie sind eine wirklich große Großveranstaltung: die Heimattage Baden-Württemberg. Grob gesagt, kann man sie sich wie ein Fest für das ganze Bundesland vorstellen, das seit 1978 von wechselnden Städten in ganz Baden-Württemberg ausgerichtet wird. Ziel des Landes ist, das Verständnis von Heimat zu vertiefen und zu stärken. Damit verbunden sind mehrere Großveranstaltungen, etwa der Baden-Württemberg-Tag im Mai und die Landesfesttage samt Besuch der Landesminister im September (siehe Kasten). Wer die Heimattage ausrichtet, kann mit landesweiter Aufmerksamkeit rechnen.

Die Ausschreibung für die Jahre 2023 bis 2026 läuft und die Verwaltungsgemeinschaft aus Stockach und den fünf Umlandgemeinden plant eine Bewerbung. Voraussetzung dafür ist, dass die Gemeinderäte aller sechs Orte der Bewerbung und den jeweiligen Anteilen an den Kosten zustimmen. Denn das Land unterstützt die Heimattage zwar mit 200 000 Euro Zuschuss.

Gerechnet werden müsse aber mit einem Gesamtbudget zwischen 600 000 und 900 000 Euro, heißt es in der Sitzungsvorlage des Stockacher Gemeinderats zum Thema. Die Gemeinden müssten zusammen also mindestens denselben Betrag wie das Land sowie Drittmittel aufbringen. Sollte es 200 000 Euro Spenden geben, lägen die Anteile, berechnet nach Einwohnerzahlen, bei rund 229 000 Euro von Stockach, 63 000 Euro von Bodman-Ludwigshafen, 51 000 Euro von Eigeltingen, 47 000 Euro von Orsingen-Nenzingen, 33 000 Euro von Mühlingen und 27 000 Euro von Hohenfels.

Diskussion um Chancen und Kosten

Hohenfels war der erste Ort, dessen Gemeinderat einen Beschluss gefasst hat. Das Thema kam überraschend auf die Tagesordnung der jüngsten Sitzung, da zu diesem Zeitpunkt noch der 1. Juli die Bewerbungsfrist für ein Jahr zwischen 2023 und 2026 war. Zwischenzeitlich hat das Land diese wegen der bevorstehenden Kommunalwahl auf Ende des Jahres verschoben, was damals noch nicht der Fall war. Hohenfels‚ Bürgermeister Florian Zindeler nannte die Gewerbeschau und das Maifest als Argumente für das Jahr 2023. Denn ohnehin geplante Veranstaltungen sowie neue, die dazu kommen, könnten in die Heimattage eingebunden werden. Auch das Schloss Hohenfels nannte er als Beispiel. „Wir könnten die Raumschaft in einem tollen Licht darstellen“, fasste Zindeler zusammen. Die Teilnahme wäre „ein Riesensprung für die Verwaltungsgemeinschaft„.

Auch das Maifest in Liggersdorf, bei dem das Festzelt von Jahr zu Jahr größer werden muss, wäre ein Kandidat dafür. Dieses Jahr passten rund 1000 Gäste gleichzeitig ins Zelt.
Auch das Maifest in Liggersdorf, bei dem das Festzelt von Jahr zu Jahr größer werden muss, wäre ein Kandidat dafür. Dieses Jahr passten rund 1000 Gäste gleichzeitig ins Zelt. | Bild: Jan Riebesehl

„Es hört sich nicht schlecht an, aber die Summe ist knackig“, sagte Günter Leute (BLH) und führte an, dass nicht klar sei, wie die Gemeinde in ein paar Jahren finanziell dastehe. Er wolle detaillierter wissen, worum es gehe. Auch Karlheinz Lehmann (FUW) wollte eigentlich lieber in Ruhe nachdenken. Er fragte, wofür das Geld sei, das die Gemeinde zahlen solle. Zindeler nannte Personal für die Koordination als Beispiel. Anton Arnold (FUW) konnte nachvollziehen, dass Werbung für eine Veranstaltung dieser Größenordnung Geld koste. Zindeler appellierte an die Räte, ein Signal zu setzen und mitzumachen. Die Mehrheit stimmte zu.

Auch der Mühlinger Gemeinderat hat entschieden. Ratsmitglied Reinhold Stroppel (CDU) sagte, man sollte sich offen zeigen für Neues, während Stefan Schilling (CDU) die Meinung vertrat: „Stockach feiert dann ein tolles Stadtfest mit Minister und Fernsehen und wir haben es mitbezahlt, ohne weiteren Vorteil.“ Auch Robert Delhey (Freie Wähler) war sich nicht sicher, ob Mühlingens Vereine ungefragt bereit seien, mehr Arbeit und Aufwand mitzutragen, wie Bürgermeister Manfred Jüppner dies in Erwägung zöge. „Hat man denn im Vorfeld schon einmal mit den Verantwortlichen gesprochen?“, fragte Delhey den Verwaltungschef. Jüppner wies darauf hin, dass es sich ja erst um eine Bewerbung handle und es im Fall eines Erfolges noch viel Zeit für alle Fragen gebe. Am Ende gab es vier Stimmen für eine Bewerbung, drei dagegen und zwei Enthaltungen.

Und das Schloßbühlfest, bei dem der Musikverein Zoznegg in Mühlingen für Stimmung sorgt (hier ein Archivbild), gehört ebenfalls in diese Kategorie.
Und das Schloßbühlfest, bei dem der Musikverein Zoznegg in Mühlingen für Stimmung sorgt (hier ein Archivbild), gehört ebenfalls in diese Kategorie. | Bild: Doris Eichkorn

Ähnlich verlief die Debatte auch kürzlich im Stockacher Gemeinderat. So hinterfragte Wolf-Dieter Karle (Freie Wähler), ob man die 200 000 Euro bis zu der Veranstaltung nicht anderswo dringender brauchen könnte, was sein Fraktionskollege Roland Fiedler unterstützte. Bürgermeister Rainer Stolz und die Gemeinderäte Wolfgang Reuther, Jürgen Kragler, Werner Gaiser, Martin Bosch (alle CDU) und Karl-Hermann Rist (Grüne) äußerten sich befürwortend.

Stellvertretend Wolfgang Reuther: Man möge die Chance nicht vergeben, den Raum Stockach im Kreis und über den Kreis hinaus richtig zu präsentieren. Und es gehe nun um eine Bewerbung, den Zuschlag müsse man erst noch bekommen. Stolz sagte, die Stadt sei bisher als kultureller Standort nicht angemessen bekannt. Das 50-jährige Bestehen der Verwaltungsgemeinschaft und der Gemeinde Hohenfels im Jahr 2025 brachte er als Anlass für die Heimattage ins Spiel. Mit großer Mehrheit hat sich das Gremium bei drei Gegenstimmen von Karle, Fiedler und Udo Pelkner (Freie Wähler) für die Bewerbung ausgesprochen.

In Bodman-Ludwigshafen, Orsingen-Nenzingen und Eigeltingen war das Thema bisher noch nicht in den Gemeinderäten. Die Gremien haben durch die Verlängerung der Bewerbungsfrist nun länger für eine Entscheidung Zeit. Die Heimattage sind demnächst übrigens in der Region zu Gast: 2021 finden sie in Radolfzell statt. Und die allerersten Heimattage im Jahr 1978 richtete die Stadt Konstanz aus. Dazwischen war die Veranstaltung nicht am Bodensee.