Ylvi Jäckle und Jule Schillinger fliegen durch die Lüfte. Inmitten einer kleineren Gruppe von Störchen sitzt jedes Mädchen auf dem Rücken eines Vogels. Gemeinsam mit den Tieren sind die beiden elf Jahre alten Schülerinnen des Radolfzeller Friedrich-Hecker-Gymnasiums (FHG) kilometerweit unterwegs – über das Meer, Wälder und Trockenlandschaften hinweg.

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Die außergewöhnliche Reise von Ylvi Jäckle und Jule Schillinger ist nur eine Simulation. Möglich machen das zwei Virtual Reality-Brillen, die Teil eines grünen Lehrwagens sind, des sogenannten Flightcase 1.0. Dieser ist von MaxCine am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie (MPI) im Ortsteil Möggingen entwickelt worden und bringt Forschung an Schulen. Sechs Personen können sich gleichzeitig mit dem Lehrwagen beschäftigen.

So sieht das Flightcase aus. Neben Infomaterial und zwei VR-Brillen stellen Videos die Forschung von Wissenschaftlern vor. Sechs Personen können sich gleichzeitig beschäftigen.
So sieht das Flightcase aus. Neben Infomaterial und zwei VR-Brillen stellen Videos die Forschung von Wissenschaftlern vor. Sechs Personen können sich gleichzeitig beschäftigen. | Bild: Singler, Julian

„Wir haben bereits drei feste Buchungen und zwei Anfragen aus Bayern„, so Babette Eid, Projektleiterin des MaxCine am MPI. Bevor das Flightcase deutschlandweit auf Tour geht, macht es von Montag, 11. November, bis Freitag, 15. November, zuerst Station am FHG. Bei einer Kick-Off-Veranstaltung auf der Insel Mainau wurde das Flightcase vorgestellt und an die Schule übergeben.

Moderne Wege des Lernens

Neben Infomaterialien und den VR-Brillen stellen mehrere Videos die Arbeit von Wissenschaftlern des Instituts vor und zeigen, wie sich Schüler daran beteiligen können. Außerdem bietet das Flightcase einen Einblick in das Icarus-Projekt von Martin Wikelski, Direktor des MPI. Icarus ist eine internationale Kooperation zur Beobachtung von Tieren aus dem Weltraum. Ziel ist es, mehr über sie herauszufinden – zum Beispiel, auf welchen Routen sie wandern und unter welchen Bedingungen sie leben. Die Erkenntnisse der Wissenschaftler dienen der Verhaltensforschung, dem Artenschutz, der Erforschung der Ausbreitungswege von Infektionskrankheiten bis hin zur Vorhersage von ökologischen Veränderungen und Naturkatastrophen.

„Wir möchten Kinder und Jugendliche in die Wissenschaft integrieren. Forscher können von ihnen und ihren Ideen lernen“, sagte Martin Wikelski. Das Angebot des Flightcase gehe über den „normalen Unterricht“ hinaus. Es vermittle neue und zusätzliche Inhalte. „Viele Dinge stehen noch nicht in Schulbüchern, wo überwiegend vorgefertigte Infos gelehrt werden. Forschung schafft Neues“, so Wikelski. Er ist überzeugt davon, dass das Prinzip des Flightcase „in Schulen Schule machen wird“.

Frischer Wind für die Wissenschaft

Babette Eid von MaxCine sagte: „In der Regel holt man sich alte weise Männer als Ratgeber, doch wir möchten Ideen von Kindern nachgehen. Manchmal wird nichts aus Forschung, manchmal hat sie aber auch einen Nobelpreis zur Folge.“ Eid motivierte die Kinder und Jugendlichen dazu, zu versuchen, eigene Fragen zu klären und Interesse für die Forschung zuzulassen. „Unsere Gesellschaft braucht euch als Wächter der heutigen Welt.“

Mut zur freien Entfaltung

FHG-Schulleiterin Ulrike Heller zeigte sich vom Flightcase begeistert. „Die Idee, Forschung an Schulen zu bringen, ist richtig. Wir wollen diesen Weg unterstützen und haben deshalb sofort ja gesagt“, schilderte sie. Ihrer Meinung nach gibt es an jeder Schule mindestens einen Schüler mit besonderen Neigungen, die im alltäglichen Unterricht nicht zum Tragen kommen. Das geschehe stattdessen durch Projekte wie Flightcase. „Viele sind sich beispielsweise über ihr Interesse für Vögel nicht bewusst. Wir möchten ihnen den Mut und Raum geben, sich zu entfalten“, erklärte Heller. Eine pädagogische Aufgabe sei es, Ängste vor Forschung abzubauen und ein Kennenlernen zuzulassen.

Das Radolfzeller Friedrich-Hecker-Gymnasium ist die erste Schule, an der das Flightcase Station macht.
Das Radolfzeller Friedrich-Hecker-Gymnasium ist die erste Schule, an der das Flightcase Station macht. | Bild: Singler, Julian

Während der Woche, in der das Gerät am FHG Station macht, wird Ulrike Heller zufolge ein Raum geblockt und extra zur Verfügung gestellt. Zusammen mit mehreren Fachlehrern setzen sich die Schüler dann mit dem Flightcase und dessen Funktionen auseinander. Im Vorfeld werden die Kinder und Jugendlichen laut der Schulleiterin entsprechend vorbereitet. „Nach der Woche geben wir MaxCine eine Rückmeldung und sagen, was aus unserer Sicht noch verändert oder verbessert werden kann.“ Für den Anbieter ist es ein Glücksfall, dass das Flightcase an einer Radolfzeller Schule getestet wird, so Babette Eid. Das MPI sei direkt vor Ort und könne somit zum Beispiel bei technischen Problemen direkt eingreifen.

Finanziell unterstützt wird das Flightcase-Projekt von der Messmer-Stiftung, dem Schirmherr. Laut Vorstandsmitglied Petra Bialoncig werden jährlich rund 250.000 Euro an Fördergeldern für Schulprojekte bereitgestellt, um Bildung und Wissenschaft zu unterstützen. „Die Jugend ist der Zukunftsgestalter von morgen und muss dort abgeholt werden, wo sie den Großteil ihrer Zeit verbringt: in der Schule“, so Bialoncig. Sie ergänzt: „Ihr habt die Neugierde von Natur aus mit auf den Weg bekommen. Nutzt sie.“