Viele Fragen waren am Ende der Verhandlung am Amtsgericht Überlingen noch offen, in der sich ein 30-Jähriger wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung und Bedrohung verantworten musste. Der Mann soll im Winter des vergangenen Jahres trotz Hausverbots ein Wettbüro in Überlingen betreten haben und dort mit den Angestellten in einen Streit geraten sein. Dieser soll schließlich eskaliert sein, und der Angeklagte anschließend vor dem Geschäft gemeinsam mit Bekannten mit faustgroßen Steinen auf die Mitarbeiter des Wettbüros geworfen und diesen angedroht haben, er werde sie umbringen.

Angeklagter ändert Aussage

Was genau aber an diesem Tag passiert ist, ließ sich auch während der Verhandlung nicht eindeutig feststellen. Immer wieder änderte der 30-Jährige, der als Flüchtling nach Deutschland gekommen war, seine Aussage. Da er kein Deutsch spricht, teilte er über seinen Dolmetscher zunächst mit, nichts von den Vorwürfen sei wahr. Er habe in dem Wettbüro an einem Spielautomaten spielen wollen, der jedoch nicht funktioniert habe. Weil er sein Geld zurückerhalten wollte, sei es zu einem Streit mit einem Angestellten gekommen und er sei angegriffen worden. Mit Steinen habe er nicht geworfen. Kurze Zeit später behauptete er, sich gar nicht in dem Wettbüro aufgehalten, sondern nur davor gestanden zu haben. Auch bezüglich der Morddrohungen machte er widersprüchliche Angaben. Einmal gab er an, bei den von ihm geäußerten Worten „I will kill you“ (Deutsch: Ich werde dich töten) habe es sich lediglich um eine Redewendung gehandelt, dann sagte er, er habe die Angestellten überhaupt nicht bedroht. Zudem verwechselte er immer wieder den Tattag mit anderen Aufenthalten in dem Wettbüro.

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Drei Zeugen erscheinen nicht

Licht ins Dunkel konnten auch die sieben geladenen Zeugen nur bedingt bringen. Drei von ihnen, die als Mitarbeiter des Wettbüros den Vorfall miterlebt hatten, erschienen trotz Vorladung nicht vor Gericht. Die Aussagen von drei weiteren Zeugen unterschieden sich in wesentlichen Dingen. Während zwei von ihnen angaben, der Angeklagte habe sich zum Tatzeitpunkt im Wettbüro aufgehalten, berichtete ein anderer das Gegenteil. Von den Steinwürfen wollte nur ein Zeuge etwas mitbekommen haben, aber ein Polizist konnte berichten, dass er Angeklagte sogar noch während der Kontrolle durch die Beamten nach einem Stein gegriffen und diesen erst nach einer Aufforderung eines Polizisten wieder auf den Boden gelegt habe.

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Psychische Probleme

Festgestellt werden konnte eine massive Alkoholsucht des Angeklagten. Bereits in seiner Heimat begann der 30-Jährige regelmäßig zu trinken, auch heute noch greift er nach eigenen Angaben regelmäßig zur Flasche. Entzugsversuche hatten in der Vergangenheit keinen Erfolg gezeigt, was wohl auch an der mangelnden Motivation des Angeklagten lag. „Warum sollte ich zu einer Beratung gehen?“, übersetzte sein Dolmetscher für ihn. „Ich habe ja nicht vor, aufzuhören.“ Der Alkohol beruhige ihn und erleichtere ihm das Einschlafen. Ein im Gericht anwesender Psychiater, der den geistigen Zustand des Angeklagten einschätzen sollte, hielt es für wahrscheinlich, dass der 30-Jährige sich vor Gewalterfahrungen während der Flucht und eine Perspektivenlosigkeit in Deutschland in den Alkohol flüchten will. Dem Mann war in der Vergangenheit sogar eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert worden.

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Alkoholsucht sorgt für Gewalt

Doch der Alkohol sorgt auch für Probleme: Bereits mehrfach ist der Angeklagte in der Vergangenheit durch Gewalt, Beleidigungen und Bedrohungssituationen aufgefallen. Zuletzt Ende Juni diesen Jahres wurde er daher im Zentrum für Psychiatrie in Friedrichshafen untergebracht, eher er wegen eines Vergehens aus dem Jahr 2017 inhaftiert wurde. Während der Verhandlung kristalisierte sich allerdings durch die Zeugenaussagen heraus, dass der Angeklagte während der Tat im Wettbüro nicht über die Maßen betrunken war. Im Gespräch zwischen Richter Alexander von Kennel und der Staatsanwältin wurde deutlich, dass eine Enthemmung durch Alkohol daher nicht naheliegend war. Der anwesende Psychiater hielt es dennoch für möglich, dass der 30-Jährige seine Handlungen aufgrund seiner psychischen Probleme nicht steuern kann. Dadurch könne es in Zukunft zu weiteren Taten kommen. „Die Kriminalprognose ist nicht besonders günstig“, teilte er dem Gericht mit.

Weil damit eine Unterbringung des Angeklagten in einer psychiatrischen Klinik in Betracht gezogen werden kann, die das Amtsgericht Überlingen jedoch nicht anordnen darf, verwies Richter Alexander von Kennel das Verfahren schließlich an das Landgericht Konstanz.