Plötzlich waren sie weg: Fünf Hödinger Waldrappe sind aus ihrem Winterquartier im italienischen Laguna di Orbetello ausgebüxt und weiter in Richtung Süden gezogen. „Die Jungtiere wurden von Menschen aufgezogen. Sie haben nicht verstanden, dass sie schon in ihrem Wintergebiet angekommen sind“, sagt Projektleiter Johannes Fritz auf SÜDKURIER-Nachfrage.

Er ist glücklich, dass alle Vögel wieder eingefangen werden konnten. Corinna Esterer, eine der beiden Ziehmütter der Waldrappe, habe beobachtet, wie die Vögel davonflogen, und hat mit dem Auto die Verfolgung aufgenommen. Dank der GPS-Signale der Sender an den Waldrappbeinen konnte Esterer die fünf ausgebüxten Vögel zwischen der Laguna di Orbetello und Rom orten und mit Rufen in Käfige locken. Da die handaufgezogenen Waldrappe ein Leben lang auf ihre menschlichen Ziehmütter gepolt bleiben, seien die Tiere ohne größere Probleme den Lockrufen gefolgt, erzählt der Projektleiter. "Die Vögel sind in der Regel desorientiert und hocherfreut, wenn sie eine Bezugsperson entdecken" Mittlerweile sind alle fünf Vögel wieder eingefangen und zurück im Vogelschutzgebiet, wo sie überwintern werden.

Im Vorjahr büxten zehn Vögel aus – acht starben

Dass der Abflug ohne Verlust blieb, ist auch der Tatsache zu verdanken, dass das Team vorgewarnt war. Im Vorjahr waren zehn Vögel ausgebüxt und hatten ihren Weg in den Süden fortgesetzt. Drei der Waldrappe wurden später auf den liparischen Inseln nördlich von Sizilien lokalisiert. 500 Kilometer waren sie über das offene Meer dorthin geflogen. Zwei von ihnen konnten eingefangen werden, der dritte kam wie die sieben anderen vermissten Waldrappe aufgrund der fehlenden Thermik über dem Wasser wohl ums Leben.

Nach dieser Erfahrung hatte das Waldrapp-Team in diesem Jahr nur kleine Gruppen aus der Voliere gelassen. So konnten die Forscher schneller reagieren und verhindern, dass der Abflug ähnlich dramatisch verläuft wie im Vorjahr. Allerdings hat auch der jetzige Ausreißversuch Folgen: Um einen weiteren Abflug zu verhindern, müssen 25 der 29 Hödinger Vögel bis zum Ende der Zugzeit Mitte November in der Voliere bleiben. Nur vier dürfen unter freiem Himmel bleiben. „Sie haben sich schon gut in den Verband der wildlebenden Waldrappe integriert“, erklärt Fritz. Weshalb sich manche Vögel schneller integrieren als andere, sei ein "sehr spannendes Phänomen", zu dem er derzeit aber noch keine Antworten habe.

Im WWF-Schutzgebiet in Laguna de Orbetello leben die handaufgezogenen Waldrappe mit wildlebenden Vögeln zusammen.
Im WWF-Schutzgebiet in Laguna de Orbetello leben die handaufgezogenen Waldrappe mit wildlebenden Vögeln zusammen. | Bild: WWF

Klar ist hingegen: Im kommenden Jahr wird es keine weitere Handaufzucht in Hödingen geben. Erst 2020 werden die Forscher gemeinsam mit weiteren Küken nach Überlingen zurückkehren – und die Aufzucht als Teil der Landesgartenschau auch einer großen Öffentlichkeit präsentieren.

Dennoch müssen die Überlinger vermutlich auch 2019 nicht auf Waldrappe verzichten. Johannes Fritz rechnet damit, dass zwei bis drei Vögel der 2017er-Aufzucht selbstständig an den Bodensee zurückkehren. Optimistisch stimmt ihn, dass ein Teil der Vögel im vergangenen Frühjahr beim Flug in den Norden einen "fast geradlinigen Kurs nach Überlingen" eingeschlagen hatte. Ihre Flugroute seit deutlich weiter westlich verlaufen als die jener Vögel, die in Salzburg und Burghausen aufgezogen worden waren. Diesen Sommer verbrachte sie noch in einem Gebiet westlich des Gardasees, im kommenden Jahr, spätestens aber ab 2020, sollen dann die ersten Waldrappe an den Bodensee zurückkehren, um dort zu brüten.

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Nicht nach Überlingen zurückkehren wird "Flaps". Der Patenvogel der Hödinger Grundschule wurde in der Toskana von einem Jäger abgeschossen, sagt Johannes Fritz. "Die Verletzungen waren eindeutig." Von den Tieren, die 2017 in Hödingen groß gezogen wurden, leben nun nur noch etwa zehn bis zwölf.

Besser sieht es bei der diesjährigen Aufzucht aus. Außer den beiden Vögeln, die auf dem Zug in den Süden einem verschluckten Metallteil und einem Fuchs zum Opfer gefallen waren, seien alle 29 Hödinger Waldrappe "glücklicherweise wohlauf", wie der Projektleiter sagt – auch dank der gelungenen Rettungsaktion der Ziehmutter.

Video: Oasi WWF