Herr Jetter, Sie gehören zu den wenigen Menschen, die gerade keine Maske in Geschäften und dem öffentlichen Nahverkehr tragen müssen. Sind Sie auf der Straße deswegen schon angefeindet worden?

Für die kurzen Momente, für die man eine Maske nach der Corona-Verordnung braucht, ist das Tragen aus meiner Sicht zumutbar. Daher trage ich immer eine.

Menschen mit besonders schweren Fällen, die Schläuche tragen müssen oder COPD (Abkürzung für „chronic obstructive pulmonary disease“) haben, eine chronische Verengung der Atemwege, haben natürlich Probleme beim Atmen und sollten eine Bescheinigung vom Arzt bekommen.

Aber ich würde sagen, für 70 bis 80 Prozent der Leute, die Asthma haben, ist die Regelung zumutbar, eine Maske zu tragen.

Ich habe kein Verständnis für Leute, die keinen Abstand halten. Andere werden mit solchem Verhalten geschädigt. Das sollte jedem bewusst sein.

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Was passiert, wenn ein Asthmatiker aus Angst, schief angeschaut zu werden, trotzdem eine Maske trägt und aus ärztlicher Sicht eigentlich nicht tragen müsste, weil eine Bescheinigung vorliegt?

Man muss unterscheiden zwischen den verschiedenen Arten von Asthma, das allergische, verursacht durch Pollen, und das nicht allergische Asthma, das zum Beispiel bei seelischen Unnormalitäten entstehen kann.

Die Atemluft, die man einatmet, wird mit einer Maske schwerer aufgenommen. Bisher weiß ich aber von keinem, dass es wegen dem Tragen einer Maske zu einem Asthmaanfall kam.

Beim Lungenarzt lernt man Atemtechniken wie den Kutschersitz, damit der Oberkörper entlastet wird. Das sind bestimmte Grundregeln, die jeder Asthmatiker anwenden kann. Mit der Zeit lernt man, damit umzugehen.

SÜDKURIER-Volontärin Julia Leiber im Gespräch mit Helmut Jetter, Sprecher der Selbsthilfegruppe Asthma Bodenseekreis.
SÜDKURIER-Volontärin Julia Leiber im Gespräch mit Helmut Jetter, Sprecher der Selbsthilfegruppe Asthma Bodenseekreis. | Bild: Ganter, Toni

Müssen Sie sich im Alltag zurzeit zusätzlich schützen im Vergleich zu Menschen ohne Vorerkrankungen?

Ich lebe seit 20 Jahren mit Asthma. Gerade jetzt ist es wichtig, Sprays und Medikamente regelmäßig einzunehmen. Ich nehmen morgens und abends einen Spray, wie es von meinem Lungenarzt verordnet wurde.

Das Notfallspray sollte auch immer dabei sein. Aber ich bin derzeit gut eingestellt. Darauf sollte jetzt jeder Asthmatiker achten. In Kluftern haben wir jetzt zum Glück einen Pneumologen, also einen Lungenfacharzt, in der Nähe. Das ist sehr praktisch und ich bin froh darüber.

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Viele sind besorgt, dass sie mit einer Lungenerkrankung wie Asthma einen besonders schweren Verlauf von Covid-19 haben könnten. Macht es Ihnen Angst, dass Sie sich anstecken könnten?

Nein, ich sehe das gelassen. Asthma ist eine chronische Krankheit. Ich mache mir nicht mehr Sorgen als andere. Ich laufe mit keinem Angstgefühl herum.

Ich denke, dass gesunde Ernährung auch eine große Rolle spielt. Meine Frau und ich achten sehr darauf. Ich denke, mein Asthma könnte vielleicht schlimmer sein, wenn das nicht so wäre.

Was viele nicht wissen: Es gibt viele berühmte Sportler, die Asthma haben, zum Beispiel Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, und können trotzdem volle Leistung bringen. Das ist dank der Medikamente möglich, da sie die Lunge lösen und die Bronchien aufmachen.

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Ihre Selbsthilfegruppe „Asthma Bodenseekreis„ kann sich wegen Corona gerade nicht regelmäßig treffen. Fehlt Ihnen der Austausch mit anderen Betroffenen?

Wir sind eine lockere Gruppe von zwölf bis 15 Leuten. Unser letztes Treffen war im Februar. Es liegt daher schon eine ganze Weile zurück.

Doch wir waren uns einig, dass wir das Risiko einer Ansteckung nicht auf uns nehmen wollen, da wir zu Beginn der Corona-Krise zur Risikogruppe gezählt haben. Davon wird jetzt nicht mehr ausgegangen.

Aber der Austausch fehlt definitiv. Daher habe ich das nächste Treffen im September vorgesehen. Wir treffen uns immer am dritten Montag im Monat im Mehrgenerationenhaus Markdorf.

Wenn wir uns bei einer Veranstaltung irgendwo anmelden, sage ich immer, es kommt der Hustenclub (lacht).

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Sie sind bereits seit 17 Jahren Sprecher der Selbsthilfegruppe. Was gibt ihnen die Gruppe zurück?

Es gibt viele Medikamente auf dem Markt, besonders Sprays. Darüber tauschen wir uns aus, wie es jeder anwendet und wie es gesundheitlich jedem geht. Aber die ganz reguläre Unterhaltung kommt natürlich nicht zu kurz.

Ich organisiere auch Referenten zu verschiedenen Themen, zum Beispiel waren schon Apotheker und Heilpraktiker bei uns. Außerdem unternehmen wir Exkursionen.

Zum Beispiel waren wir schon in Davos und in Pfronten im Allgäu in der Lungenklinik oder in Bad Dürrheim. Alle zwei Jahre sind wir auch in der Lungenfachklinik in Wangen zu Besuch.

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Was würden Sie aufgrund der aktuellen Situation anderen Asthmatikern raten?

Man kann damit steinalt werden und gut leben. Da bin ich ein Beispiel dafür. Deswegen ist es so wichtig, sich zu informieren, welche Medikamente und Hilfsmittel es aktuell gibt und sich Informationen einzuholen.

Da gibt es immer wieder was Neues. Und den Mut haben, Sachen auszuprobieren und mitzumachen. Ganz wichtig: Nicht sagen, dass etwas aufgrund des Asthmas nicht möglich ist, sondern erst mal ausprobieren.

„Man kann eine Krankheit oder einen Schicksalsschlag generell nicht verarbeiten, sondern nur versuchen, zu bewältigen. Und jeder sollte herausfinden, was einem gut tut.“
„Man kann eine Krankheit oder einen Schicksalsschlag generell nicht verarbeiten, sondern nur versuchen, zu bewältigen. Und jeder sollte herausfinden, was einem gut tut.“ | Bild: Stefanie Nosswitz

Angebracht ist auch öfters der Gang in eine Salzgrotte zum Durchatmen. Zudem ist Bewegung wichtig. Die Luft im Wald tut gut und hier in Markdorf haben wir einige Möglichkeiten für Waldgänge.

Viele erleben die Corona-Zeit als einschränkend. Auf was freuen Sie sich besonders, wenn die Corona-Krise irgendwann vorbei sein sollte?

Wenn unsere Enkel öfters da wären und ich mit ihnen etwas machen könnte. Ich möchte ihnen so viel wie möglich an Erfahrung weitergeben.

Aber ich erfreue mich gerade auch an Blumen in unserem etwas wilden, aber naturnahen Garten. Wir haben nur bienenfreundliche Pflanzen.

Jetter erfreut sich in seinem Garten an Giersch. „Das ist eine famose Salatpflanze“, sagt er.
Jetter erfreut sich in seinem Garten an Giersch. „Das ist eine famose Salatpflanze“, sagt er. | Bild: Sandra Häusler

An unserem Haus haben wir ein Schild „Meide Gärten ohne Unkraut“, denn die meisten Unkräuter sind herrliche und gesunde Speisezutaten.

Wegweiser, der in die Richtung des Gartens von Helmut Jetter zeigt: „Meide Gärten ohne Unkraut.“
Wegweiser, der in die Richtung des Gartens von Helmut Jetter zeigt: „Meide Gärten ohne Unkraut.“ | Bild: Helmut Jetter

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