Extrem: Dieses Wort trifft auf ein Spartan-Ultra-Rennen definitiv zu. Es ist ein Extremhindernislauf über mehr als 50 Kilometer mit etwa 70 Hindernissen und mehr als 2000 Höhenmetern – und das auch noch bei 35 Grad im Hochsommer. Wer diese Tortur auf sich nimmt, ist tatsächlich ein Spartaner, ein Extremsportler, der vor allem eines benötigt: einen unbändigen Willen.

Beim ersten Rennen 2019 löst sich die Sohle

Einer davon ist Marcel Wunn aus Hepbach. 2019 stand er zum ersten Mal bei diesem Rennen im französischen Morzine an der Startlinie. Es war eine Premiere für ihn. Und es sollte eine denkwürdige werden, denn nach fünf Kilometern passierte etwas, was für den Großteil wohl das Aus bedeutet hätte: der 33-Jährige verlor an seinem linken Schuh die Sohle.

Mit einem Baumstamm auf der Schulter: Wunn bei seinem ersten Ultra-Rennen im französischen Morzine.
Mit einem Baumstamm auf der Schulter: Wunn bei seinem ersten Ultra-Rennen im französischen Morzine. | Bild: sportograf

„Aufgeben war für mich einfach keine Option“, sagt er heute. „Ich bin einfach weitergelaufen.“ Mehr als 45 Kilometer, Trails, Hindernisse und zwei Berge erklomm er quasi einseitig barfuß. Und er schaffte die Distanz tatsächlich in gut 13 Stunden.

Im September soll die Europameisterschaft stattfinden

Heute kann der vierfache Vater auf mehr als 30 Rennen zurückblicken. Einige davon gingen über die Ultra-Distanz. Im vergangenen Jahr schaffte er denn sogar die Qualifikation zur Europameisterschaft. „Es war für mich sicher ein Ziel, als ich es dann tatsächlich geschafft hatte, konnte ich es trotzdem kaum glauben“, sagt er. Allerdings musste die EM auf den September in diesem Jahr verschoben werden. Nun hält er sich vor allem mit Training fit.

Extremhindernisläufer Marcel Wunn aus Hepbach bei seinem ersten Ultra-Rennen im französischen Morzine bei einem Hindernis.
Extremhindernisläufer Marcel Wunn aus Hepbach bei seinem ersten Ultra-Rennen im französischen Morzine bei einem Hindernis. | Bild: sportograf

Marcel Wunn sagt über sich selbst, dass er bis vor sieben Jahren eigentlich alles andere als sportlich war. Durch einen Kreuzbandriss bei der Bundeswehr wurde er ausgemustert und trainierte gerade in der Reha, um wieder fit zu werden, als er in den Sozialen Medien Bilder vom Hindernislauf „Tough Mudder“ sah. „Die haben mich so fasziniert, dass ich da einfach mal mitmachen wollte“, erinnert er sich.

Video: Jäckle, Reiner

Mitte 2017 hat er sich diesen Traum erfüllt. Es war ein Hindernisrennen über 20 Kilometer mit 45 Hindernissen. Es benötigte viereinhalb Stunden und war danach körperlich eine ganze Woche lang völlig am Ende. Trotzdem hat dieses Rennen in ihm fast alles verändert.

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Für ihn ist der Extremsport fast schon wie eine Sucht

„Ich war zwar körperlich völlig fertig, doch mental hat es mich gepackt“, sagt der Hepbacher. „Ich begann zu trainieren und habe mir geschworen, dass das nicht mein letztes Rennen gewesen sein soll.“ Es sei fast schon wie eine Sucht gewesen. Er suchte sich weitere Rennen heraus und erhöhte ziemlich schnell die Distanz. Ende 2017 wurde ein 60-Kilometer-Rennen angekündigt mit limitierten Startplätzen und einem Zeitlimit von zehn Stunden. „Ich wollte da unbedingt dabei sein und habe mich sofort angemeldet“, sagt Marcel Wunn. „Auch wenn es körperlich für mich ein Himmelfahrtskommando war.“

Hart im Nehmen: Das Training kann eigentlich kaum anspruchsvoll genug sein.
Hart im Nehmen: Das Training kann eigentlich kaum anspruchsvoll genug sein. | Bild: Jäckle, Reiner

Doch der 33-Jährige begann gezielt zu trainieren, stellte seine Ernährung komplett um und hat sich in die Trainingslehre eingelesen. Etwa ein halbes Jahr konzentrierte er sich auf das große Ziel: das Ultra-Rennen. Am Ende schaffte er die Distanz in etwas mehr als neun Stunden. Er lernte viele Gleichgesinnte kennen und tauschte sich aus. Er nahm sogar an einem Training mit dem Weltmeister im Extremhindernislauf teil und ließ sich von ihm Trainingspläne schreiben.

Ein 24-Stunden-Rennen, gleichzeitig in sechs Ländern

Das führte dazu, dass er sich 2019 zum Wettkampf „Spartan H3X“ anmeldete. Das ist ein 24-Stunden-Rennen, das gleichzeitig in sechs Ländern auf der ganzen Welt stattfindet. Jeder Austragungsort tritt gegen die anderen an. Die Teilnehmer können bei ihren Rennen Punkte sammeln. Und Marcel Wunn gehörte mit dem Team, das in Österreich antrat, zu den Siegern. „Diesen Titel haben wir 2020 sogar verteidigen können“, sagt er. „Das ist jedes Mal eine Wahnsinns-Stimmung.“

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Momentan bleibt dem Hepbacher nichts anderes übrig als trainieren, trainieren, trainieren. „Ich bin sehr viel auf dem Trimm-Dich-Pfad in Markdorf“, sagt er. „Außerdem baue ich mir auf einem Feld gerade einige Hindernisse auf, damit ich auch spezifisch trainieren kann.“ Da kommt es schon mal vor, dass ein Mann mit Sandsack auf dem Rücken durch den Wald läuft. „Neulich hat mich mal eine alte Dame gesehen, die dann nur meinte, dass das ja schon wie für eine Weltmeisterschaft aussehe“, erzählt Marcel Wunn schmunzelnd. „Ich habe dann geantwortet, dass es nur für eine Europameisterschaft sei.“

Beim Training mit Gewichtsweste und Sandsack auf dem Trimm-Dich-Pfad in Markdorf arbeitet Wunn gerade an seiner Fitness: Er bereitet sich auf die Europameisterschaft im Herbst vor.
Beim Training mit Gewichtsweste und Sandsack auf dem Trimm-Dich-Pfad in Markdorf arbeitet Wunn gerade an seiner Fitness: Er bereitet sich auf die Europameisterschaft im Herbst vor. | Bild: Jäckle, Reiner

Sein Faible ist und bleibt auf jeden Fall dieser Extremhindernislauf. „Diese Herausforderung jedes Mal, wenn man am Start steht, ist einfach faszinierend“, erklärt er. „Außerdem herrscht bei einem Rennen ein genialer Spirit auch untereinander.“ Es sei wie eine große Familie. Man helfe sich auf der Strecke, wenn etwas ist, muntert sich gegenseitig auf und feuert sich an. „Vor allem auf der Langdistanz kann ich meine große Stärke, die Willenskraft, perfekt nutzen“, sagt Marcell Wunn. „Jetzt hoffe ich, dass wir bald mal wieder an die Startlinie können.“