Dagmar Hoehne ist Kinder- und Jugendpsychiaterin in Friedrichshafen, zweifache Mutter und vierfache Oma. Sie weiß, dass die Situation für viele Kinder, Eltern und Großeltern gerade sehr schwierig ist und nicht mehr lange dauern sollte.
Dagmar Hoehne ist Kinder- und Jugendpsychiaterin in Friedrichshafen, zweifache Mutter und vierfache Oma. Sie weiß, dass die Situation für viele Kinder, Eltern und Großeltern gerade sehr schwierig ist und nicht mehr lange dauern sollte. | Bild: Verena Hoehne

Frau Dr. Hoehne, was macht die aktuelle Situation mit Familien und Kindern?

Das hängt sehr stark davon ab, was die Familie ansonsten noch so zu tragen hat und wie sie damit umgeht. Ich merke, dass auf die Dauer des Lockdowns insbesondere die Tatsache, dass die Kinder kaum mehr soziale Kontakte haben und keinen Ausgleich im Kontakt mit Gleichaltrigen haben, Spuren hinterlässt – und zwar deutliche. Für viele Eltern sind die Verpflichtungen, also Hausaufgaben überwachen, vielleicht noch ein Kleinkind betreuen und gleichzeitig Homeoffice machen, auf längere Zeit kaum bewältigbar. Es ist einfach nicht machbar, bis nachts die Erwerbsarbeit nachzuholen und morgens um sechs Uhr wacht das erste Kind wieder auf. Viele Familien sind zunehmend überlastet.

Was fehlt den Kindern denn am meisten?

Viele meiner jungen Patienten sagen mir: „Ich hab Heimweh nach der Schule.“ Den meisten fehlen die Freunde, aber auch die Lehrer. Viele kommen auch mit dem Homeschooling nicht klar, verstehen die Aufgaben nicht, haben aber auch keine gute Tagesstruktur. Es gibt aber auch eine Gruppe von Kindern, die gerade erleichtert ist. Das ist die Gruppe von Kindern, die sozial sehr zurückhaltend sind oder die Mobbing in der Schule erleben und sich schulmeidend verhalten. Was aber alle traurig finden, ist der fehlende Kontakt zu den Großeltern.

Leere Schaukeln in Friedrichshafen – ein Bild aus Corona-Zeiten.
Leere Schaukeln in Friedrichshafen – ein Bild aus Corona-Zeiten. | Bild: Lena Reiner

Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin warnt vor drastischen Folgen, die die Isolation für Kinder hat. Sehen Sie das auch so?

Ja, dem stimme ich zu. Die Isolation ist für viele Kinder schwierig. Wenn man mal so ein bisschen in unsere Nachbarländer schaut, sieht man andere Entscheidungen, die zum Teil genau gegenteilig sind. Die Schweizer beispielsweise holen erst die kleinen Kinder zurück in die Schule. Die Begründung ist, dass die älteren Kinder besser mit dem Online-Unterricht und den Strukturen besser zurecht kommen. Man kann das natürlich nun so oder so entscheiden. Natürlich sehe ich auch die Jugendlichen, die sind auch gestresst. Sie müssen ihren Abschluss machen, denn der entscheidet über ihre berufliche Zukunft. Aber auch für die Kleinen darf es nicht mehr ewig gehen, die brauchen auch ihre sozialen Kontakte und haben einen Anspruch darauf.

Sie sprechen vom Beispiel Schweiz. Dort galt das Kontaktverbot nie für Kinder, sie durften immer mit anderen spielen.

Für Kinder ist das Spielen mit anderen Kindern wie für Erwachsene die Arbeit. Wenn wir nicht arbeiten dürfen, geht es uns meist auch nicht gut. Und Kindern geht es nicht gut, wenn sie nicht spielen können. Zum Spielen braucht man ein Gegenüber. Das darf nicht mehr lange gehen so. Die Kinder, die Geschwister haben, sind zwar etwas im Vorteil, aber dort verstärken sich häufig auch die Konflikte.

Ein großes Thema in Familien ist das Homeschooling. Kann das funktionieren, nun im Lehrplan weiter zu machen?

Ich bewundere Lehrer, die es schaffen, da eine gewisse Kreativität hereinzubringen – und die erlebe ich. Aber die sagen alle: Neue Themen werden nur sehr dosiert mit reingebracht. Das geht aber nur mit hoher Kreativität und Engagement und auch mit den medialen Mitteln. In vielen Familien ist die technische Ausstattung doch gar nicht da, da fehlt der Drucker, das Laptop, das schnelle Internet. Jetzt merkt man sehr deutlich, was dem Schulsystem zur Digitalisierung fehlt. Und da wird sich hoffentlich bald viel ändern.

Das könnte Sie auch interessieren

Bleiben Kinder jetzt schulisch auf der Strecke?

Ja. Kinder aus sozial benachteiligten Familien sind die großen Sorgenkinder. Auch Migranten, die sich teilweise sehr bemühen, haben große Probleme. Es fehlt an Ausstattung und auch an Sprachkenntnis, um den Kindern das Wissen überhaupt vermitteln zu können. Da müssen sich Pädagogen doch nochmal anders Gedanken machen, wie man das anders gestalten kann – vor allem, wenn das jetzt noch länger geht. Da sind Ideen und Kreativität gefragt.

Wie sieht denn eine gute Tagesstruktur derzeit für Familien aus?

Man steht morgens gemeinsam auf und frühstückt und dann geht es – je nach Alter – weiter. Einem 14-Jährigen gebe ich nicht mehr alles vor, aber einem Achtjährigen muss ich etwas Klares vorgeben – und zwar mit Pausen. Es kann nicht drei Stunden ununterbrochen gelernt werden, solange kann sich kein Kind in der Altersstufe konzentrieren. Also gibt es zwischen den Schulstunden einige Pausen, vielleicht einen kleinen Snack, etwas Bewegung. Dann gibt es ein Mittagessen und nachmittags kann noch etwas gearbeitet werden oder eben auch einfach gespielt werden. Man muss den Kindern auch positive Erlebnisse schaffen und ihnen zeigen, was sie so geschafft haben. Das ist ganz wichtig.

Das könnte Sie auch interessieren

Was ist, wenn das mit der Lernerei zuhause nicht gut klappt?

Wir haben jetzt eine Krise – und das wissen die Kinder, denn es trifft auch sie. Und wir müssen jetzt weit lernen, wie wir diese Krise eine Stück weit positiv überstehen. Das heißt für das Thema Schule: Mut zur Lücke. Eltern sind keine Ersatzlehrer und wenn das Kind etwas nicht geschafft oder verstanden hat, heißt das für die Eltern, dass sie das genau so dem Lehrer rückmelden sollten. In dem Moment ist der Lehrer gefragt. Die Lehrer haben ja auch nicht frei. Die sollen sich mit ihren Kindern, die sie zu betreuen haben, ein Stück weit beschäftigen – anrufen, mit Eltern Kontakt halten, mal ein Video machen. Ich höre von manchen, dass das super klappt und nahezu täglich eine Videokonferenz stattfindet.

Digitale Medien für die Schule zu nutzen, ist das eine. Aber viele Kinder und Jugendliche kleben ja auch in ihrer Freizeit vor dem Bildschirm und daddeln. Fördert der Lockdown Mediensucht?

Das trifft jetzt nicht auf alle zu. Aber ich beobachte bei einigen meiner jugendlichen Patienten eine Tag/Nacht-Umkehr. Das heißt diese Jugendlichen schlafen tagsüber und sitzen die ganze Nacht am Computer. Die Eltern schaffen es oft nicht mehr, den Konsum zu begrenzen. Das macht schon Sorgen. Auf der anderen Seite kann ich auch Eltern kleinerer Kinder verstehen, die nun mehr Medienkonsum zulassen, weil sie einfach eine Verschnaufpause brauchen oder halbwegs ungestört eine Telefonkonferenz abhalten müssen. Trotzdem ist es ganz wichtig, auch die Regeln und Grenzen miteinander zu besprechen.

Das heißt, den Konsum etwas ausweiten ist zwar in Ordnung, aber Regeln sollte es trotzdem geben?

Ja, genau. Da müssen Eltern individuell schauen, was das Kind verträgt. Aber es muss weiter begrenzt, also ausgeschaltet werden. Es gibt aber Familien, die das überhaupt nicht können, weil sie eigentlich nie besonders gut eingeübt haben, Grenzen zu setzen und Angst haben vor den Reaktionen ihrer Kinder.

„Grenzen setzen“ und „Nein sagen“ ist bei vielen Eltern fast ein Schimpfwort.

Ja, das ist schon etwas, was mich manchmal ein wenig beunruhigt, auch außerhalb der Corona-Zeit. Aber es geht ja nicht um das „Nein“ des Neins Willens, sondern darum mit ihnen bedürfnisorientiert und altersgerecht ins Gespräch zu kommen. Grenzen setzen bedeutet einfach, dass ich auch als Erwachsener den Mut habe, Regeln aufzustellen, gemeinsam mit den Kindern und dann zu sagen: ‚Daran halten wir uns jetzt auch und ich kontrolliere diese Regeln auch. Es kann nicht sein, dass du die ganze Nacht an deinem Handy bist. Das wird um 22 Uhr abgegeben.‘

Video: Sabine Wienrich

Viele Eltern sind gerade selbst stark belastet. Haben Kurzarbeit, Existenzängste, vielleicht schon den Job verloren. Wie wirkt sich das auf die Kinder aus?

Ich habe die Finanzkrise 2008/2009 als Kinder- und Jugendpsychiaterin erlebt und die ist sehr deutlich angekommen. Man könnte ja meinen, dass Eltern, die Kurzarbeit und nun mehr Zeit haben, glücklicher sind. Dem ist aber überhaupt nicht so, denn die haben Sorgen um ihren Job. Und die Sorgen der Eltern übertragen sich auf die Kinder. Und die wiederum entwickeln Stresssymptome – und dann sitzen sie wieder bei mir.

Wie können Eltern vermeiden, dass sich der Stress auf die Kinder überträgt?

Ich denke, sie sollten vor allem ehrlich sein. Sie sollten sagen: „Mama, Papa, haben gerade gewisse Sorgen.“ Wenn ich jetzt aber einen Sechsjährigen vor mir habe, muss ich nicht mit ihm die Kurzarbeit besprechen. Dem ist es wichtig, zu wissen, ob er trotzdem Geburtstagsgeschenke bekommt. Man sollte versuchen es kindgerecht zu erklären, was eigentlich los ist. Darüber schweigen und hinweggehen ist auch nicht sinnvoll, denn die Kinder spüren das auch nonverbal. Man darf allerdings nicht erwarten, dass Kinder auf traurige, gestresste Eltern Rücksicht nehmen können – denn das können sie eben noch gar nicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Was wünschen sie sich für die nächsten Tage und Woche der Corona-Krise?

Ich wünsche mir, dass die Politik die Sorgen der Eltern ernst nimmt und sie in ihre Entscheidungen miteinbezieht. Den Eltern wünsche ich, dass sie nicht den Mut verlieren und es schaffen, gut mit ihren Kindern zu sein. Und ich wünsche mir, dass auch die Kinder etwas aus der Krise für das Leben danach mitnehmen. Zum Beispiel die große, gegenseitige Rücksichtsnahme. Das, was ich tue, hat eine Auswirkung auf die anderen.

Fragen: Sabine Wienrich