ZF-Vorstandsvorsitzender Wolf-Henning Scheider und Gesamtbetriebsratschef Achim Dietrich informierten am Freitagmorgen die gesamte ZF-Belegschaft darüber, dass am Mittwoch der neue Tarifvertrag „Transformation“ unterzeichnet worden sei.

Hohe Verluste durch die Corona-Pandemie

Im Kern verspricht das Unternehmen, alle Arbeitsplätze der 50 000 in Deutschland beschäftigten Mitarbeiter bis Ende 2022 zu sichern, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten und alle Standorte in Deutschland zu erhalten. „Wir erleben derzeit eine Wirtschaftskrise, die alles bisherigen in den Schatten stellt“, sagte ZF-Chef Wolf-Henning Scheider vor der Belegschaft. Das Unternehmen habe im zweiten Quartal diesen Jahres „hohe Verluste“ eingefahren, der Umsatzeinbruch sei immens. Daher sei es nötig gewesen, nun eine neue Rahmenvereinbarung mit der Gewerkschaft zu schließen, um die Folgen der Krise abzumildern.

Das könnte Sie auch interessieren

ZF-Mitarbeiter verzichten auf Sonderzahlung

Wie Gesamtbetriebsratchef Achim Dietrich erläuterte, können nun bis einschließlich 31. Dezember 2022 keine betriebsbedingten Kündigungen ausgesprochen werden. Auch Standortschließungen sind in diesem Zeitraum nicht möglich. Achim Dietrich warnte: „Es läuft derzeit nicht rund bei ZF„, daher müssten nun auch die Beschäftigten einen Preis bezahlen. Die ZF-Mitarbeiter müssen daher in diesem Jahr auf eine Sonderzahlung von 400 Euro verzichten, die im Juli fällig geworden wäre.

Im Gegenzug kann die ZF Mittel wie Kurzarbeit, Reduzierung der Arbeitszeit, Altersteilzeit und Abfindungen einsetzen. „Wir werden den Arbeitnehmern Angebote machen wie Auflösungsverträge oder Altersteilzeit“, erklärte Wolf Henning Scheider. Die ZF könne in der Laufzeit des Vertrages die Arbeitszeit bis zu 20 Prozent anpassen.

Bild: Lena Reiner
„Es läuft derzeit nicht rund bei ZF„
Achim Dietrich, Gesamtbetriebsratsvorsitzender

„Die Corona-Pandemie hat mit Wucht die Autokrise verschärft. Wir haben zwar neue Aufträge, aber auch die täuschen nicht darüber hinweg, dass wir uns in einer ernsten Lage befinden“, erläuterte Wolf-Henning Scheider.

Das könnte Sie auch interessieren

Ab 2023 sind Standortschließungen nicht ausgeschlossen

In den kommenden zwei Jahren sollen nun Lösungen für die Zukunft der deutschen Standorte erarbeitet werden. „Ich möchte ganz offen sein. Es gibt einzelne Standorte, der Zukunft unklar ist. Wir wollen die Zeit nutzen, um zu schauen, wie es dort weitergehen kann oder ob Werksschließungen unvermeidlich sind“, erklärte Scheider der Belegschaft. Achim Dietrich sagte dazu: „Das wird ganz sicher ein anstrengender Weg. Aber wir haben bei der ZF tolle Leute mit tollen Ideen. Wir sind sicher, dass wir Lösungen für alle Standorte finden werden.“

Wolf-Henning Scheider, Vorsitzender des Vorstands der ZF Friedrichshafen AG
Wolf-Henning Scheider, Vorsitzender des Vorstands der ZF Friedrichshafen AG | Bild: Felix Kaestle
„Für einzelne Standort ist die Zukunft unklar – wir können Werksschließungen nicht ausschließen.“
Wolf-Henning Scheider, ZF-Vorstandsvorsitzender
Das könnte Sie auch interessieren

Festgeschrieben haben die Tarifparteien zudem, dass alle Auszubildenden und dual Studierenden unbefristet übernommen und alle Ausbildungsplätze erhalten werden. Ein weiteres wichtiges Element des Regelungspakets ist der Tarifvertrag „Kurzarbeit und Beschäftigung“, der bislang nur in Baden-Württemberg galt. „Um Einkommensverluste abzufedern, haben wir mit diesem Instrument höhere Aufstockungsbeträge für die sogenannte ,tarifliche Kurzarbeit‘ vereinbart. Im Fall von gesetzlicher Kurzarbeit kann ein Beschäftigter jetzt nicht mehr unter 90 Prozent seines letzten Nettos fallen“, erklärt IG Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger in einer Pressemitteilung. Durch einen Haustarifvertrag gelten diese höheren Aufzahlungslinien erstmals bundesweit für alle ZF-Standorte.

Was noch in der Betriebsversammlung gesprochen wurde:

Was sagen die Beschäftigten?

Für Peter Moske sind viele Fragen übrig geblieben. ZF ist seit drei Jahrzehnten sein Zuhause. Er ist mittlerweile in Alterssicherung, muss sich wenig Sorgen machen um seine berufliche Zukunft. Und doch sorgt er sich. „Was ist mit den jungen Kollegen? Werden befristete Stellen erhalten?“ Zur Messe ist er trotz Urlaub gefahren, weil viele seiner Freunde in befristeten Arbeitsverträgen stecken. „Die schuften und haben doch keine Sicherheit“, sagt er.

Peter Moske
Peter Moske | Bild: Daniela Biehl

Auch bei Markus Franke aus der Härterei bleibt Unsicherheit zurück. „Es geht mir so viel durch den Kopf“, sagt er. „Wie es nach 2022 weitergeht, ob Werke schließen werden. Und auch, wie lange wir noch in Kurzarbeit müssen.“ Ihm fehle das Geld. Und vor allem habe er nicht das Gefühl, ernst genommen zu werden.

Björn Machelett
Björn Machelett | Bild: Daniela Biehl

Ganz anders geht es Björn Machelett. Er zeigt Verständnis für ZF-Chef Wolf Henning Scheider. „Eine Krise zu managen ist nicht einfach.“ Pleite gehen solle die ZF schließlich auch nicht. Mit dem, was der Betriebsrat ausgehandelt habe, sei er zufrieden, spricht von „schöner Solidarität“ und sieht zumindest einen Hoffnungsschimmer: „Bis 2022 passiert uns nichts.“

Was sagt die IG Metall?

Helene Sommer, Erste Bevollmächtigte der IG Metall in Friedrichshafen-Oberschwaben, sprach Klartext: „Alle bleiben an Bord.“ Das gelte sowohl für Auszubildenden, als auch für die 300 befristeten Beschäftigten am Standort FN und für die Leiharbeiter, die ebenfalls in Kurzarbeit gesetzt wurden. Dass auch Leiharbeiter in Kurzarbeit dürfen, sei vom Gesetzgeber möglich gemacht worden, habe aber zu Debatten mit dem Vorstand geführt. Nun gehe es darum, auch die Jobs der befristet Beschäftigten und der Leiharbeiter zu erhalten.

Bild: Lena Reiner

„ZF befindet sich seit März in einer Achterbahn-Fahrt“, sagt Sommer. Es sei schwierig, den Beschäftigten zu erklären, warum manche noch in Kurzarbeit null seien, aber in anderen Bereichen wieder Ferienjobber eingestellt werden. „Unser Ziel ist die Beschäftigungssicherung – und das haben wir erreicht“, so Sommer.

Was sagt der Häfler Betriebsrat?

Franz Müller, Betriebsratsvorsitzender des Bereichs Z, berichtet von den sehr unterschiedlichen Kurzarbeiterquoten in den einzelnen Abteilungen: „Wir haben einige Bereiche, zum Beispiel im Bereich Forschung- und Entwicklung der E-Mobilität, wo alle bereits wieder voll arbeiten, und andere, in denen einen Abteilung noch komplett in Kurzarbeit Null ist. Das ist schwierig für alle.“ Vor allem in Produktion in Friedrichshafen habe es bereits im April wieder größere Aufträge gegeben, sodass Abteilungen zurück geholt wurden und sogar lang vereinbarte Schließtage rückgängig gemacht werden mussten. „Eine hohe Kurzarbeitsquote und das gleichzeitige Abarbeiten von Kundenaufträgen funktioniert nicht“, erklärt er. Das habe auch zu großem Unverständnis in der Belegschaft geführt.

Was ist neu in Friedrichshafen?

Ab 1. August gibt es eine Maskenpflicht für alle ZF-Beschäftigten in Friedrichshafen. Diese gilt laut Müller immer dann, wenn der Arbeitsplatz verlassen wird, also in den Fluren, auf den Toiletten, an den Automaten. Auch die Klimaanlagen sollen überprüft werden, damit es keine Ausbrüche wie bei Toennies gebe.

Ab 1. Oktober werden an alle berechtigten Vollzeitbeschäftigten 500 Euro aus dem Beschäftigungssicherungsfond, den es seit der Krise 2008/2009 gibt, ausgezahlt. „Damit wollen wir den Wegfall der 400 Euro aus dem T-Zug ausgleichen“, sagt Müller. Im Fond sei noch genug Geld, um auch Qualifizierungsmaßnahmen und Weiterbildungen zu fördern oder eine zweite Auszahlung zu machen.

Das könnte Sie auch interessieren