„Queer“ bedeutet wörtlich übersetzt „seltsam“ oder „komisch“. Ursprünglich war der Begriff auch abwertend gemeint – auf homosexuelle Menschen gemünzt. Inzwischen nutzen Schwule, Lesben und Bisexuelle „queer“ aber als Selbstbezeichnung und haben es positiv belegt. Menschen, die heterosexuellen und/oder zweigeschlechtlichen Normen nicht entsprechen, bezeichnen sich oft als queer.

Kundgebung am Wochenende in Friedrichshafen

„Queer Pride“ kombiniert diesen Begriff mit „Pride“, also Stolz. Und unter diesem Motto steht die Kundgebung am Wochenende in Friedrichshafen. Helen Baur bildet gemeinsam mit Hauke Lenk das Veranstalterteam der ersten Queer-Pride-Kundgebung seit vielen Jahren im Hafen. Die 28-Jährige möchte damit mehr Sichtbarkeit für queere Menschen vor Ort schaffen: „Ich bin total gespannt, wie sich das entwickelt und ob wir es auch erreichen, politische Forderungen durchzusetzen und etwa eine Transberatungsstelle vor Ort einzurichten.“ Eine solche Anlaufstelle fehle nämlich.

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Zwar leiste der Verein „foqus“ sehr gute Arbeit mit Schulworkshops und Beratung, sei aber im Bereich Bodensee-Oberschwaben eigentlich das einzige Angebot für die junge queere Zielgruppe. Um zumindest einen Treffpunkt für transsexuelle junge Menschen zu schaffen, hat Helen Baur mit einem kleinen Team die „Trans*Youth Bodensee„ begründet, die sich regelmäßig im Jugendzentrum Molke trifft, um sich auszutauschen. „Anfangs wollten wir eine Selbsthilfegruppe gründen“, schildert sie. Doch das Format einer offenen Jugendgruppe habe sich als stimmiger erwiesen: „Die Jugendlichen möchten nicht nur über Probleme sprechen, sondern einfach zusammenkommen und sich austauschen.“

Helen Baur ist die Sichtbarkeit queerer Menschen privat und beruflich ein großes Anliegen.
Helen Baur ist die Sichtbarkeit queerer Menschen privat und beruflich ein großes Anliegen. | Bild: Lena Reiner

Helen Baur: Wir wollen queeres Leben in Friedrichshafen sichtbarer machen

Doch Helen Baur ist nicht nur stellvertretend für andere interessiert daran, queeres Leben in Friedrichshafen sichtbarer zu machen. „Ich ordne mich auch selbst der queeren Community zu“, sagt sie. Für sie ist dabei politisches Engagement und Privates eng verknüpft. Dabei musste sie feststellen, wie schwierig es sei, sich zu vernetzen und Öffentlichkeit herzustellen: „Um Gleichgesinnte zu finden, muss man die Regenbogenflagge quasi auf der Brust tragen.“

Kleines Glossar

Gleichzeitig sei es nicht nur Fluch, sondern auch Segen, als bisexuelle Frau in ihrer aktuellen Beziehung mit einem Cis-Mann quasi unsichtbar zu sein. Da Helen Baur zuvor lange in einer Beziehung mit einem Mann war, habe sie sich erst im Alter von 24 Jahren outen müssen, als sie die erste Beziehung mit einer Frau führte: „Ich musste mich davor nicht erklären, da ich als heterosexuell angesehen wurde.“

Es löse oft andere Reaktionen aus, wenn sie jetzt wieder sage: „Ich war am Wochenende mit meinem Freund Kaffee trinken.“ Oder in ihrer vorherigen Beziehung gesagt habe: „Ich war am Wochenende mit meiner Freundin Kaffee trinken.“ Am meisten Verwunderung habe sie dabei ausgelöst, weil sie nicht „wie eine Lesbe aussehe“ – so sei sie schon angesprochen worden. Sie stockt kurz: „Das soll jetzt nicht falsch rüberkommen. Ich selbst glaube nicht, dass eine Lesbe ein bestimmtes Aussehen hat. Aber es gibt da diese Stereotype und zu der passt keine Frau mit langen Haaren, die auch gerne Make-up trägt.“

Helen Baur hat bislang nur wenige negative Erfahrungen gemacht

Helen Baur ist überzeugt, dass mehr Sichtbarkeit queerer Menschen auch mit solchen Vorurteilen aufräumen könne und überhaupt Stereotypen von Geschlechtern und sexueller Orientierung infrage gestellt werden sollten. Von den Jugendlichen aus der „Trans*Youth“ weiß sie, dass, wer sich schon zu Schulzeit outet, häufig Opfer von Mobbing wird. Sie selbst habe nur wenige negative Erfahrungen gemacht, seit sie sich vor vier Jahren als bisexuell geoutet hat: „Die meisten reagieren positiv.“ Manchmal sei sie allerdings auch schon dafür belästigt worden.

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Ihrer Exfreundin und ihr seien anzügliche Sprüche nachgerufen worden: „Frauenpaare werden oft sexualisiert.“ Manchmal habe sie sich auch bedroht gefühlt; etwa auch, als vor knapp drei Wochen in Ravensburg ein schwuler Mann körperlich attackiert wurde. „Ich denke aber, dass das überall vorkommt und nicht hier für die Gegend besonders ist“, ergänzt sie.

Tom Lendzian: Kleinere Städte bieten auch viele Chancen

Als besonders positiv erlebt hingegen Tom Lendzian das Häfler Klima: „Es ist hier total familiär und durchmischt.“ In seinem Umfeld sei es normal, dass heterosexuelle und homosexuelle Paare befreundet seien. Er habe sich hier sofort willkommen gefühlt, als er vor vier Jahren von Nürnberg in die kleine Stadt am Bodensee gezogen sei: „Ich denke, das ist auch eine Chance von kleineren Städten.“ Eine ähnliche Durchmischung wünscht sich der 48-Jährige auch für den Rest der Gesellschaft: „Ich denke, dann merkt man auch schnell, wie unterschiedlich wir sind und dass man uns nicht alle in einen Topf werfen kann.“

Tom Lendzian am Brunnen auf dem Adenauerplatz, auf dem am Sonntag die Queer Pride-Kundgebung starten wird.
Tom Lendzian am Brunnen auf dem Adenauerplatz, auf dem am Sonntag die Queer Pride-Kundgebung starten wird. | Bild: Lena Reiner
„Ich denke, der Bedarf zu reden ist da.“
Tom Lendzian

Lendzian hofft daher, dass die anstehende Veranstaltung am Sonntag einen Ort der Begegnung schaffen kann und außerdem regelmäßig jährlich stattfinden wird: „Wovor ich Sorge habe, ist, dass hier 30 Menschen für die Kundgebung stehen, zwei Polizeiautos und dann lauter Zaungäste.“ Stattdessen wünsche er sich, dass nicht nur queere Menschen zusammenkämen, sondern eben auch Freunde von ihnen, Interessierte. Dass ein Austausch stattfinden könne: „Ich denke, der Bedarf zu reden ist da.“ Es könne auch hilfreich sein für Menschen, die sich über sich selbst klar zu werden versuchten, hier Ansprechpartner zu finden.

Tom Lendzian fühlte sich zunächst wie ein Alien

Für einen Moment schweigt Tom Lendzian und sagt dann: „Das war für mich selbst eigentlich das Schlimmste, dass ich dachte, ich sei ganz alleine.“ Als Mann, der lange mit einer Frau verheiratet war und außerdem Vater wurde, habe er sich als Alien gefühlt. Er beschreibt den Moment, als ein schwuler Mann, den er kennengelernt habe, von seiner Tochter erzählt habe und die Erleichterung bei der Erkenntnis, dass es Menschen gebe, die etwas Ähnliches erlebt hätten: „Es tut gut, mit Menschen reden zu können, die wissen, wie das ist.“ Er habe festgestellt, dass auch da, wo Schwulsein kein Tabu sei, es doch ein Tabu sei, eine Frau oder gar Frau und Kind für einen gleichgeschlechtlichen Partner zu verlassen.

Eine riesige Regenbogenflagge beim CSD (Christopher Street Day) in Freiburg 2018. Die weltweiten Paraden und Demonstrationen zum Christopher Street Day erinnern an den Stonewall-Aufstand im Jahr 1969 in New York.
Eine riesige Regenbogenflagge beim CSD (Christopher Street Day) in Freiburg 2018. Die weltweiten Paraden und Demonstrationen zum Christopher Street Day erinnern an den Stonewall-Aufstand im Jahr 1969 in New York. | Bild: Patrick Seeger

Generell lautet Tom Lendzians Empfehlung an alle queeren Menschen dennoch oder gerade deshalb, sich nicht zu verstecken: „Das Selbstbewusstsein, das man so zeigt, verhindert auch, dass man negative Reaktionen bekommt. Das ist jedenfalls meine Erfahrung.“ Im Beruf sei er etwa mit seinem Outing überhaupt nicht angeeckt: „Ich bin damit sehr öffentlich umgegangen, um eben auch meinen Umzug zu erklären.“ Im Gegenteil; einige Kollegen hätten sich sogar für seine Offenheit bedankt.

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Tom Lendzian selbst, der von sich sagt, dass er „beide Seiten“ kennt, also die heterosexuelle Außensicht und die homosexuelle Innensicht, hat inzwischen sein eigenes Bild von Schwulen korrigieren müssen: „Es gibt viele, die langjährige Beziehungen haben. Vorher habe ich das nie so gesehen.“ Auch hier sei wichtig, Vorurteile auszuräumen, die etwa durch das Verbot für Homosexuelle, Blut zu spenden, wenn sie nicht ein Jahr lang abstinent gewesen seien, zementiert würden. Dabei mache die sexuelle Orientierung ja keinen kompletten Menschen aus: „Es ist lediglich ein Teil der Person.“ Verantwortungsbewusstsein beim Schutz vor sexuellen Krankheiten sei sicherlich nicht von der sexuellen Orientierung abhängig.