Mehr schwules und lesbisches Leben sichtbar auf Überlingens Straßen zu machen, und mehr Angebote des gegenseitigen Austauschens und Vernetzens wünschen sich zwei junge Berliner. Julian-Ferdinand Vögele und Till Rimmele sind beide in Überlingen aufgewachsen und hier zur Schule gegangen. Till Rimmele, jetzt 30 Jahre alt, wurde laut eigener Aussage in seiner Schulzeit an der Realschule gemobbt und sogar zusammengeschlagen. „Ich wusste ja damals noch nicht, wohin ich mich orientiere. Wohl aber, dass ich anders war als die anderen.“

Er möchte sich dafür einsetzen, dass so etwas nicht mehr passiert. Um für Aufklärung zu sorgen, würde er zusammen mit Julian-Ferdinand Vögele an Überlinger Schulen von seinen Erfahrungen berichten. Um besonders jungen Lesben und Schwulen eine Plattform zum Gespräch zu bieten, starteten die beiden Männer Ende Dezember ihre Initiative im Jugendzentrum Rampe. Vögele und Rimmele hatten im Vorfeld alle Schulen angeschrieben und dazu eingeladen. In die Rampe gekommen waren gerade einmal zwei Schülerinnen von der Constantin-Vanotti-Schule.

Nur zwei Besucherinnen

Die beiden jungen Lesben hatten von der Veranstaltung durch ihre Lehrerin erfahren. Laut einer Studie vom Deutschen Jugendinstitut, veröffentlicht im September 2018, gaben zehn Prozent der 14- bis 29-jährigen in Deutschland lebenden Menschen an, schwul, lesbisch, bi oder trans zu sein. Auf Überlingens Einwohnerzahl gerechnet, richtet sich ihre Initiative, die offen zu ihrer sexuellen Orientierung stehen, jedoch an hunderte Menschen in Überlingen und Umgebung.

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Doch weshalb kommen dann nur zwei Besucherinnen zur Veranstaltung? Als möglichen Grund dafür nennt der bisexuelle Till Rimmele die „Verklemmtheit“ einer Kleinstadt, auch in Zeiten der „Ehe für Alle“ und der „Genderisierung“. Noch immer sei Gleichberechtigung und achtsamer Umgang mit sogenannten Minderheiten, ganz besonders im ländlichen Raum, noch lange nicht selbstverständlich. Es ist nicht so einfach, sich klar zu sich dazu zu bekennen – nicht dem ortsüblichen Ideal einer Kleinfamilie zu entsprechen, gibt Julian-Ferdinand Vögele zu bedenken. Er habe Glück gehabt mit seiner Familie und seinem Freundeskreis, sagt der junge Mann aus Lippertsreute.

Sehr viel Offenheit erfahren

„Ich hatte mein Coming-out mit 17 und erfuhr sehr viel Offenheit.“ Coming-out meint das öffentliche Bekenntnis zu seiner sexuellen Orientierung. „Ich weiß aber, dass Leute von hier schon auch große Probleme damit haben anders zu sein.“ In der Berliner Schwulenszene hat der 26-Jährige, der in London Informatik studierte, ehemalige Schulkollegen vom Überlinger Gymnasium kennengelernt. „Ich möchte aus meinem Glück heraus jetzt Betroffenen helfen und ihnen zur Seite stehen mit meinen Erfahrungen.“ Rimmele und Vögele – übrigens kein Paar – glauben nicht, dass sie die einzigen Schwulen sind. „Es ist eher so, dass sich noch immer viele nicht sichtbar ins Stadtbild trauen“, sagt Till Rimmele.

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Dass die beiden mit ihrem Anliegen an die Öffentlichkeit gehen, kann durchaus als mutig bezeichnet werden. Beide sind Söhne stadtbekannter Eltern: Vögele ist der Sohn des Adlerwirts in Lippertsreute und Rimmeles Mutter stellvertretende Vorsitzende des Überlinger Trachtenbunds. Ist es aber nicht auch sehr komfortabel, aus der sicheren Entfernung der Großstadt Berlin heraus, Schwule und Lesben in Überlingen aufzufordern, sichtbar zu ihrer sexuellen Orientierung zu stehen? „Klar ist das hier viel schwerer als in Berlin. Ich hatte mein Coming-out als bisexueller Mann vor dreieinhalb Jahren, da pendelte ich zwischen Berlin und Sankt Petersburg“, sagt Till Rimmele, der Globale Kommunikation studierte und heute in Berlin als Fotojournalist arbeitet.

Überlingen ist „verschlossen und eng“

Beide, Rimmele und Vögele, können sich nicht mehr vorstellen, in Überlingen zu leben, viel zu „verschlossen und eng“ sei es für sie in der Kleinstadt. „Ein Problem hier ist aber auch, dass es außer den üblichen Beratungsstellen ganz direkt niemanden zum Reden gibt, und da möchte ich mich einbringen“, sagt Julian-Ferdinand Vögele. Laut der Studie des Deutschen Jugendinstituts werden in Deutschland immer noch acht von zehn homosexuellen Menschen diskriminiert. „Schwule Sau“ gilt auch aktuell als Schimpfwort Nummer eins an deutschen Schulen. Die Studie weist darauf hin, dass es krank mache, die eigenen Gefühle zu unterdrücken. „Wir wollen ganz einfach unseren Beitrag dazu leisten, damit es für andere, die vielleicht nicht so viel Glück haben, leichter wird.“

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Rimmele und Vögele wissen, wie es sich anfühlt ausgegrenzt und angefeindet zu werden. Beide betonen jedoch ausdrücklich, in ihren Familien viel Verständnis, Liebe und damit großen Rückhalt erfahren zu haben. Sie könnten sich einen „Queeren-Brunch“ in Überlingen vorstellen.

„Wir bieten auch an, vor Schulklassen über das Thema Homosexualität und queeres Leben als Betroffene zu sprechen“, erklärt Till Rimmele. Rimmele und Vögele möchten mit ihrer Initiative Überlingens queere Bevölkerung zum Mitmachen einladen und auffordern.

Glossar: Queer und LGBT+ Community

Queer wurde in der englischen Sprache als Schimpfwort für Lesben und Schwule verwendet. Das Wort Queer wird mittlerweile von Lesben und Schwulen selbst verwendet und umfasst längst mehr: Es schließt alle sexuellen Orientierungen ein, die vom heterosexuellen abweichen. Außerdem wird LGBT+ als Selbstbezeichnung der Community gewählt. Die Abfolge steht für die englischen Bezeichnungen Lesbian, Gay, Bisexuell, Transgender (zu Deutsch Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transgender). Das + steht für Intersexuelle Menschen. Community stammt aus dem englischen Sprachgebrauch und bedeutet Gemeinschaft.

Heterosexuell bezeichnet die sexuelle Orientierung von Mann zu Frau und umgekehrt. Bisexuell meint eine sowohl gleich- als auch gegengeschlechtliche sexuelle Präferenz. Lesbisch ist eine Frau, die sich sexuell zu Frauen hingezogen fühlt. Schwul ist ein Mann, der sich sexuell zu Männern hingezogen fühlt. Als Transgender oder Transsexuell werden Menschen bezeichnet, bei denen ihr biologisches Geschlecht nicht mit dem Gefühlten übereinstimmt – also beispielsweise ein Mann der sich als Frau fühlt. Ein Transvestit ist dagegen ein Mensch, der sich nur in privater Atmosphäre oder zu Show-Zwecken in die Rolle des anderen Geschlechts begibt, also auch verkleidet. Intersexuell ist die Bezeichnung für Menschen beispielsweise mit einer Abweichung ihrer Geschlechtschromosomen. Bei diesen Menschen sind ursprünglich beide Geschlechtsmerkmale angelegt – alte Begriffe dafür sind Hermaphrodit oder Zwitter.

Der LSVD ist der Bundesverband der Lesben- und Schwulen in Deutschland mit mehr as 4000 Mitgliedern. Er bietet auch Beratungsstellen an: www.lsvd.de Aidshilfe in der Region: www.aidshilfe-konstanz.de

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