Durch die Pandemie habe sich die Arbeit der Justiz stark verändert. „Während des Lockdowns war und ist möglichst im Homeoffice zu arbeiten und die Gerichtsverfahren finden mit Einhaltung strenger Abstandsregeln, Lüften und Plexiglasscheiben statt“, beschreibt die Staatsanwaltschaft Ravensburg, die im aktuell andauernden zweiten Lockdown nicht wie sonst zum Jahrespressegespräch einlädt, sondern in einer schriftlichen Presseinformation auf Entwicklungen des vergangenen Jahres zurückblickt.

Pandemie und Lockdown hin oder her: Im vergangenen gelang es der Mitteilung zufolge, mehr als 26 500 Verfahren zu erledigen und damit sogar, den Bestand offener Verfahren zu reduzieren.

Der wochenlange Lockdown hat dem Leiter der Staatsanwaltschaft Ravensburg, Alexander Boger, zufolge 2020 zu erkennbaren Verschiebungen zwischen den einzelnen Deliktsbereichen geführt und den Trend von den Diebstahlsdelikten hin zu den Betrugsstraftaten verstärkt.

Alexander Boger ist Leiter der Staatsanwaltschaft Ravensburg.
Alexander Boger ist Leiter der Staatsanwaltschaft Ravensburg. | Bild: Staatsanwaltschaft Ravensburg

Zahlen aus dem Zuständigkeitsbereich der Staatsanwaltschaft Ravensburg

Neue Abteilung befasst sich schwerpunktmäßig mit Cyber-Kriminalität

Den Anstieg im Bereich der Betrugsverfahren führt Boger in erster Linie auf Straftaten über das Internet zurück. „Raffiniert und skrupellos werden dort durch Vorspiegelung falscher Tatsachen und häufig unter Vorgabe einer falschen Identität Kunden getäuscht und zu Zahlungen verleitet, auf die dann keine Warenlieferung erfolgt“, heißt es dazu im Rückblick der Behörde. Eine effektive Strafverfolgung werde hier dadurch erschwert, dass die Täter häufig vom Ausland aus agierten.

Boger ist deshalb froh, dass bei der Staatsanwaltschaft zum 1. Juli eine neue Abteilung eingerichtet werden konnte: Die von Oberstaatsanwältin Christine Weiss geleitete Abteilung, in der mittlerweile sechs Staatsanwälte beschäftigt sind, nehme sich im Schwerpunkt der Cybercrime-Verfahren an.

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Behörde registriert mehr Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung

Eine starke Zunahme bilanziert die Staatsanwaltschaft außerdem bei Strafverfahren gegen die sexuelle Selbstbestimmung und geht dazu exemplarisch auf einen Fall ein, der in Friedrichshafen für viel Aufsehen sorgte: die Vergewaltigung einer 18-Jährigen am 25. April 2020.

Die Straftaten wegen der Verbreitung pornografischer Schriften und Bilder haben sich der Staatsanwaltschaft zufolge seit 2018 fast verdoppelt. In diesen Bereich fielen 2020 insgesamt 202 Verfahren. Diese Zunahme sei mit der zunehmenden Verbreitung auch kinderpornografischer Bilder über soziale Medien und Chatgruppen und intensive Ermittlungsmaßnahmen in diesem Bereich zu erklären.

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Der Gesetzgeber beabsichtige bei diesen Delikten deutliche Strafverschärfungen. Aber auch schon nach der aktuellen Gesetzeslage sei hier eine Gefängnisstrafe möglich, wie im vergangenen Jahr ein Fall im Kreis Ravensburg gezeigt habe.

Ebenfalls mit den digitalen Medien hänge die starke Zunahme der politischen Strafsachen von noch 51 Verfahren im Jahr 2018 auf 201 Verfahren 2020 zusammen. Die Ermittlungsbehörden haben hier die Beobachtung in den sozialen Medien der Staatsanwaltschaft zufolge deutlich intensiviert. Aufgrund des geplanten „Gesetzes zur Bekämpfung des Rechtsextremismus und der Hasskriminalität“ sei mit einer weiteren starken Zunahme der Fallzahlen zu rechnen.

Insgesamt sei zu beobachten, dass die Hemmschwelle zu Angriffen gegenüber Amtsträgern spürbar abnimmt. Dem seien in besonderem Maße Polizeibeamte und auch Vertreter der Justiz ausgesetzt.