Energisch streicht Charlotte Schmid ihre langen, dunklen Haare zurück. Ihr Kopf dreht sich leicht nach rechts. Erwartungsvoll schaut sie ihre Freundin an. Lucia Fuchs wirkt aufgeweckt. Sie trägt eine runde Brille und hat ihre langen Haare locker hochgesteckt. Fuchs nickt mit dem Kopf, dann drehen sich beide Frauen zum Bildschirm.

Schmid und Fuchs sitzen in Berlin vor einem Laptop und können es kaum erwarten, im Videogespräch mit dem SÜDKURIER ihre Geschichte zu erzählen. Denn zu erzählen gibt es viel: 2020 haben die Studentinnen ihr eigenes Unternehmen gegründet – und das mit erst 20 und 21 Jahren.

Lucia Fuchs (links) und Charlotte Schmid haben sich im vergangenen Jahr ihren großen Traum erfüllt: Sie haben ein eigenes Unternehmen gegründet. Mit der Habitus GmbH möchten die Studenten der Zeppelin Universität Friedrichshafen die Modebranche nachhaltig verändern.
Lucia Fuchs (links) und Charlotte Schmid haben sich im vergangenen Jahr ihren großen Traum erfüllt: Sie haben ein eigenes Unternehmen gegründet. Mit der Habitus GmbH möchten die Studenten der Zeppelin Universität Friedrichshafen die Modebranche nachhaltig verändern. | Bild: Privat

Die beiden haben sich während des Studiums an der Zeppelin-Universität (ZU) in Friedrichshafen kennengelernt. Schon im ersten Semester merkten Schmid und Fuchs, dass sie für dasselbe Thema brennen: Mode.

„Wir haben uns einfach gefunden“, erzählt Schmid und schmunzelt. „Schnell hat sich herausgestellt, dass wir beide Mode lieben und uns gerne mal ein neues Teil kaufen. Aber wir waren auch daran interessiert, dass die Produkte nachhaltig sind.“ Auf der Suche nach nachhaltigen Marken stießen die Frauen an Grenzen und fanden schließlich zur Second-Hand-Mode.

Die Idee: Aus gebrauchter Kleidung neue Produkte designen

„Unsere Idee war es dann, die Kleidung zu verändern, also mit neuen Ideen zu kombinieren. Doch allein kamen wir nicht weit“, erklärt Schmid. Also suchten die Freundinnen nach Designern, die die gebrauchte Kleidung professionell verändern könnten. Und so entstand aus einer einfachen Idee „ganz plötzlich“ das Konzept für ein eigenes Unternehmen. Das Ziel der Freundinnen: Einen Beitrag für eine neue und umweltverträglichere Modebranche leisten.

„Wir sind prompt mit einigen Menschen aus der Upcycling-Szene in Kontakt getreten und haben gemerkt, dass wir unsere Kompetenzen bündeln können“, sagt Lucia Fuchs. „Charlotte und ich wissen, wie man eine Brand aufbaut – von Marketing bis zur Finanzierung. Somit können die Designer wieder mehr Fokus auf den kreativen Prozess legen. Wir wollten also einen Marktplatz erschaffen, auf dem es ausschließlich ‚upgecycelte‘ Produkte von jungen Designern zu kaufen gibt.“

„Hinter unserem Konzept steht der Konsum. Denn Menschen wollen konsumieren. Aber die Art und Weise, wie sie konsumieren, kann man ändern. Da setzen wir an.“
Charlotte Schmid

Mit ihrer Idee bewarben sich die Studentinnen beim Gründungs- und Innovationszentrum Pioneer Port der ZU. Und schon im zweiten Semester ging es dann los. Aus wirren Ideen wurde nach und nach ein konkretes Projekt. „Hinter unserem Konzept steht der Konsum. Denn Menschen wollen konsumieren. Aber die Art und Weise, wie sie konsumieren, kann man ändern. Da setzen wir an“, erklärt Charlotte Schmid.

Die jungen Frauen stürzten sich mit Engagement in die Arbeit, steckten ihre ganze freie Zeit in „Habitus“. Der Namen für das Unternehmen war schnell gefunden, nachdem die Studentinnen das philosophische Werk Habitus in einer Vorlesung behandelten. „Bei Habitus geht es um das äußere Erscheinungsbild des Menschen. Der Name kam uns einfach passend vor“, erklärt Lucia Fuchs.

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Unterstützung gibt es vom Gründungszentrum der Zeppelin-Universität

Unterstützung bekamen die Freundinnen in der Gründungsphase vom Gründerzentrum der ZU. Doch das meiste Wissen sammelten sie sich nach und nach selbst an. „Wir waren diszipliniert, haben mit Gründern gesprochen, Bücher gelesen und uns im Internet informiert“, zählt Fuchs auf und Schmid ergänzt: „Unser Alter und unser Wissensstand war zweitrangig. Wir hatten einfach Lust und einen Drang, unsere Idee umzusetzen.“

Erste Version des Onlineshops geht im Sommer 2020 an den Start

Schon im Sommer 2020 ging dann der erste Prototyp des Onlineshops von „Habitus“ an den Start, seit 8. Juni 2021 ist die überarbeitete Version online. Neben Kleidung gibt es dort auch Accessoires und Dekoration für Zuhause – alles aus wiederverwertetem Material. „Von einer Designerin verkaufen wir dort etwa Taschen aus alten Ledersofas“, nennt Lucia Fuchs ein Beispiel.

Dass die Produkte nicht für jedermann erschwinglich sind, ist den Freundinnen bewusst. Eine dieser eben genannten Taschen kostet 350 Euro. „Unsere Zielgruppe sind junge Frauen und Männer ab 24 Jahren, die schon ein festes Einkommen haben und bewusst konsumieren möchten“, erklärt Fuchs.

„Es war ein besonderes Gefühl, als die ersten Produkte gekauft wurden“

Bisher seien die Gründerinnen „sehr zufrieden“ mit dem Start des Onlineshops. „Es war ein ganz besonderes Gefühl, als die ersten Produkte gekauft wurden. Wir waren überwältigt vom Ansturm im ersten Monat“, sagt Charlotte Schmid. Um Marketing, Vertrieb, Designerakquise kümmern sich die Frauen größtenteils selbst.

Ein Teil des Habitus-Teams bei der Arbeit(von links): Praktikantin Antonia Schueler, Gründerin Charlotte Schmid, Praktikantin Johanna Rothes und Gründerin Lucia Fuchs. Neben diesem Team, das aktuell in Berlin arbeitet, gibt es auch noch zwei junge Männer, die die Gründerinnen im Homeoffice unterstützen.
Ein Teil des Habitus-Teams bei der Arbeit(von links): Praktikantin Antonia Schueler, Gründerin Charlotte Schmid, Praktikantin Johanna Rothes und Gründerin Lucia Fuchs. Neben diesem Team, das aktuell in Berlin arbeitet, gibt es auch noch zwei junge Männer, die die Gründerinnen im Homeoffice unterstützen. | Bild: Privat

Mittlerweile haben sie sich für manche Aufgaben aber auch Unterstützung geholt. Vier Praktikanten und einige Freie Mitarbeiter arbeiten für Schmid und Fuchs. „Wir sind beide zum ersten Mal in einer Führungsposition. Dabei merkt man erst, dass dahinter deutlich mehr steckt, als nur Arbeit abzugeben“, sagt Schmid und lacht. „Aber unser Team ist super motiviert und es macht Spaß, gemeinsam mit dieser Verstärkung, Habitus aufzubauen.“

Das Studium pausiert, das eigene Unternehmen hat Vorrang

Um mehr Zeit für die Gründungs- und Startphase ihres Unternehmens zu haben, beschlossen die Frauen im Januar kurzerhand, ihr Studium zu pausieren. Vom Bodensee ging es nach Berlin. Der Plan: Ab in die Gründerszene, ein Netzwerk aufbauen und mit dem eigenen Start-Up wachsen. „Wir sind froh, dass wir diesen Schritt gewagt haben. Es hat uns selbst und dem Unternehmen unheimlich viel gebracht“, sagt Charlotte Schmid.

Auch privat sind die Mädels aus dem Habitus-Team gerne gemeinsam unterwegs, hier auf dem Tempelhoferfeld Antoniain Berlin (von links): Schueler, Lucia Fuchs, Mara Beck, Johanna Rothes, Charlotte Schmid.
Auch privat sind die Mädels aus dem Habitus-Team gerne gemeinsam unterwegs, hier auf dem Tempelhoferfeld Antoniain Berlin (von links): Schueler, Lucia Fuchs, Mara Beck, Johanna Rothes, Charlotte Schmid. | Bild: Privat

Schwierigkeiten wegen der Corona-Pandemie? Die habe es für Schmid und Fuchs bisher nicht gegeben. „Corona war für uns – doof gesagt – eigentlich gar nicht schlecht, weil die Menschen eher Tendenzen zum Onlineshopping und dem Aufenthalt bei Social Media hatten. Das hat uns geholfen, in den Sozialen Medien ein Netzwerk aufzubauen“, sagt Lucia Fuchs.

Charlotte Schmid und Lucia Fuchs sehen ihre Zukunft in ihrem Unternehmen

Noch bis Ende August sind Schmid und Fuchs in Berlin. Dann wollen sie ihr Studium an der ZU fortsetzen. „Das Studium machen wir in den kommenden 1,5 Jahren nebenher fertig. Wir wollen natürlich beide unseren Bachelor haben. Aber der Fokus soll weiterhin auf Habitus liegen“, betont Charlotte Schmid. Die junge Frau weiß schon jetzt, dass ihre Zukunft in dem Unternehmen liegt. „Wir wollen wachsen und uns als die Anlaufstelle für selektierte ‚Upcycling-Produkte‘ im Internet etablieren.“

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