Hartnäckig halten sich in Friedrichshafen Aushänge mit geänderten Öffnungszeiten. Dabei sind die Zeiten der unfreiwilligen Schließungen, der menschen- und damit kundenleeren Innenstädte doch – zumindest für den Moment – Vergangenheit. Hier und da spielen Personalprobleme eine Rolle. Es gibt aber auch ganz andere Beweggründe.

Franz Speth erklärt die Mittagspause in den offiziellen Öffnungszeiten seines gleichnamigen Fotogeschäfts so: „Dann können wir uns darauf berufen, wenn wir tatsächlich nicht da sind.“ Bei der Pause handle es sich also nicht etwa um eine Reaktion auf einen Mangel an Mitarbeitern. Und eigentlich, räumt Speth schmunzelnd ein, sei die Mittagspause im Moment eher Theorie als Praxis. Meist seien sie durchgängig im Geschäft anzutreffen. Nur, wenn die Innenstadt gänzlich ausgestorben daliege, machten sie eine echte Pause. „Das ist dann der Fall, wenn es regnet oder das Wetter sonst sehr schlecht ist“, erklärt Speth.

Franz Speth vor seinem Geschäft, dessen Öffnungszeiten er derzeit flexibel anpasst.
Franz Speth vor seinem Geschäft, dessen Öffnungszeiten er derzeit flexibel anpasst. | Bild: Lena Reiner

Generell handhabten sie ihre Öffnungszeiten inzwischen sehr flexibel: „Wenn jemand einen Beratungstermin braucht und mir sagt, dass er bis sechs Uhr abends schaffen muss, dann bleibe ich eben etwas länger.“ Auch durch Phase des Einkaufens mit Termin – auch wenn das Fotogeschäft aufgrund des Passbildangebots geöffnet bleiben durfte – hätten sich die meisten Kunden angewöhnt, anzurufen. „Die machen dann nicht direkt einen Termin, aber fragen eben, ob wir gerade da sind und fahren oder gehen erst dann los.“

„Auch junge Leute sagen uns, dass sie erst richtig gemerkt haben, was ‚in die Stadt gehen‘ für sie bedeutet, als es eine Zeit lang nicht möglich war.“
Franz Speth, Inhaber des Fotogeschäfts Speth

Die Pandemie habe auch sonst das Kundenverhalten zumindest „ein klein wenig“ verändert: „Man merkt, dass sich die Leute freuen, dass sie wieder in Läden einkaufen gehen können. Sie schätzen den Einzelhandel jetzt mehr wert. Auch junge Leute sagen uns, dass sie erst richtig gemerkt haben, was ‚in die Stadt gehen‘ für sie bedeutet, als es eine Zeit lang nicht möglich war.“

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Zusätzlicher Einsatz auf Landesgartenschau „ein Segen“

Zwei Straßenzüge weiter ist das Bistro „v2o“ inzwischen wieder zu den gewohnten Öffnungszeiten geöffnet. Kürzlich hatte das Lokal mit Personalmangel zu kämpfen. „Da hatten wir den ganzen Tag zu“, erklärt Betreiber Peter Rothe. Zwar reiche das Personal für beide Geschäfte – den Bioladen „Greenbox“ und das Bistro in der Innenstadt – eigentlich aus, aufgrund des Standes, den sie auf der Landesgartenschau in Überlingen betrieben, an jenem Tag aber eben doch nicht.

Peter Rothe im Bioladen Greenbox. (Archivbild)
Peter Rothe im Bioladen Greenbox. (Archivbild) | Bild: Lena Reiner

Dabei sei die Arbeit der Landesgartenschau grundsätzlich „ein Segen“, sagte Rothe: „Da verdienen wir mal wieder richtig was, das ist wichtig nach den zwei üblen Jahren.“ Und es sei nicht so, dass sie keine zusätzlichen Mitarbeiter für den Sommer gesucht und gefunden hätten. „Ich muss das nur ganz direkt sagen: Die jungen Leute sind nicht mehr belastbar“, urteilt Rothe. Alle Mitarbeiter über 40 arbeiteten zuverlässig, bei jungen Sommer-Aushilfen sei das mitunter anders. Dabei sei es natürlich grundsätzlich kein Problem, wenn jemand nur zwei der sechs Sommerferien-Wochen arbeiten wolle, nur: „Die sagen uns das so kurzfristig, teilweise erst eine Stunde vor Arbeitsbeginn, wenn sie nicht kommen können. Da haben wir gar keine Chance mehr zu reagieren und den Arbeitsplan für den Tag neu aufzustellen.“

Die eintägige Schließung solle trotzdem nicht wiederholt werden. „Meine älteren Mitarbeiter haben ihre Stunden aufgestockt, die einen von 30 auf 40, die anderen von 25 auf 30. Die ziehen alle an einem Strang und wissen auch, dass diese anstrengende Phase in acht Wochen vorbei ist.“

Einzelhandel und Gastronomie kämpfen um Personal

Mandy Jukic ist stellvertretende Marktleiterin der Feneberg-Filiale in der Allmandstraße. Die dort aktuell eingeschränkten Öffnungszeiten der Bäckerei und Essenstheke seien mitarbeiterbedingt, erklärt sie. Das wird auch durch einen Aushang im Geschäft kommuniziert. Vor dem Eingang sind außerdem die aktuell offenen Stellen ausgeschrieben. Sie erklärt: „Es ist kein neues Phänomen, dass wir kein Personal finden. Das ist eigentlich schon immer so, seit ich in diesem Bereich arbeite.“

Mitarbeiterknappheit bei Feneberg: Draußen Aufsteller mit Jobangeboten, drinnen ist die Bäckerei nach 13 Uhr 30 geschlossen.
Mitarbeiterknappheit bei Feneberg: Draußen Aufsteller mit Jobangeboten, drinnen ist die Bäckerei nach 13 Uhr 30 geschlossen. | Bild: Lena Reiner

Gerade junge Leute fänden in Friedrichshafen deutlich besser bezahlte Jobs als eine Stelle im Einzelhandel: „Und wer mag denn hier buckeln, wenn er am Band stehen und deutlich mehr verdienen kann?“ Außerdem würden die Kunden auch immer unfreundlicher. Erst am vergangenen Samstag sei eine Mitarbeiterin an der Kasse von einem Kunden bedroht worden: „Das ist leider kein Einzelfall.“ Auch in ihrem Nebenjob, in der Gastronomie, herrsche derzeit akuter Personalmangel. Da seien die Gründe ähnliche: die Tätigkeit anstrengend, der Lohn deutlich geringer als in der Industrie. Zudem hätten einige den Beruf gewechselt, als sie coronabedingt nicht mehr gebraucht worden seien.

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Heka-Geschäftsführer sieht keine wirtschaftlichen Nachteile

Auch bei den Heka-Filialen weist ein Aushang auf eine einstündige Mittagspause hin. „Wir haben die Pause eingeführt, um einerseits den Gesundheitsschutz während der Pandemie für unsere Mitarbeiter einhalten zu können, aber auch aus wirtschaftlichen Überlegungen“, erklärt Geschäftsführer Stefan Zimmer. Daher gebe es freitags und samstags keine Mittagspause, mit dem Markt direkt vor der Tür wäre das „töricht“ gewesen: „Wir haben uns auch genau angeschaut, wie die Kundenbewegungen zu welcher Zeit sind: Daher ist die Pause von 13 bis 14 und nicht von 12 bis 13 Uhr.“ Wirtschaftliche Nachteile hätten sie durch die kürzeren Öffnungszeiten keine: „Wir haben es ja überall kommuniziert: per Aushang, auf der Webseite und in den sozialen Medien. Die Kunden wissen Bescheid.“

In den Geschäften sei nun deutlich besser bekannt, zu welchen Zeiten wie viele Kunden erreicht werden könnten, sagt Stefan Zimmer, Heka-Geschäftsführer und Leiter der Projektgruppe „Handel und Dienstleistung“ beim Stadtforum. (Archivbild)
In den Geschäften sei nun deutlich besser bekannt, zu welchen Zeiten wie viele Kunden erreicht werden könnten, sagt Stefan Zimmer, Heka-Geschäftsführer und Leiter der Projektgruppe „Handel und Dienstleistung“ beim Stadtforum. (Archivbild) | Bild: Cian Hartung

Als Leiter der Projektgruppe „Handel und Dienstleistung“ beim Stadtforum steht Zimmer im Austausch mit Kollegen: „Wir waren die Ersten, meine ich, die eine Mittagspause eingeführt haben.“ Die Maßnahme hätten sie direkt im ersten Lockdown 2020 ergriffen und seitdem beibehalten. „Kollegen kamen auf mich zu und wollten wissen, wie meine Erfahrungen mit der Pause sind“, schildert Zimmer. In der Folgezeit hätten mehr und mehr Geschäfte ihre Öffnungszeiten eingeschränkt, selbst die „Großen“ hätten abends etwa nicht mehr so lange geöffnet. Ob das auch „nach der Pandemie“ fortgesetzt werden könnte? „Davon bin ich überzeugt“, sagt Zimmer.

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Schließlich sei den Geschäften nun deutlich besser bekannt, zu welchen Zeiten wie viele Kunden erreicht werden könnten: Der Kunde und das Ziel, diesem Qualität zu bieten, seien auch während der Pandemie zentral geblieben. Auch sei es vor 20 Jahren noch vollkommen normal gewesen, eine Mittagspause zu haben. Den Onlinehandel stärkten solche Maßnahmen nicht zusätzlich, führt Zimmer außerdem aus: „Da spielt dann eher der Sonntag eine Rolle, an dem Geschäfte ganz geschlossen sind.“