„Sonntagshopping darf kein Tabu mehr sein“: Mitte Juni hat der Deutsche Handelsverband die Politik aufgefordert, die Voraussetzungen für mehr Rechtssicherheit für gelegentliche Sonntagsöffnungen im Einzelhandel zu sorgen. Kurzfristig solle es gerade mit dem Blick auf einen kraftvollen Neustart nach der Pandemie allen Einzelhändlern offenstehen, zumindest die restlichen Sonntage in diesem Jahr ihre Türen für alle Kunden zu öffnen. Wir haben uns in Friedrichshafen umgehört: Was sagen hiesige Einzelhändler zu diesem Vorstoß?

„Ab einer bestimmten Personenzahl kann einfach niemand mehr garantieren, dass Abstände eingehalten und Masken getragen werden.“
Florian Sedlmeier, Einzelhändler und Mitglied des Stadtforum-Vorstands

Florian Sedlmeier, der den Camel-Active-Store und das Street-One-Geschäft in der Häfler Fußgängerzone führt, vermisst generell die bisher bereits erlaubten verkaufsoffenen Sonntage: „Es wäre gut, wenn wir den einen oder anderen davon überhaupt machen könnten.“ Allerdings, so räumt er ein, widerspreche das den nach wie vor bestehenden Bestrebungen, Menschenansammlungen zu vermeiden: „Wir vom Stadtforum haben uns auch dazu entschieden, bestimmte Veranstaltungen nicht durchzuführen: Ab einer bestimmten Personenzahl kann einfach niemand mehr garantieren, dass Abstände eingehalten und Masken getragen werden.“

Florian Sedlmeier ist seit 1988 selbstständig in der Modebranche. Einer generellen Sonntagsöffnung steht er kritisch gegenüber, würde sich aber die bisherigen verkaufsoffenen Sonntage zurückwünschen. (Archivbild)
Florian Sedlmeier ist seit 1988 selbstständig in der Modebranche. Einer generellen Sonntagsöffnung steht er kritisch gegenüber, würde sich aber die bisherigen verkaufsoffenen Sonntage zurückwünschen. (Archivbild) | Bild: Lena Reiner

So sei er auch beim Thema Wiedereinführung der bereits bisher bestehenden verkaufsoffenen Sonntage hin- und hergerissen, kurzgefasst: „Es wäre gut, etwas zu haben, aber ich halte es in der aktuellen Situation noch für unrealistisch.“ Und wie steht er zu einer generellen Öffnung an allen Sonntagen bis Ende des Coronajahres? „Das möchte ich auf keinen Fall“, sagt der erfahrene Einzelhändler.

„Nicht einmal die Sonntagsöffnung könnte das ausgleichen, was wir bisher an Verlust gemacht haben.“
Marc Theurich, Einzelhändler
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Wenige Gehminuten entfernt erklärt Marc Theurich, der das gleichnamige Geschäft in der Karlstraße führt, dass er das Verbot von Sonntagsöffnungen für den Einzelhandel schon lange für überholt gehalten habe – also ganz unabhängig von der Pandemie. „Ich sage es aber erst einmal in die eine Richtung: Nicht einmal die Sonntagsöffnung könnte das ausgleichen, was wir bisher an Verlust gemacht haben.“ Dennoch könne es natürlich ein Schritt sein, den Einzelhandel zu unterstützen, zumindest einen Teil dessen auszugleichen, was sie verloren hätten. „Man muss eben auch sehen, wie die Leute reagieren und ob Kunden kommen“, räumt Theurich ein. Allerdings sei er da optimistisch, schließlich sei auch die Gastronomie sonntags geöffnet und gut besucht.

Marc Theurich hält das Verbot der Sonntagsöffnung des Einzelhandels sowieso für längst überholt.
Marc Theurich hält das Verbot der Sonntagsöffnung des Einzelhandels sowieso für längst überholt. | Bild: Lena Reiner

„Die Menschen haben sonntags auch Zeit, sich umzusehen, zu stöbern und zu bummeln. Bei den bereits bestehenden verkaufsoffenen Sonntagen machen wir immer deutlich mehr Umsatz als im Wochenschnitt.“ Auch sonst habe sich die Art des Einkaufens verändert. Alles, was nicht Lebensmittel und so weiter betreffe, sei inzwischen ein Erlebnis, ein Freizeitvergnügen geworden. Das passe gut zu einem Sonntag.

„Ich fände das ganz schlimm für alle Beschäftigten im Handel.“
Birgit Martin, Einzelhändlerin

Birgit Martin, die das Geschäft Riegermoden in Hofen führt, vertritt eine vollkommen gegenteilige Position: „Ich halte gar nichts von Sonntagsöffnung. Der Sonntag gehört der Familie und ich fände das ganz schlimm für alle Beschäftigten im Handel.“

Birgit Martin, Inhaberin von Rieger Moden, lehnt die Idee der Sonntagsöffnung rigoros ab. (Archivbild)
Birgit Martin, Inhaberin von Rieger Moden, lehnt die Idee der Sonntagsöffnung rigoros ab. (Archivbild) | Bild: Lena Reiner
„Verlierer wären insbesondere die inhabergeführten Geschäfte.“
Thomas Goldschmidt, Stadtmarketing-Geschäftsführer

Auch Stadtmarketing-Geschäftsführer Thomas Goldschmidt lehnt die Forderung des Handelsverbandes ab: „Zum einen wäre der offene Sonntag dann nichts Besonderes mehr, sondern ein Einkaufstag unter vielen. Der Reiz und die Anziehungskraft für Kunden aus der ganzen Region, der aktuell einen verkaufsoffenen Sonntag ausmacht, gingen verloren. Die Gesamtausgaben für Bekleidung, Schuhe und anderes würde sich dann nicht auf sechs Tage, sondern eben auf eben Tage verteilen.“ Verlierer wären nach Einschätzung von Goldschmidt insbesondere die inhabergeführten Geschäfte in den Innenstädten der Klein- und Mittelstädte, die sich die höheren Personalkosten für den zusätzlichen Tag nur schwer leisten könnten: Die Inhaber könnten auch nicht selbst noch einen siebten Tag in der Woche im Laden stehen.

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Schon jetzt würden die zulässigen Öffnungszeiten an Samstagen oder auch in den Abendstunden vom Handel nicht voll ausgeschöpft, so Goldschmidt. „Aufgrund der immer noch hinter den Vor-Corona-Zeiten zurückbleibenden Umsätze haben viele Geschäfte auch immer noch Öffnungszeiten, die hinter denen aus Vor-Corona-Zeiten zurückbleiben. Da hat der Handel also noch mit den bestehenden Öffnungsmöglichkeiten Spielraum“, führt er aus.

Wunsch nach verkaufsoffenen Sonntagen ohne besonderen Anlass

Auch stünde die Forderung Artikel 140 des Grundgesetzes entgegen. Nur mit einer Grundgesetzänderung wäre die völlige Freigabe der Sonntagsöffnung überhaupt machbar. Dafür wäre ein breiter gesellschaftlicher Konsens in dieser Frage nötig, den das Stadtmarketing aktuell nicht sehe. Gemeinsam mit vielen Kollegen aus anderen Städten, mit denen er im Austausch stehe, befürworte er allerdings einen anderen Vorschlag, und zwar „wenn die Anlassbezogenheit für die bis zu drei in Baden-Württemberg erlaubten verkaufsoffenen Sonntage zumindest für 2021 und 2022 aufgehoben wird“. Bisher sei ein verkaufsoffener Sonntag an eine große Veranstaltung und Ähnliches gebunden, die für den Tag prägend sein müsse.

Gerade aber große Veranstaltungen seien in Coronazeiten das Letzte, was wieder erlaubt sein werde. Entsprechend seien in den vergangenen 14 Monaten verkaufsoffene Sonntage komplett ausgefallen. „Wenn diese maximal drei Sonntage im Jahr aber flexibel – auch ohne große Veranstaltung – in Anspruch genommen werden könnten, dann wäre das eine große Hilfe“, schließt er.