Überstunden sind für Florian Sattler und Marcus Schwandt keine Seltenheit mehr. Impfen, testen, behandeln und beraten – in der Familienpraxis der beiden Ärzte in Friedrichshafen-Kluftern ist der Andrang groß. Seit Beginn der Corona-Krise arbeiten Sattler und Schwandt etwa 50 bis 60 Stunden pro Woche, der Einsatz am Wochenende ist für sie zur Normalität geworden.

„Nicht nur wir sind am Anschlag, sondern auch unsere Mitarbeiter. Es ist kräftezehrend“, sagt Sattler ehrlich. Besonders viel zu tun gebe es in der Praxis seit etwa sechs Wochen, denn der Herbst bringe stets zahlreiche Infekte. „Ob banale Infekte oder Corona-Infekte, wir sind total überlastet und kommen nicht mehr hinterher“, erzählt Sattler.

Der Eingang in die Familienpraxis von Sattler und Schwandt. Täglich werden dort aktuell etwa 20 Patienten mittels PCR-Test auf das Coronavirus getestet. Arzt Florian Sattler betont: „Wir machen einen PCR-Test nur dann, wenn der Patient Symptome hat, Kontaktperson ist oder wenn der Schnelltest positiv war.“
Der Eingang in die Familienpraxis von Sattler und Schwandt. Täglich werden dort aktuell etwa 20 Patienten mittels PCR-Test auf das Coronavirus getestet. Arzt Florian Sattler betont: „Wir machen einen PCR-Test nur dann, wenn der Patient Symptome hat, Kontaktperson ist oder wenn der Schnelltest positiv war.“ | Bild: Mona Lippisch

Sogar die Telefonanlage der Praxis stürze regelmäßig ab, weil täglich so viele Menschen anrufen. Und auch logistisch sei die Arbeit schwierig geworden: „Wir haben unsere Sprechstunde aufgeteilt, als erstes kümmern wir uns um die Patienten ohne Infekt. Danach sind diejenigen mit Infekt an der Reihe“, beschreibt Florian Sattler.

Letztere dürften jedoch nicht ungeschützt in die Praxis – sie müssen so lange vor der Tür warten, bis klar ist, ob sie Kontakt mit Coronainfizierten hatten oder vielleicht sogar selbst Corona-positiv sind. Damit die Patienten nicht in der Kälte warten müssen, haben Sattler und Schwandt vor einigen Wochen elektrische Pieper besorgt. „Sie fangen an zu piepen, wenn der Patient an der Reihe ist“, erklärt Sattler.

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Dritte Corona-Impfung auch bei Jüngeren stark nachgefragt

Neben den Untersuchungen, Behandlungen und Corona-Tests steht nun auch wieder das Thema Impfung bei den Ärzten im Vordergrund. Sattler berichtet: „Jeder möchte eine dritte Corona-Impfung. Unsere Termine für die Boosterimpfung sind bis Januar ausgebucht.“

Allein am vergangenen Mittwoch organisierte die Klufterner Praxis einen Impftag mit 250  Terminen. Fast alles seien Corona-Auffrischimpfungen gewesen. Neben der Impfaktion fand am selben Tag noch die normale Sprechstunde statt. Hinzu kommen Grippe-Impfungen, die nun auch wieder beliebt seien. Etwa 550 Dosen gegen die Grippe wurden diesen Herbst bereits in der Praxis verabreicht.

Ärzte aus Kluftern fordern: Impfzentrum soll wieder öffnen

„Es ist zu viel, unsere Mitarbeiter sind komplett am Limit und machen Überstunden über Überstunden“, sagt Florian Sattler deutlich. „Wir werden nicht einmal unseren eigenen Patienten gerecht. Neue Patienten können wir zurzeit nicht aufnehmen.“ Der Arzt aus Kluftern fordert gemeinsam mit seinem Kollegen Marcus Schwandt: Das Impfzentrum im Landkreis soll wieder geöffnet werden – oder zumindest eine vergleichbare Alternative soll geschaffen werden.

„Es ist zu viel, unsere Mitarbeiter sind komplett am Limit und machen Überstunden über Überstunden.“
Florian Sattler, Arzt

„Im Spätsommer wurde nicht mehr viel geimpft und das Impfzentrum in Friedrichshafen war noch geöffnet. Als dann absehbar war, dass es eine Auffrischimpfung geben wird, wurde das Zentrum geschlossen. Für mich ist das unverständlich“, sagt Sattler.

Seitens des Landes Baden-Württemberg heißt zu einer möglichen Wiedereröffnung: „Die Impfzentren würden viel zu viel Vorlauf benötigen.“ Außerdem bräuchte man „enorme Kapazitäten großer Hallen und Messegelände“. Demnach ist es also nicht absehbar, dass Impfzentren wieder öffnen.

Mobile Impfteams unterstützen Arztpraxen

Doch dem Landratsamt Bodenseekreis ist bewusst, dass die Arztpraxen mit den Booster-Impfungen derzeit nicht hinterherkommen. So heißt es von Landratsamt-Sprecher Robert Schwarz, dass die Impfungen mit den aktuell aktivierten Ressourcen „wohl nicht zu schaffen“ seien.

Schwarz betont, dass längst nicht alle Ressourcen mobilisiert sind. „Es gibt leider hausärztliche Praxen, die bisher nicht oder kaum Impfungen anbieten“, sagt der Pressesprecher. Auch fachärztliche Praxen könnten Impfungen durchführen. Schwarz betont: „Durch die öffentliche Hand zu schaffende Parallelstrukturen können auf Dauer allenfalls unterstützen.“

Robert Schwarz, Pressesprecher Landratsamt Bodenseekreis: „Es gibt leider hausärztliche Praxen, die bisher nicht oder kaum Impfungen anbieten.“
Robert Schwarz, Pressesprecher Landratsamt Bodenseekreis: „Es gibt leider hausärztliche Praxen, die bisher nicht oder kaum Impfungen anbieten.“ | Bild: Landratsamt Bodenseekreis

Zu diesen „öffentlichen Parallelstrukturen“ gehören beispielsweise mobile Impfteams, die zurzeit wieder im Bodenseekreis im Einsatz sind. Sie impfen in Pflegeeinrichtungen oder an öffentlichen, gut erreichbaren Orten. Insgesamt 20 Termine seien laut Landratsamt im Bodenseekreis geplant.

„Darüber hinaus prüfen wir gerade die Möglichkeiten, weitere mobile Impfressourcen für den Landkreis zu installieren“, heißt es von Robert Schwarz. Und die Ressourcen sind wichtig. Denn wie Allgemeinarzt Florian Sattler bekräftigt, reichen die Angebote der mobilen Impfteams aktuell „lange nicht aus“, um die Nachfrage zu bedienen.