Kaum angekommen, müssen sich auch schon wieder umziehen: Ein Schicksal, das nun etliche ukrainische Geflüchtete im Bodenseekreis ereilen wird. „Wir haben im Moment 160 Menschen aus der Ukraine, überwiegend Frauen und Kinder, über das Landratsamt in Ferienunterkünften untergebracht, die im Laufe des Aprils umziehen müssen“, erklärt Landkreissprecher Robert Schwarz. Sowohl die Feriendörfer Immenstaad und Langenargen, als auch die Jugendherberge und Cap Rotach in Friedrichshafen sind spätestens Ende April wieder in Touristenhand.

Hinzu kommen etliche Geflüchtete, die im Moment noch in privaten Ferienwohnungen leben, da aber auch raus müssen. Das Problem liegt auf der Hand: Aufgrund der ohnehin schon angespannten Wohnungsmarktsituation wird es für die Frauen mit ihren Kindern schwierig, dauerhaft eine Bleibe zu finden.

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„Es geht im Kern erstmal um ein Dach über dem Kopf.“
Robert Schwarz, Sprecher Landkreis Bodenseekreis

„Alles, was wir tun können, ist, Obdachlosigkeit zu vermeiden“, sagt Schwarz, „es geht also im Kern darum, den Menschen ein Dach über dem Kopf und drei warme Mahlzeiten am Tag anzubieten.“ Das Dach über dem Kopf – das wird für viele nun eine Turnhalle sein, denn etwas anderes steht dem Landratsamt im Moment nicht zur Verfügung.

Gut 90 Menschen können in der Seldner-Halle in Tettnang-Kau schlafen. Noch gibt es freie Plätze, doch die werden nun mit Geflüchteten ...
Gut 90 Menschen können in der Seldner-Halle in Tettnang-Kau schlafen. Noch gibt es freie Plätze, doch die werden nun mit Geflüchteten belegt, die aus Ferienwohnungen müssen. | Bild: Benjamin Schmidt

Zwei Turn- und Festhallen im Landkreis sind bereits hergerichtet, alle im östlichen Teil: die Seldner-Halle in Tettnang-Kau (90 Schlafplätze) und die Turn- und Festhalle Langenargen (80 Schlafplätze). Mitte April kommt die Parksporthalle in Kressbronn hinzu, die im Moment ausgestattet wird. Hier warten Stockbetten, Leichtbaukabinen, Gemeinschaftsbäder- und toiletten auf die Familien. „Unsere Mitarbeiter müssen schon viel Überzeugungsarbeit leisten, damit die Ukrainerinnen vom Ferienhaus in eine Turnhalle ziehen“, berichtet Schwarz, „vor allem, wenn dann auch noch ein großer Hund dabei ist.“ Tiere sind in den Hallen nicht erlaubt – und auch das stellt für die Familien, die teilweise mit eigenem Auto geflüchtet sind, ein großes Problem dar, denn die Vierbeiner müssen dann übergangsweise ins Tierheim.

Derzeit wird die Parksporthalle in Kressbronn zur Notunterbringung für Geflüchtete ausgebaut. Unterkommen können hier 80 bis 90 Menschen.
Derzeit wird die Parksporthalle in Kressbronn zur Notunterbringung für Geflüchtete ausgebaut. Unterkommen können hier 80 bis 90 Menschen. | Bild: THW

Einer, der die Turnhallenbelegung eher skeptisch sieht, ist Hartmut Walter von der Bürgerintiative Forum Langenargen. „In Langenargen sind die Wohnkabinen nicht mal abschließbar“, sagt er, „wir werden uns das schon genau anschauen, wenn die Halle belegt ist.“ Er hat dem Landratsamt einen Fragenkatalog geschickt, in dem er wissen wollte, wie es um den Komfort der Hallen steht. „Es gibt zum Beispiel nicht ausreichend W-LAN, aber das ist für die Geflüchteten extrem wichtig, denn sie wollen Kontakt nachhause halten“, bemerkt Walter.

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Die Notwendigkeit einer ordentlichen W-LAN-Verbindung sieht auch das Landratsamt, das nun nachrüstet. „Viele ukrainische Kinder haben noch Online-Unterricht“, erklärt Schwarz, „eine schnelle Internetverbindung ist für viele genauso wichtig wie das Essen.“ Bei der Frage nach Leselampen oder Sessel muss der Landkreissprecher aber passen: Es gebe natürlich den rechtlichen Anspruch auf die Vermeidung von Obdachlosigkeit, mit einem bestimmten Wohnstandard gehe dieser aber nicht einher. „Das sind Notunterkünfte“, sagt Schwarz, „und wir sind froh, wenn wir überhaupt alle unterbringen können.“

In der Häfler Jugendherberge und in Cap Rotach sind derzeit noch rund 50 Menschen aus der Ukraine untergebracht.
In der Häfler Jugendherberge und in Cap Rotach sind derzeit noch rund 50 Menschen aus der Ukraine untergebracht. | Bild: Singler, Julian

Das funktioniere im Moment nur deshalb, weil es gerade keine zusätzlichen Zuweisungen aus Erstaufnahmestellen gebe. „Wir haben hier einen Vorsprung gegenüber anderen Kreisen und früh Menschen aufgenommen“, erklärt Schwarz, „im Moment werden die Geflüchteten auf andere Landkreise verteilt, die noch mehr Kapazitäten haben.“ 1617 Menschen aus der Ukraine seien derzeit bei den drei Ausländerbehörden im Bodenseekreis gemeldet, in der Obhut des Landkreises leben rund 282. Da viele Geflüchtete aber privat reisen – und teilweise auch Busse aus dem Bodenseekreis Menschen aus der Ukraine abholen – ist völlig unklar, wie viele Menschen, wann ankommen. Das macht es auch für die Verwaltungen – sowohl auf kommunaler Ebene, als auch auf Landkreisebene – so schwierig, Belegungen zu planen. „Wenn erneut Busse ankommen“, so Schwarz, „müssen wir mit Feldbetten arbeiten.“

In Immenstaad leben, unter anderem im Ferienwohnpark, aktuell 58 Menschen in Obhut des Landkreises. Bis spätestens Ende April werden die ...
In Immenstaad leben, unter anderem im Ferienwohnpark, aktuell 58 Menschen in Obhut des Landkreises. Bis spätestens Ende April werden die Ferienhäuser wieder für die Touristen benötigt, die ihre Urlaube lange im voraus gebucht haben. | Bild: FEZE

Jetzt gilt es erstmal diejenigen unterzubringen, die bereits da sind. Und das ist – zum Start der Feriensaison – mehr als problematisch. Die Geflüchteten müssen entweder in eine der Hallen zurück – oder auf eigene Faust etwas finden. Zwar finden sich in der zweisprachigen Wohnungsbörse des Landratsamts einige Angebote, aber besonders im Bereich der etwas größeren Wohnungen wird es eng, was angesichts des schwierigen Mietmarkts in der Region nicht verwunderlich ist.

Der Anspruch auf Unterbringung in einer Notunterkunft gilt für Menschen mit einem Flüchtlingsstatus für sechs Monate, danach müssen sie selbst etwas finden. Die Miete für eine Wohnung bezahlt das Land – unabhängig vom Vermögen der Geflüchteten. „Hier gelten die üblichen Sätze, die auch für einheimische Sozialhilfeempfänger gelten“, erklärt Robert Schwarz. Je nach Wohnort gibt es unterschiedliche Mietobergrenzen, die sich nach dem Mietspiegel richten. Für eine Vier-Personen-Wohnung (76 bis 90 Quadratmeter) werden in Tettnang beispielsweise maximal 855 Euro Kaltmiete bezahlt, in Meersburg aber 908 Euro. Doch Geld scheint weniger das Problem, es scheitert bereits am Angebot.

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Auch die Kommunen sind aktiv, allen voran Friedrichshafen. Die Zeppelinstadt stellt 140 Schlafplätze bereit, unter anderem in einem Hotel. Und auch der Landkreis versucht jetzt weitere Notunterkünfte aufzubauen, denn mittelfristig werden die Turnhallen auch wieder für den lang ausgefallen Schulsport in den Gemeinden gebraucht. Gesucht werden zum Beispiel ehemalige Bürogebäude, die umgebaut werden können. „Wir sind mit einigen Eigentümern in Verhandlungen“, sagt Schwarz. Genauere Angaben zu den Standorten macht er nicht, allerdings verteilten sich die Unterkünfte dann besser über den Landkreis als jetzt. Doch auch dabei handelt es sich nur um Zwischenlösungen. Ein längerfristiges Zuhause müssen sich die Geflüchteten selbst suchen.

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