660 unbesetzte Ausbildungsstellen gibt es derzeit im Bodenseekreis, im gesamten Bereich der Agentur für Arbeit Ravensburg-Konstanz sind es rund 2600 offene Stellen. „Wir haben bereits seit Jahren mehr Stellen als Auszubildende“, sagt Pressesprecher Walter Nägele. In diesem Jahr habe sich die Situation durch die Corona-Pandemie aber noch weiter verschärft. Es gibt zu viele Ausbildungsplätze für zu wenig Bewerber.

Walter Nägele, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Ravensburg-Konstanz.
Walter Nägele, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Ravensburg-Konstanz. | Bild: Holger Hagenlocher

Diese Veränderung spürt auch Norbert Merkel, der in Bermatingen „Norbert Merkels Talentwerkstatt“ leitet. Hier bildet er Nachwuchskräfte für verschiedene Firmen wie beispielsweise Wagner, Wälischmiller, Stengelin oder Magnetbau Schramme aus. „Ich höre und lese überall, dass Jugendliche wegen der Corona-Pandemie keinen Ausbildungsplatz finden. Gleichzeitig weiß ich aber von vielen meiner Partnerfirmen, dass diese Auszubildende suchen“, sagt Merkel.

Ausbildungsleiter Norbert Merkel möchte den Jugendlichen Mut zu sprechen und sie ermutigen, sich zu bewerben.
Ausbildungsleiter Norbert Merkel möchte den Jugendlichen Mut zu sprechen und sie ermutigen, sich zu bewerben. | Bild: Jan Manuel Heß
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Stengelin Metallbearbeitung: Keine einzige Bewerbung

So wie zum Beispiel die Firma Stengelin Metallbearbeitung im Deggenhausertal. Geschäftsführer Herbert Kopp würde ab September gerne einen Zerspanungsmechaniker ausbilden. Das Problem: Es liegt keine einzige Bewerbung vor. Im vergangenen Jahr habe man aufgrund der Konjunktur während der Corona-Pandemie darauf verzichtet, einen Lehrling einzustellen. Nun habe sich die wirtschaftliche Lage wieder verbessert, so Kopp. Bewerbungen nimmt er gerne noch entgegen, zeitlich sei dies bis zum Start im September kein Problem.

„Es scheint, als sei eine Ausbildung nicht mehr so attraktiv wie die schulische Weiterbildung.“
Herbert Kopp, Geschäftsführer Stengelin Metallberarbeitung

Bei Stengelin Metallbearbeitung sei es das Ziel auch, alle Auszubildenden zu übernehmen. „Dies ist uns bis jetzt auch immer gelungen“, sagt Kopp. Über verschiedene Wege habe das Unternehmen versucht, Kontakt zu Jugendlichen herzustellen, doch ohne Ausbildungsmessen, schulischen Veranstaltungen und Praktika sei dies sehr schwierig wenn gar unmöglich geworden, so Herbert Kopp.

Herbert Kopp bietet bei Stengelin Metallbearbeitung einen Ausbildungsplatz zum Zerspanungsmechaniker an.
Herbert Kopp bietet bei Stengelin Metallbearbeitung einen Ausbildungsplatz zum Zerspanungsmechaniker an. | Bild: Wolf-Dieter Guip

Virtuelle Veranstaltungen ersetzen keine Praktika

Das kann auch Walter Nägele, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Ravensburg-Konstanz, bestätigen. „Virtuelle Varianten sind kein Ersatz für die vielen ausgefallenen Veranstaltungen“, sagt Nägele. Viele Jugendliche seien monatelang nicht in der Schule gewesen, es gab keine Berufsorientierung und keine Praktika.

„Wir versuchen alles Mögliche, um die jungen Menschen zu erreichen, aber sie müssen auch selbst aktiv werden“, sagt Walter Nägele. Eine Berufs- und Studienberatung helfe beim Weg in die berufliche Zukunft. „Wir helfen jedem jungen Menschen, den Durchblick durch das Dickicht von Lehrstellen- und Studienmöglichkeiten zu finden und schnüren ein ganz individuelles Angebot. Ein Anruf bei unserer Berufsberatung genügt, um aus ‚keinen Plan‘ einen Plan zu machen.“

Jugendliche sollen sich trauen, sich zu bewerben

Ausbilder Norbert Merkel vermutet, dass viele Jugendliche verunsichert seien, sich nicht trauen, sich bei den Unternehmen zu bewerben oder vielleicht schon resigniert haben, nachdem 2020 einige Betriebe keine Lehrlinge eingestellt haben. „Da möchte ich Mut machen und Optimismus verbreiten und sagen, dass es an Bewerbern fehlt.“ Normalerweise würden bei Merkel nun die Anmeldungen der Azubis von kleinen und mittleren Unternehmen für das Ausbildungsjahr 2021/22 eingehen. Im vergangenen Jahr ist er mit 16 Azubis gestartet, jetzt rechnet er maximal mit der Hälfte. „Es gibt bislang noch keine feste Rückmeldung“, so Merkel.

Zwei Azubis berichten von ihren Erfahrungen

Samuel Stengele und Mustafa Dagdeviren besuchen während ihre Ausbildung zum Industriemechaniker die Talentwerkstatt. Beide haben im September 2020 begonnen, Stengele bei der Firma Wälischmiller Engineering, Dagdeviren bei der Firma Magnetbau Schramme. Sie habe ihren Beruf durch ein Praktikum sowie einen Berufsorientierungstag kennengelernt. „Ich bin damals für einen Tag in den Betrieb meines Bruders mit, der ebenfalls Zerspanungsmechaniker ist“, sagt der 17-jährige Samuel Stengele. So wurde sein Interesse geweckt. Nach Schulabschluss und einjährigem Berufsfachjahr konnte ihm Norbert Merkel einen Ausbildungsplatz vermitteln. „Informiert euch und stellt Fragen“, lautet sein Tipp an die Jugendlichen, die sich beruflich orientieren möchten.

Die Auszubildenden Mustafa Dagdeviren (links) und Samuel Stengele absolvieren einen ihrer Ausbildung bei Norbert Merkel in der ...
Die Auszubildenden Mustafa Dagdeviren (links) und Samuel Stengele absolvieren einen ihrer Ausbildung bei Norbert Merkel in der Talentwerkstatt. | Bild: Merkel, Norbert

Der 20-jährige Mustafa Dagdeviren hat durch ein Praktikum sein Interesse für den Bereich Metall entdeckt. „Einfach überlegen, was einem Spaß macht und einen interessiert“, so Dagdeviren. Beide jungen Männer sind mit ihrer Ausbildung sehr zufrieden, auch wenn sie bislang den schulischen Teil von zuhause aus erledigen mussten. Seit einigen Tagen ist nun wieder Präsenzunterricht möglich.

Mustafa Dagdeviren, Azubi bei der Firma Magnetbau Schramme im Deggenhausertal, erklärt seine Pneumatikschaltung an der Tafel.
Mustafa Dagdeviren, Azubi bei der Firma Magnetbau Schramme im Deggenhausertal, erklärt seine Pneumatikschaltung an der Tafel. | Bild: Merkel, Norbert