„Natürlich muss man sich ständig Sorgen um die Angemessenheit von Eingriffen in die Gundrechte machen“, schreibt der Überlinger Historiker Oswald Burger in einem Beitrag für den SÜDKURIER. Burger kennt Julian Aicher seit vielen Jahren persönlich, in seinen Forschungen hat er sich intensiv mit der Familie beschäftigt, mit der Mutter Inge Aicher-Scholl und Vater Otl Aicher.

Burger: „Krude Andeutungen“

Querdenker wie einer ihrer Wortführer in der Region, Julian Aicher, betrachteten vor allem die Meinungsfreiheit (Art. 5 GG), die Versammlungsfreiheit (Art. 8 GG), oder die Freizügigkeit (Art. 11 GG) als bedroht an. Dass die Einschränkungen um eines höheren Schutzgutes willen stattfinden, nämlich des Rechts auf Leben und körperliche Unversehrtheit (Art. 2,2 GG), komme in Julian Aichers Wortmeldungen nicht vor. Burger: „Dafür umso mehr krude Andeutungen über andere Absichten hinter den Einschränkungen als den Schutz vor Infektionen, Polemiken gegen das Impfen zur Immunisierung und Beschimpfungen von Bill Gates.“

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„Das alles darf Julian Aicher sagen, dafür darf man demonstrieren“, schreibt Burger in seinem Aufsatz. „Dass er diese Äußerungen in die Tradition des Kampfes seiner Mutter Inge Aicher-Scholl und seines Vaters Otl Aicher gegen die atomare Aufrüstung in den fünfziger und sechziger Jahren und gegen die Atomkraft in den siebziger und achtziger Jahren stellt, ist ehrenwert, auch seine Eltern sahen die Grundwerte durch atomare Waffen und durch Atomkraftwerke bedroht, und jener Kampf hat ja insofern Erfolg gehabt, als schon seit je die Bundesrepublik Deutschland auf Atomwaffen in eigener Verfügung verzichtet und mit dem nun beschlossenen Ausstieg aus der Atomkraft zur Energieerzeugung das zweite Ziel in greifbare Nähe gerückt ist. Seit langem ist Julian Aicher ja auch praktisch in der Verbreitung der Nutzung der Wasserkraft zur Energieerzeugung tätig.“

Burger: Auf einem gefährlichen Weg

„Aber wenn die Veranstalter seine Opposition gegen die coronabedingten Grundrechtseinschränkungen in die Tradition des Widerstands der Geschwister seiner Mutter stellen, sind sie auf einem gefährlichen Weg“, schreibt der Historiker Oswald Burger. „Der Widerstand gegen ein totalitäres Regime wie des Dritten Reiches, der seiner Tante Sophie Scholl und seinem Onkel Hans Scholl das Leben und seinem Großvater die berufliche Existenz vernichtete, kann nicht mit den heutigen Folgen für ‚Querdenken‘ verglichen werden. Hans, Sophie Scholl und ihre Freunde sind für die Herstellung von sechs Flugblättern mit begrenzter Wirkung hingerichtet worden. Ihr Neffe Julian Aicher darf seine Auslassungen vortragen und weltweit verbreiten, darunter auch so törichte Bemerkungen wie die, seines Wissens sei Adolf Hitler „legal gewählt worden“ (in der Rede Julian Aichers am 8. Mai 2020 in Leutkirch, auf youtube verbreitet). Zur Erinnerung: Die NSDAP hatte bei der letzten demokratischen Wahl in Deutschland am 6.11.1932 gerade 33,1 Prozent der Stimmen, bei der Wahl unter Bedingungen der Einschränkungen der Grundrechte am 5.3.1933 auch bloß 43,9 Prozent.“

Burger findet: „Die Instrumentalisierung von Analogien aus der Zeit des Dritten Reiches zu heutigen politischen Zwecken ist in der Politik allerorten verbreitet, übrigens auf allen Seiten, ist aber stets fragwürdig.“

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