So nah kam Oliver Nolte seinem Publikum noch nie. Dabei sitzt es erstmals nicht in Noltes Theater im Gunzoweg, sondern daheim vor dem Bildschirm – jede und jeder der knapp 40 Zuschauer quasi in der ersten Reihe. Mit „Hallo Noltes digital“, einem Sampler aus verschiedenen Kunstwerken, starten Oliver und Birgit Nolte-Michel zum Auftakt des Überlinger Wintertheaters 2020 ihre neue digitale Bühne: Live-Theater für zuhause, das dem Lockdown trotzt und ganz ohne Abstandsregeln funktioniert.

Oliver Noltes Kopf füllt den Bildschirm aus, seine Hände scheinen gleich ins Wohnzimmer zu greifen. Er spielt den einsamen, ausgegrenzten Mieter aus Eugen Ruges Monologstück „Ruhestörung“ und seine Präsenz wirkt eindringlich.

Schauspielkunst zum Greifen nah: Oliver Noltes digitales Theater macht‘s möglich.
Schauspielkunst zum Greifen nah: Oliver Noltes digitales Theater macht‘s möglich. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Das Publikum ist fasziniert. Das digitale Format sei für „Ruhestörung“ wie geschaffen, meint eine Zuschauerin. „Ein absolutes Erlebnis.“ Eine andere findet: „Das Close-up hat noch mal eine ganz andere Ebene reingebracht.“ Und eine Dritte: „Das ist so was von grandios rübergekommen. Ich hatte das Gefühl, der redet jetzt gerade mit mir.“ Das direkte Feedback ist dank der Gratis-App „Zoom“ problemlos möglich.

Zuschauer können sich zu Wort melden

Während der Vorstellung sind die Mikrofone der Zuschauer stummgeschaltet, doch sie können sich auch per Chat schriftlich zu Wort melden. Diese Art der Verständigung ist vor allem bei kleinen, technischen Problemen, wie sie vor und nach der Premiere auftauchen, praktisch. Die Aufführungen selbst verlaufen reibungslos, bei guter Ton- und Bildqualität, selbst wenn man daheim über keine aufwändige digitale Ausstattung verfügt, nicht mal externe Lautsprecher sind nötig.

Ob die Zuschauer selbst, zumindest zeitweise, für die anderen zu hören oder sehen sein wollen, kann jede und jeder per einfachem Click frei entscheiden. Aber so, wie viele im echten Foyer und in der Pause ja gerne auf andere Besucher stoßen, macht es ihnen sicher Spaß zu sehen, wie andere diesen digitalen Theaterabend verbringen.

Das könnte Sie auch interessieren

Ein Besucher prostet den anderen gut gelaunt mit einem Glas Sekt zu, ein Paar hat es sich mit Rotwein und Käse im Wohnzimmer gemütlich gemacht, bei einem anderen schaut auch der Hund zu. Was dieses Drumherum angeht, ist das digitale dem realen Theater sogar überlegen.

Es stören auch kein Husten, kein Geraschel und man nervt niemanden, wenn man zwischendurch mal den Raum verlassen muss. Das ist beim Fernsehen, Netflixgucken und Streamen zwar auch so, doch damit enden auch schon die Gemeinsamkeiten. Denn Noltes digitale Bühne bietet Live-Theater in Echtzeit und jede Aufführung ist, wie auf den realen Brettern, einzigartig und unwiederholbar.

Noltes bieten künstlerische Kostproben

Zum Start des revolutionären Konzepts, das Oliver Nolte selbst entwickelt hat und gerne deutschlandweit verbreiten würde, bieten er und seine Frau Birgit Nolte-Michel künstlerische Kostproben – und machen damit geschickt auch Appetit auf mehr, so wie vor sechs Jahren, als sie ebenfalls mit einem „Hallo Noltes“-Mix ihr privates Theater in Überlingen eröffneten.

Als Starter gibt es einen Auszug aus Martin Walsers Paar-Drama „Zimmerschlacht“, es folgen „Ruhestörung“ und, am Schluss, ein kleines Weihnachts-Special. Außerdem stellt Birgit Nolte-Michel ihren neuen Lyrikabend „Shared Reading“ vor. Ihren Gästen wird sie bei deren Anmeldung Gedichte nennen, die sie schon im Vorfeld lesen können und die Nolte-Michel dann bei den Veranstaltungen rezitiert, interpretiert und mit dem Publikum bespricht. Das Ganze soll im kleinen Kreis stattfinden, „damit wir reden können“.

Das könnte Sie auch interessieren

Überhaupt soll die Zahl der Tickets für sämtliche digitale Veranstaltungen, so, wie für den realen Theatersaal, beschränkt sein. „Wir wollen unserem Prinzip treu bleiben, einen kleinen Zuschauerkreis zu haben“, betont Oliver Nolte. Er habe vor, das digitale Element auch in Nach-Corona-Zeiten weiterzuführen, kündigt er an.

Wenn die ausnahmslos positiven Zuschauerreaktionen auf die, wie ein Zuschauer schwärmt, „wunderbare Premiere“, ein Maßstab sind, dann könnte das Interesse anhalten. Denn, so führt ein Premierengast aus: „Das ist ein spannendes Format, weil die Zuschauer viel aktiver und direkter mit Ihnen in Verbindung treten können.“

Unser bestes Angebot ist wieder da: die Digitale Zeitung + das neuste iPad für 0 €