Das Wintertheater, das die Stadt nun bereits in der dritten Saison mit dem privaten Noltes Theater realisiert, kann dank eines neuen und bis dato wohl einzigartigen digitalen Live-Konzepts trotz Corona stattfinden. Noltes Theater arbeitet ab sofort mit einem „Hybrid-Spielplan“: Zwar soll es trotz aller Planungsungewissheiten weiterhin Präsensveranstaltungen im realen Theatersaal geben. Darüber hinaus ermöglicht aber das innovative Format „Noltes Digitale Bühne“ interaktive, virtuelle Live-Veranstaltungen.

Das neue Format „Noltes Theater Digital“ gibt dem Wintertheater, das die Stadt Überlingen mit dem privaten Noltes Theater realisiert, Planungssicherheit trotz Corona. Im Bild: (von links) Birgit Nolte-Michel, Oliver Nolte und OB Jan Zeitler.
Das neue Format „Noltes Theater Digital“ gibt dem Wintertheater, das die Stadt Überlingen mit dem privaten Noltes Theater realisiert, Planungssicherheit trotz Corona. Im Bild: (von links) Birgit Nolte-Michel, Oliver Nolte und OB Jan Zeitler. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Mit dem simplen Abfilmen und Streamen von Theateraufführungen hat das nichts zu tun. Die Stücke, die für dieses Format eigens frisch inszeniert werden, werden jeweils live gespielt. „Keine Aufführung gleicht der anderen“, betont Oliver Nolte, der das Format selbst entwickelt hat.

Tickets für eine bestimmte Aufführung

Die Zuschauer, deren Zahl wie im echten Theater, begrenzt ist, kaufen ihre Tickets für einen ganz bestimmten Abend. Nur setzen sie sich dann nicht in Noltes Culture Lounge im Gunzoweg 1, sondern vor ihren Bildschirm und treten ins virtuelle Theater ein. Nun läuft es aber fast wie im wirklichen Leben ab: In einem digitalen Warteraum empfangen Oliver und Birgit Nolte persönlich ihre Besucher. Diese gelangen dann in ein digitales Foyer und treffen dort auf die anderen Gäste. Kurz vor der Aufführung betreten alle den Theatersaal. Auch während der Aufführungen will man laut Oliver Nolte das Publikum einbeziehen, das von zu Hause aus mit den Akteuren interagieren kann.

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Was wird gespielt?

Auf dem digitalen Spielplan stehen etwa bekannte Monolog-Stücke wie „Ruhestörung“ von Eugen Ruge und Patrick Süskinds „Der Kontrabass“, die Noltes Theater bereits früher aufführte, nun aber neu bearbeitet hat. Im Anschluss an „Ruhestörung“ soll ein philosophisches Nachgespräch mit dem Publikum folgen.

Neuauflage mit Nida-Rümelin

Noch viel mehr Philosophie steht bei einer digitalen Neuauflage des Festivals „Einstimmig“ mit dem Stardenker Julian Nida-Rümelin auf dem Programm. Das Angebot mit dem Untertitel: „Frieden und Freiheit gibt es nur Miteinander“ verknüpft Philosophie und Schauspiel mit Deliberation, also öffentlichem, politischem Diskurs. Seine Live-Premiere 2019 stieß auf begeisterte Resonanz.

Dieses Mal ist es laut Oliver Nolte als vierstündiges Mini-Seminar gedacht, Nida-Rümelin wird aus München zugeschaltet sein und von dort auch mit den Zuschauern diskutieren. Das Thema „Freiheit“ sei für alle ja aktueller denn je, so Nolte. „So kommt man an die wahre Grenze des Freiheitsbegriffs, wenn man als Theatermacher seinen Beruf nicht mehr ausüben kann“, spielt Nolte auf die Lockdowns für Kultureinrichtungen an. „Es ist schön, dass wir mit dem digitalen Format die Freiheit zurückerlangt haben. Seit einer Woche kann ich wieder lachen.“ Der Preis für das Seminar sei mit 130 Euro „relativ teuer“, räumt Nolte ein. Doch die Premiere 2019 sei eher ein Versuch gewesen, den er mit eigenem Geld bezuschusst habe.

Im Dialog mit dem Publikum

Ganz neu ist das Angebot „Shared Reading“, das Birgit Nolte-Michel den Zuschauern macht. Sie nennt ihnen im Vorfeld Gedichte und rezitiert und bespricht diese dann bei den Veranstaltungen mit dem Publikum. An das neue Konzept können sich registrierte Zuschauer bei freiem Eintritt mit „Hallo Noltes Digital“, kleinen künstlerischen Kostproben, gewöhnen. Davor gibt es zwei kostenlose öffentliche Digitalproben für alle Interessierten.

„Ich hoffe, dass der Funke überspringt, ich habe ein gutes Gefühl.“
Oliver Nolte, Theatermacher und Medieninformatiker

OB Zeitler spricht von Theater der Zukunft

„Vielleicht erleben wir ein bisschen das Theater der Zukunft“, so Oberbürgermeister Jan Zeitler. Er ist begeistert von dem revolutionären digitalen Konzept, das in seiner Stadt entstanden ist, die das 1967 etablierte Wintertheater mit 10.000 Euro jährlich bezuschusst. „Das wird wohl das innovativste Wintertheater das wir je hatten“, so Zeitler. Dabei sah es erst so aus, als würde auch diese Reihe, wie so viele Veranstaltungen, ausfallen. Zeitler: „Absagen ist immer das Einfachste, aber nicht das, was wir als Kulturstadt machen möchten.“ Er unterstreicht: „Ich werde müde des Absagens.“ Er wäre auch stolz darauf, „wenn wir baden-württembergweit ausstrahlen mit diesem innovativen Überlinger Format.“

Nolte kann auch Medieninformatik

Der Erfinder des neuen Formats, Theatermann Oliver Nolte, der einst Medieninformatik studiert und jahrelang die Website eines Weltkonzerns betreut hat, hofft, dass Noltes Theater das digitale Element als festen Bestandteil integrieren und vielleicht sogar deutschlandweit vermarkten kann. „Das Theater wird dadurch größer“ und ermögliche auch Menschen, die nicht mehr in die reale Spielstätte kommen könnten, wieder daran teilzunehmen.

Oliver Nolte ist zuversichtlich, dass das neue Format Freunde finden wird. Er befürchte nicht, dass die Menschen in Zeiten des Homeoffice bildschirmmüde seien, sagt er auf SÜKDURIER-Nachfrage. Zwar funktioniert das neue Format über die Videokonferenz-App „Zoom“. Doch das sei nur die Software, Noltes digitale Bühne habe aber mit einer Zoom-Konferenz nichts zu tun.

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