Seit fast einem Jahr stehen Familien wegen der Pandemie-Einschränkungen unter großem Druck – Kinder und Jugendliche leiden unter Isolation. Was das genau bedeutet, wird nach außen wenig sichtbar. Einen Einblick vermitteln die Studien von Wissenschaftlern der Universitäten Hildesheim und Frankfurt, die erhoben haben, wie es Jugendlichen in der Corona-Krise geht.

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An der jüngsten Online-Befragung nahmen 7000 junge Menschen teil. Laut den im Dezember veröffentlichten Ergebnissen haben viele das Gefühl, ihnen werde wertvolle Zeit genommen. Sie leiden unter dem Mangel an Kontakten, fühlen sich nur in ihrer Rolle als Schüler wahrgenommen und möchten bei politischen Entscheidungen mehr gehört werden. Als besonders betroffen nennt der Bericht „jene, die sich 2020 in Übergängen befinden und wichtige Entscheidungen treffen müssen – etwa am Ende der Schulzeit“.

Die Eltern von Timm (17) befürchten Suizidgedanken bei ihrem Sohn

Timm aus Überlingen ist in dieser Situation. Eine Mitarbeiterin der Psychologischen Beratungsstelle in Überlingen schildert seinen Fall, bei dem wir nur den Namen geändert haben. Der 17-Jährige hat im Sommer 2020 seinen Realschulabschluss gemacht und eine Lehre begonnen. Damit änderte sich seine komplette Lebenssituation.

Die alten Kontakte brachen weg, neue zu knüpfen ist fast unmöglich, da die Berufsschule hauptsächlich im Homeschooling stattfindet und auch die Arbeit im Betrieb ins Homeoffice verlegt wurde. Timm fühlt sich zusehends unwohl in der Lehre, hat aber keine Möglichkeit, sich umzuorientieren. Da auch sein Hobby ausfällt, verbringt er fast den ganzen Tag vor dem Computer. Dann verstarb im Herbst auch noch sein Großvater. Timms Eltern wandten sich besorgt an die Beratungsstelle. Der Junge ziehe sich immer mehr zurück, verlasse kaum noch sein Zimmer und sie fürchten, dass er sich mit Suizidgedanken trägt.

Bild: Psychologische Beratungsstelle Überlingen
„Für die Entwicklung von Jugendlichen ist es wichtig rauszugehen, eigene Erfahrungen zu machen.“
Josefa Gitschier

Josefa Gitschier, Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle, erläutert den Kern des Dilemmas. „Für die Entwicklung von Jugendlichen ist es wichtig rauszugehen, eigene Erfahrungen zu machen.“ Wie Timm hätten viele Ratsuchende gerade das Gefühl, viel zu verpassen, oder machten sich große Sorgen bezüglich der schulischen Entwicklung und ob sie ausreichend vorbereitet sind für die nächsten Prüfungen. Sie könne zwar nicht auf repräsentative Zahlen zurückgreifen, aber ihren Beobachtungen nach habe das Thema Depressionen spürbar zugenommen bei den Jugendlichen.

Eltern haben extrem lange Arbeitstage im Homeoffice

Nicht nur die Jugendlichen, die komplette Familie stehe gerade unter enormen Druck. „Die Eltern sind nach einem Jahr Corona erschöpft“, sagt Josefa Gitschier. „Oft ist die ganze Familie zu Hause, das Internet reicht nicht für Homeschooling, Homeoffice und Freizeit. Das ist ein hohes Stresslevel!“ Viele Eltern arbeiteten morgens ganz früh oder abends, wenn die Kinder im Bett sind. Sie hätten daher extrem lange Arbeitstage bei gleichzeitig hoher psychischer Anspannung.

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Anna (5) vermisst schmerzlich die Spieltreffen mit ihrer Freundin

„Die Kinder vermissen ihre Freunde, ihnen fehlen die sozialen Kontakte und die Struktur“, sagt die Psychologin. So ergeht es auch der fünfjährigen Anna (der Name wurde ebenfalls geändert). Ihre Mutter wandte sich an die Beratungsstelle, da die Kleine jeden Abend heimlich im Bett weinte. Die Mutter war verzweifelt, weil ihre Versuche, Anna zu trösten, fehlschlugen. Das Mädchen wusste selbst nicht, warum es so traurig ist.

Erst mithilfe der Therapeutin konnte sie den Grund für ihre Traurigkeit in einem Bild darstellen. Anna vermisst schmerzlich das Spielen im Kindergarten und die Treffen mit ihrer besten Freundin. Ihre Familie erlaubt keine Spielkontakte, da die Großeltern, die mit im Haus wohnen, zur Risikogruppe gehören. Als Ausweg aus dem Dilemma haben sie jetzt vereinbart, dass die Mädchen sich künftig zu virtuellen Spielterminen verabreden – ohne Erwachsene. Den Vorschlag haben sie zusammen mit den Beratern erarbeitet.

Beratungsstelle macht Mut und hilft, Druck rauszunehmen

„Wir können nur versuchen, den Druck rauszunehmen“, erläutert Josefa Gitschier. Auch wenn das nach einem Jahr alles ein alter Hut sei, bliebe den Eltern nur, die Zeit mit den Kindern möglichst strukturiert zu verbringen und positive Aspekte einzuplanen. „Man kann für die Zukunft planen und sich Lichtblicke schaffen, auf die man sich freuen kann.“ Auch den Jugendlichen macht sie Mut, die Zeit nicht als verloren anzusehen und die veränderten Bedingungen nicht mit früheren Maßstäben zu messen. „Es ist nicht ihre Schuld!“