Es war wohl die spektakulärste kommunalpolitische Auseinandersetzung, die die Region in den 1980-er Jahre erlebte: Die Kontroverse um den Kurhausneubau an der Seepromenade zwischen Gondelhafen und Haus des Gastes im Jahr 1988. Im Stadtarchiv lässt sie sich in all ihren Facetten nachvollziehen. Egi Ruh, Peter Fesser und Astrid Waldschütz hatten damals zu den Speerspitzen der Bürgerinitiative gehört, Sibylla und Fritz Kleffner zu den engagiertesten Mitstreitern. Constanze Ruh hat die Geschichte erschöpfend und erhellend gleichermaßen dokumentiert und der Stadt übergeben. Worüber sich Archivar Walter Liehner ganz besonders freut: „Das ist sensationell.“

Durch den Bürgerentscheid ist dieser westliche Bereich des Badgartens unbebaut geblieben und ist nach wie vor öffentlich zugänglich. Wenn nicht gerade Landesgartenschau wäre bzw. in absebarer Zeit hier stattfinden würde. Auf dem Gelände sind die Villengärten der Landschaftsgärtner vorbereitet.
Durch den Bürgerentscheid ist dieser westliche Bereich des Badgartens unbebaut geblieben und ist nach wie vor öffentlich zugänglich. Wenn nicht gerade Landesgartenschau wäre bzw. in absebarer Zeit hier stattfinden würde. Auf dem Gelände sind die Villengärten der Landschaftsgärtner vorbereitet. | Bild: Hanspeter Walter Journalist-Texte-Bilder

Von langer Hand hatte Bürgermeister Reinhard Ebersbach damals das Projekt vorbereitet, das der Stadt einen wirtschaftlichen Schub geben sollte. Zwar bekam er am 15. Juni 1988 eine klare 20 zu 12-Mehrheit, die vor allem von FWV, SPD und FDP getragen war. Gespalten war die CDU, dagegen die damalige Freie Grüne Liste. Nun kam die Stunde der „Besorgten Bürger“, wie sich nannten, die den Souverän zur Entscheidung rufen wollten.

Die Kontroverse erregte landeseit Aufsehen. Mit einem Disput zwischen „Sorgis“ und „Zukis“ auf dem Münsterplatz schaffte es die Stadt in das Südwestfernsehen. Hier wird Egi Ruh interviewt.
Die Kontroverse erregte landeseit Aufsehen. Mit einem Disput zwischen „Sorgis“ und „Zukis“ auf dem Münsterplatz schaffte es die Stadt in das Südwestfernsehen. Hier wird Egi Ruh interviewt. | Bild: Besorgte Bürger/Stadtarchiv
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Musik vor dem „Palazzo Prozzi“

Schnell standen die Aktiven am 28. Juni 1988 mit den notwendigen Unterschriften für ein Bürgerbegehren gegen den „Standort West“ vor dem Rathaus. „Das Verfahren war relativ neu und nicht einfach“, sagt Egi Ruh. „Wir mussten binnen vier Wochen nach dem Gemeinderatsbeschluss die Unterschriften beibringen und schon die Frage für den Bürgerentscheid vorlegen.“ Mit Akribie und Engagement gingen die „Sorgis“ vor, gründeten einen Verein, forderten ein Stangengerüst auf dem Gelände und musizierten dort gegen den „Palazzo Protzi“, wie sie es nannten.

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Drei Viertel der Bürger waren dagegen

Bei einer Wahlbeteiligung von 66 Prozent und einem Stimmenanteil von 75 Prozent hätte das Machtwort der Bürger sowie die Niederlage für Bürgermeister Ebersbach und die Ratsmehrheit am 6. November 1988 kaum klarer ausfallen können. Die Folge: Der vorhandene Kursaal wurde saniert, für deutlich weniger Geld und die Grünfläche blieb erhalten. Eine knappe Mehrheit holten zwar auch die Kritiker des Thermestandorts am See beim nächsten Bürgerentscheid im Jahr 2000, verfehlten aber bei der Abstimmung das Quorum. Bei der Entscheidung über die Landesgartenschaupläne und den Uferpark im Westen votierten 2013 fast 60 Prozent der Bürgerinnen und Bürger dafür.

Egi Ruh ist noch immer froh, dass der das Kurhaus mit den Besorgten verhindert hat. Und hofft weiter, dass aus der alten Kapuzinerkirche (hinten) noch eine ganzjährig nutzbare Kulturstätte wird.
Egi Ruh ist noch immer froh, dass der das Kurhaus mit den Besorgten verhindert hat. Und hofft weiter, dass aus der alten Kapuzinerkirche (hinten) noch eine ganzjährig nutzbare Kulturstätte wird. | Bild: Hanspeter Walter

„Noch heute bin ich froh, dass wir den Badgarten gerettet haben“, sagt Egi Ruh. Denn geplant war damals der Abriss des Kursaals und der Bau eines Bettentraktes für das Badhotel. Und auf die damals favorisierte Ensemble-Lösung mit der Kapuzinerkirche als ganzjähriger Veranstaltungsraum für die städtische Kultur hofft Ruh nach wie vor: „Irgendwann wird das noch.“

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