Das Gelübde ist allgegenwärtig – zweimal im Jahr erfüllen die Überlinger bei der Schwedenprozession ihr Versprechen: „Für uns und unsere Nachkommen zu ewigen Zeiten geltend, dass wir und unsere Nachkommen den Tag des feindlichen Abzuges alljährlich mit Prozession, Te Deum und anderem Gottesdienst heiligen und feierlich halten und das Bildnis der Jungfrau Maria mit ihrem Kinde in einem Kranz eingeschlossen, silbern herstellen und als Siegeszeichen bei der Prozession umtragen zu lassen.“

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Derjenige, der diese Worte zum ersten Mal sprach, ist hingegen seit Jahrhunderten tot: Es war der Kapuzinerpater Stanislaus von Wutöschingen, bekannt auch als Michael Saurbeck, der das Gelübde der Schwedenprozession begründete, schreibt Eugen Schnering in „Überlingen. Stadtgeschichte in Straßennamen“. Doch vom Kapuzinerkloster, in dem er lebte, ist schon lange nichts mehr zu sehen. Es wich einem großen Park, in dem sich Überlinger wie Touristen gleichermaßen gern aufhalten: dem Badgarten. Nur die Kapuzinerkirche blieb erhalten. Und für die interessiert sich der Überlinger Kulturmanager Simeon Blaesi schon lange: „Das Gebäude fasziniert mich seit der Schulzeit. Es war immer unzugänglich und niemand wusste so genau, was sich darin befindet. Das war auf seine Art geheimnisvoll“, erzählt Simeon Blaesi, der heute als Hausverwalter in der ehemaligen Kapuzinerkirche arbeitet.

Kapuziner siedeln sich Anfang des 17. Jahrhunderts in Überlingen an

Deshalb hat er sich auch mit der Geschichte des angrenzenden Klosters beschäftigt und herausgefunden, dass das Überlinger Kapuzinerkloster eine der frühesten Gründungen der schweizerischen Kapuzinerprovinz war, die ab 1600 über den Bodensee stark expandierte. Auch die katholische Reichsstadt Überlingen bat die Mönche in einem Schreiben von 1613, sich dort anzusiedeln, wie dem Überlinger Stadtkataster zu entnehmen ist. Als Ort für die Niederlassung war ein Platz außerhalb der Stadtmauer vor dem Grundtor beim Krautgarten des Spitals, wo sich heute das Bürgeramt befindet, angedacht.

Bild: Ellen Knopp

Dank großzügiger Spenden konnte der Konstanzer Weihbischof Johann Jakob Mirgel schon am 8. September 1621 die Klosterkirche zu Ehren Mariae Opferung weihen, berichtet das landeskundliche Informationssystem für Baden-Württemberg. „Es waren unruhige Zeiten, als die Mönche ihr Überlinger Kloster bauten“, sagt Simeon Blaesi und erläutert: „Schon seit 1618 tobte der Dreißigjährige Krieg, bei dem katholische und protestantische Mächte um die Vorherrschaft im Heiligen Römischen Reich rangen. 1634 brach der Krieg auch über Überlingen herein. Um den schwedischen Angreifern keine Deckung zu ermöglichen, riss die Stadt die Bauten des Kapuzinerklosters ab.“

Kloster wird im Dreißigjährigen Krieg zerstört

Die Mönche suchten innerhalb der Stadtmauern Schutz und dankten es den Überlingern, indem sie sich um die Pestkranken in der Stadt kümmerten. Als sich die militärische Situation entspannt hatte, konnten sie ihr Kloster wieder errichten. Am 29. April 1640 wurde die Kirche geweiht, informiert das Landesarchiv Baden-Württemberg. „Doch auch dieses Mal konnten sich die Kapuziner an ihrer Klosteranlage nicht lange erfreuen, denn nach dem zweiten Angriff 1643 lag nicht nur Überlingen in Schutt und Asche, sondern erneut auch die Heimstatt der Kapuziner“, erklärt Blaesi. Die Mönche gaben jedoch nicht auf und verlangten erfolgreich beim Überlinger Rat nach einem Wiederaufbau innerhalb der Stadtmauern: Das neue Areal erstreckte sich vom See über das Kalkhaus bis zum Steckenmarkt und befand sich in etwa dort, wo heute der Badgarten ist.

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Die noch erhaltene Kapuzinerkirche begrenzte das Gelände in Richtung Norden. Am 23. August 1654 wurde dort das Kreuz aufgerichtet, 1658 war der Bau erfolgreich fertiggestellt. Doch mit der Säkularisierung kam das Ende: 1803 verlor die Kirche ihre Funktion als Gotteshaus, 1806 wurde die kirchliche Einrichtung aufgehoben. Die verbliebenen Ordensmänner zogen 1809 in das Überlinger Minoritenkloster um. Noch im Jahr 1808 kaufte Badwirt Ignaz Amann das gesamte Kloster mit dem Kirchengebäude und dem Garten und richtete dort eine Gastwirtschaft sowie eine Badeanstalt ein. Lange blieb Amann allerdings nicht im Besitz der Liegenschaft: Schon 1818 erwarb die Stadtverwaltung das ehemalige Kapuzinerkloster und damalige Badhaus.

Auf der Stadtansicht von Franz Joseph Walz von 1801 ist das Kapuzinerkloster gut zu erkennen
Auf der Stadtansicht von Franz Joseph Walz von 1801 ist das Kapuzinerkloster gut zu erkennen | Bild: Sadtarchiv Überlingen

Der Gebäudezustand und der des Gartens wurden als sehr ungepflegt und vernachlässigt dokumentiert. Ab 1825 befand sich die Badeanstalt im Besitz von Gerber Joseph Anton Ackermann, der die Klosterbauten abreißen ließ. Die Kirche blieb stehen, und die Überlinger gaben ihr den wenig schmeichelhaften Namen „Badscheuer“. „Die ehemalige Klosterkirche mit dem dazugehörenden Bad und das Grundstück wechselten in den folgenden Jahren noch oft ihre Besitzer, um 1851 wieder an die Stadt zu fallen. Sie nutzte es als Magazin und Remise und ließ ab 1868 einen Garten, den heutigen Badgarten, gestalten“, erklärt Blaesi.

Kirche wird als Theatersaal und Waffenlager genutzt

1910/11 wurde die Kirche zu einem Theater- und Konzertsaal umgebaut und im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einem Lager degradiert. „Manchmal, ganz selten, sah man jemanden ein und aus gehen. Mir wurde gesagt, dass dort ein Lager für antiquarische Waffen war“, erinnert sich Simeon Blaesi und fährt fort: „Mein Wunsch war damals – im Jahr 1998 –, die Kapuzinerkirche zu einer Kulturstätte zu machen.“

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Mit dem Umzug des Meersburger Sommertheaters, das im Jahr 2002 seine Spielstätte verloren hatte, nach Überlingen wurde ein entscheidender Schritt gemacht. „So wurde die Kirche schnell entkernt und mit einer Toilettenanlage versehen. Seitdem dient sie als Spielstätte sowohl für das Sommertheater als auch für andere Kulturveranstaltungen“, freut sich der Hausverwalter. Auch er war ab diesem Zeitpunkt mit seinen kulturellen Projekten ein regelmäßiger und häufiger Nutzer und hatte Interesse daran, dieses Gebäude möglichst funktional zu erhalten.

Blaesi sieht große Möglichkeiten durch Sanierung

Der Kulturmanager sieht große Chancen in der ehemaligen Kirche: „Potenzial ist da. Die Notwendigkeit, einen Raum für Kultur zu haben, ist auch da. Vielleicht wird die ehemalige Kapuzinerkirche so saniert, dass sie im Anschluss einfacher nutzbar ist.“ Simeon Blaesi wünscht dem Gebäude eine gute Zukunft: „Es möge mit seinem ruinenhaften Charme gute Darsteller und ein breites Publikum einladen.“