Es gibt Momente, da kann Oberbürgermeister Jan Zeitler auch mal laut werden. Zum Beispiel, als Eventmanager und Stadtrat Reinhard Weigelt (FDP) und Simeon Blaesi vom Förderverein des Sommertheaters bei einer Begehung unter dem maroden Dach der ehemaligen Kapuzinerkirche noch einmal nachhakten, ob nicht der Chorbereich eventuell als Umkleide- oder Lagerraum genutzt werden könne. "Bis zum Ende der Sanierung wird es hier keine Nutzungen mehr geben", fuhr Zeitler barsch dazwischen: "Herr Längin wird das nicht verantworten, ich werde das nicht verantworten. Deshalb möchte ich diese Diskussionen ein für alle mal beenden."

Das Ausmaß der Schädigungen an dem Kulturdenkmal aus dem 17. Jahrhundert hatte Restaurator und Zimmermeister Hans-Jürgen Klose von der Werkstatt für Baudenkmalpflege in Rot an der Rot zu Beginn der Besichtigung einiger Details unter dem Dach schon bildlich zusammengefasst. Die Deformierungen in der Balkendecke des ehemaligen Kirchenschiffs hätten bei einer Untersuchung 2002 noch 3,5 Zentimeter betragen, nun betragen sie 7 Zentimeter. Man habe zwar in jüngerer Zeit mehrfach punktuelle Maßnahmen ergriffen, aber das "Sammelsurium an Schäden" aus Feuchtigkeit, tierischen Schäden und Pilzbefall, das jetzt geballt auftrete, führte zu weiteren Deformierungen an der Gesamtkonstruktion, sodass das Tragwerk "so nicht mehr stabil ist und das Gebäude nicht mehr genutzt werden kann". Wie die einzelnen Schäden repariert werden können, muss das Ingenieurbüro Pfoser und Halblaub nun mit der Denkmalpflege abstimmen und in die Statik der Gesamtkonstruktion einrechnen.

Max Hübner vom Ingenieurbüro Pfoser und Hartlaub erläuterte die Konstruktion und Statik des Dachtragwerks.
Max Hübner vom Ingenieurbüro Pfoser und Hartlaub erläuterte die Konstruktion und Statik des Dachtragwerks. | Bild: Hanspeter Walter

Noch weit davon entfernt sind Fachleute und Verwaltung, eine Prognose über die Dauer der Arbeiten und damit der Sperrung, geschweige denn über die Kosten machen zu können. Wie gravierend die Schäden insbesondere am Gebälk des komplizierten Dachstuhls, aber auch im Mauerwerk der Kapuzinerkirche sind, machten Klose und sein Mitarbeiter Thomas Schmidt zunächst an Ort und Stelle an markanten Beispielen deutlich, um anschließend in der Sitzung noch einmal ein Resümee zu ziehen. "Das wunderschöne Gebäude ist aus auswärtiger Sicht ein echtes Schmuckstück", betonte Klose, "und wir hoffen, dass Überlingen aus dem Bauwerk das macht, was dem Bauwerk zukommt."

Mit einem kleinen Messer holt Thomas Schmidt ein Stück morsches Holz aus dem Mauerwerk der Kirche, das zwischen den Fingern zerbröselt. Sockel und Wände des Gebäudes müssen erst noch systematisch überprüft werden.
Mit einem kleinen Messer holt Thomas Schmidt ein Stück morsches Holz aus dem Mauerwerk der Kirche, das zwischen den Fingern zerbröselt. Sockel und Wände des Gebäudes müssen erst noch systematisch überprüft werden. | Bild: Hanspeter Walter

Als bei der Begehung zuvor die kritischen Stichworte Schneelast und Winddruck gefallen waren, hatte Längin schon betont: "Sie können mir glauben, als Friederike übers Land zog, habe ich nicht gut geschlafen." Spätestens jetzt wisse jeder, "warum wir den Kapuziner im Dezember schließen mussten", erklärte Baubürgermeister Matthias Längin zu Beginn der Sitzung. "Ziel muss es sein, dass der Kapuziner nach der Landesgartenschau auch ganzjährig genutzt werden kann", erklärte Jan Zeitler oben im Dachstuhl. "Denn er ist als Veranstaltungsort sehr wichtig." Allerdings werde es bei einem Einzeldenkmal sicher harte Diskussionen geben, sagte Matthias Längin später, was die notwendige Wärmedämmung angehe.

Die könnten sich allerdings lohnen, wie Restaurator Hans-Jürgen Klose schon unter dem Dach des Kapuziners beschrieb. Das Bauwerk habe eine wunderschöne Kassettendecke besessen, erklärte er: "Die Profile hängen sogar noch. Man muss eigentlich nur die Leisten eins zu eins nachbauen. Dann haben Sie die geilste Kassettendecke, die man sich vorstellen kann." Man könne noch sehr gut die Ausbuchtungen erkennen, in die die Kreuzleisten hineingelaufen sind und die Decke rekonstruieren. "Dann haben sie einen Raum, da will keiner mehr raus", prognostiziere Klose. "Das ist ein Traum. Und es wird bezahlbar sein."

Die Sanierung des Dachstuhls müsse Stück für Stück erfolgen. Das Dach werde nur punktuell geöffnet, wo es gerade erforderlich sei. "Sie brauchen ja keine Ausschreibung zu machen, weil es ein Baudenkmal ist", sagt der Fachmann: "Sie müssen nur drei oder vier Firmen anfragen, die einen Qualifikationsnachweis haben. Und am, Bodensee seit ihr ja regelrecht gesegnet mit solchen Firmen."

Handwerkliche Kunst aus dem 17. Jahrhundert spiegelt dieser "Liegende Dachstuhl" als Tragwerkskonstruktion im Kapuziner wieder.
Handwerkliche Kunst aus dem 17. Jahrhundert spiegelt dieser "Liegende Dachstuhl" als Tragwerkskonstruktion im Kapuziner wieder. | Bild: Hanspeter Walter

Die Frage nach dem "Zeithorizont" von Stadtrat und Veranstalter Reinhard Weigelt (FDP) blieb noch unbeantwortet. "Diese Antwort hätten wir auch gerne", sagte Matthias Längin. Zumindest die Suche nach Fördermitteln laufe schon, auch die Denkmalrechtsbehörde sei involviert. "Wir können heute noch keine definierte Zeitschiene benennen." So soll das Büro Klose zunächst auch noch das Mauerwerk genauer untersuchen, das bislang nicht im Fokus stand. "Es ist sinnvoll, zunächst alle Grundlagen zu untersuchen, bevor man mit der Planung anfängt", bekräftigte der Restaurator anschließend. Beim Familienzentrum sei dies versäumt worden, mit den leidigen Folgen bei Zusatzmaßnahmen und Kostensteigerungen.

 

Diese Ausweichorte für Veranstaltungen sind im Gespräch

Dass die Veranstalter in diesem Jahr gemeinsam mit der Stadt nach alternativen Lösungen suchen müssen, ist spätestens nach der Besichtigung und den Erläuterungen der Experten nicht mehr wegzudiskutieren. Zum einen wäre das aktuelle Risiko zu groß, zum anderen muss und will die Stadt den Kapuziner langfristig als attraktiven Veranstaltungsort sichern. Deshalb sollten sich auch die Betroffenen selbst ein Bild machen.

Von der Stadt schon zugesagt sei der befestigte südliche Vorplatz bis zum Weg durch den Badgarten, erklärt Thomas-Michael Becker, Vorsitzender des Fördervereins Sommertheater Überlingen. Diese Fläche müsse mit Kunstrasen oder Kies in Richtung Felderhausparklatz noch etwas erweitert werden. "Wir müssen auch noch klären, wie groß ein Zelt werden kann, wenn man an die dort mögliche Windlast denkt", sagt Becker. Für das Programm gebe es schon die mündlichen Absprachen mit den Festspielen Wangen, doch müssten die konkreten Verträge noch ausgehandelt werden. Alles in allem sei dies ein "erheblicher Mehraufwand" gegenüber der kostenlos zur Verfügung gestellten Kapuzinerkirche. Inwieweit das zugesagte Budget dafür reiche, werde sich erst noch zeigen müssen."

"Ich präferiere immer noch den südlichen Vorplatz vor dem Kapuziner, wo bisher die Gastronomie war", sagt auch Reinhard Weigelt, Veranstalter des Programms Kultur im Kapuziner. Dazu brauche er aus heutiger Sicht ein großes Zelt, dessen Kosten noch nicht kenne. "Das muss ein schönes Zelt oder eine schöne Überdachung sein", erklärt Weigelt. Er werde nun prüfen, ob sich das für ihn finanzieren lasse und er die 'Kultur im Kapuziner' überhaupt machen könne. Bei einer Absage würden Vertragsstrafen fällig, und er müsse nun ausrechnen, ob es für ihn günstiger wird, diese in Kauf zu nehmen. Weigelt: "Ich rechne jetzt und dann wird man sehen." (hpw)