Jörg Büsche und Benjamin Schmidt

Markus Klein leitet das Team des Notfallnachsorgedienstes (NND) des Deutschen Roten Kreuzes, Kreisverband Bodenseekreis. Gemeinsam mit seinen Kollegen war Klein am vergangenen Samstag vor Ort, kümmerte sich um elf Menschen, Angehörige und Kolleginnen der getöteten Frau. Am Montag spricht Klein mit dem SÜDKURIER – und er macht aufmerksam auf das Angebot seines Teams.

Markus Klein leitet den Notfallnachsorgedienst des DRK Bodenseekreis.
Markus Klein leitet den Notfallnachsorgedienst des DRK Bodenseekreis. | Bild: DRK/Zwetschke (Archiv)

„Wer im Umfeld dieser Tat kurzfristig Hilfe und einen Gesprächspartner braucht, um das Erlebte zu verarbeiten, kann sich jederzeit rund um die Uhr unter der Telefonnummer 19222 an die Rettungsleitstelle Bodenseekreis wenden.“ So ist es auch auf der Facebook-Seite des NND zu lesen. „Die Offerte geht vor allem an diejenigen, die vor Eintreffen der Polizei vom Ort geflüchtet sind“, erläutert Klein. Und er betont: „Wenn jemand das Gefühl hat, es gibt Gesprächsbedarf, kann sich die Person gerne melden.“ Der Dienst stehe 24 Stunden an sieben Tagen der Woche zur Verfügung.

Von der Seele reden hilft

Im Fokus dieser Betreuung stehen Menschen, die vor Ort Zeuge der Tat geworden sind. Um alle, die die Gewalttat ebenfalls beschäftigt, kann sich der NND allerdings nicht kümmern. Klein: „Das würde unsere Kapazitäten sprengen.“ Dennoch hat er Tipps zum Umgang mit Sorgen und Ängsten: „Es ist hilfreich, mit Leuten, zu denen man Vertrauen hat, zu reden.“ Der Volksmund sage nicht von ungefähr, dass es gut tut, sich etwas von der Seele zu reden.

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Zudem rät Klein: „Wenn es einem schlecht geht, sollte man sich positiv ablenken.“ Was er damit meint? Alles, womit man Kraft tanken kann. Spazieren gehen, Sport machen, ein gutes Buch lesen, einen lustigen Film anschauen, gute Musik hören. „Wenn man merkt, schlechte Gefühle, Schlafstörungen oder Konzentrationsschwierigkeiten dauern über einen längeren Zeitraum an, dann sollte man sich ärztlichen Rat holen.“ Hier sei der Hausarzt zunächst der beste Ansprechpartner.

Erzieherin Gabriela Ritter rät, auf schlimme Themen nur dann einzugehen, wenn Kinder Fragen stellen – und dann den ...
Erzieherin Gabriela Ritter rät, auf schlimme Themen nur dann einzugehen, wenn Kinder Fragen stellen – und dann den Ausnahmecharakter unbedingt hervorzuheben. | Bild: Jörg Büsche

Die Leiterinnen des örtlichen Gymnasiums und der Realschule waren am Dienstag nicht für ein Gespräch erreichbar. Der Südkurier erfuhr jedoch von einem Fall, in dem es einen Austausch im Klassenverband gegeben hat.

Zeit für ein Gespräch hatte Gabriela Ritter, Leiterin des Kindergartens in der Schulgasse. Am Montag nach den tödlichen Schüssen im Markdorfer Megamix habe noch kein Kind das Thema angesprochen oder nachgefragt. Überhaupt mache die Erzieherin die Erfahrung, dass Eltern sich größte Mühe geben, Berichte von realer Gewalt von ihren Söhnen und Töchtern fernzuhalten. „Im Kindergartenalter sind die allermeisten ja sehr gut behütet.

Kindgerecht antworten

Ganz grundsätzlich rät Gabriela Ritter den Eltern, das blutige Geschehen im Megamix-Geschäft nicht von sich aus anzusprechen – auch nicht in guter Absicht. Sollte ein Kind dennoch etwas mitbekommen haben und nachfragen, dann gelte es unbedingt, kindgerecht zu antworten. „Da hat jemand etwas sehr, sehr Böses gemacht“, lautet der Formulierungsvorschlag der Erzieherin. „Wichtig ist auch, dass das schlimme Geschehen als die riesige Ausnahme hingestellt wird – die sie bei uns ja auch ist.“

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Auch nicht von Mord sollte die Rede sein. Stattdessen schlägt Gabriela Ritter vor: „Da hat ein Mann seiner Frau das Leben genommen.“ Nur auf Nachfrage, ohne Ausschmückung und so wenig wie möglich, sollte die Sache beschrieben werden, lautet der Rat der Erzieherin. „Und unbedingt etwas Positives ins Spiel bringen, das Kind möglichst rasch ablenken von dem schlimmen Thema“, empfiehlt Gabriela Ritter zum Schluss.

Andreas Geiger, Rektor an der Markdorfer Jakob-Gretser-Grundschule, hatte am Montagvormittag noch keine Anfragen von Eltern. Doch er rät: „Wenn ein Kind fragt, nur sehr sachlich und sehr behutsam antworten.“ Das ist dann aber schon alles, was der Schulleiter zu diesem frühen Zeitpunkt zu dem Thema sagen möchte. Zumal Kinder im Grundschulalter sehr unterschiedlich reagieren. Die einen wollen mehr wissen, stellen Fragen – auch nach dem Warum. Die anderen möchten gar nichts hören. „Auf keinen Fall darf man die Kinder verunsichern“, sagt Geiger.