Generation Praktikum? Was bis vor der Corona-Pandemie ein geflügelter Begriff für die Jugend war, selbst das scheint heute kaum mehr möglich: Corona hat vor allem bei den kleineren Betrieben in der Region für ein zwischenzeitliches Aussetzen von Praktikumsplätzen geführt. Die Leidtragenden sind die Jugendlichen. Doch nun scheint sich die Lage allmählich wieder zu entspannen.

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Aaron möchte Metallbauer werden. Und am liebsten hätte der 15-Jährige am Montag, 5. Juli, in die Werkstatt eines namhaften Markdorfer Unternehmens hineingeschnuppert. Auf seine Bewerbung für ein Berufspraktikum hat es indes eine Absage gegeben. „Sie hatten keine freien Plätze mehr“, erzählt Aaron, der sich davon jedoch nicht entmutigen ließ. „Nach vier, fünf Anrufen hatte ich dann was“, eine Praktikums-Zusage von einem Schreinerbetrieb.

Berufswegeplaner am Bildungszentrum geben den Schülern Orientierung

Sinan, 14, hatte schnelleren Erfolg. Er musste nur einmal zum Hörer greifen, dann hatte er die Zusage fürs einwöchige Praktikum bei einem Autozulieferer in Markdorf. „Die Lage hat sich inzwischen deutlich entspannt“, berichtet Norbert Müller im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Und seine Erleichterung ist dem Berufswegeplaner am Schulverbund des Markdorfer Bildungszentrums (BZM) deutlich anzumerken. Müller ist einer der vier Lehrer im Kollegium von Real- und Werkrealschule, die den Schülern Orientierung bieten und Anhaltspunkte liefern für die berufliche Karriere der Jugendlichen – insbesondere für den Einstieg in die Arbeitswelt. Und den verstellen seit etwas mehr als einem Jahr besonders viele Hürden.

Keine Betriebs-Praktika im Corona-Lockdown

„Unsre jetzigen Zehner konnten überhaupt kein Praktikum machen“, erklärt Norbert Müller. Der Grund: Die strengen Auflagen der Corona-Verordnungen haben dazu geführt, dass die Industrie- und Handwerksbetriebe ihre Tore und Türen vor Betriebsfremden verschlossen. Um ihre Mitarbeiter nicht zusätzlichen Risiken auszusetzen, boten die Unternehmen deshalb auch keine Praktika an.

Wichtiges Instrument bei der Berufsorientierung von Schülern ist der direkte Kontakt zum möglichen Arbeitgeber. Beim „Marktplatz Beruf“ im BZM wird der Weg dorthin geebnet. Hier ein Archivbild aus der Zeit vor der Corona-Pandemie.
Wichtiges Instrument bei der Berufsorientierung von Schülern ist der direkte Kontakt zum möglichen Arbeitgeber. Beim „Marktplatz Beruf“ im BZM wird der Weg dorthin geebnet. Hier ein Archivbild aus der Zeit vor der Corona-Pandemie. | Bild: Jörg Büsche

Das Nachsehen hatten die Jugendlichen. Sie konnten sich keine Einblicke ins Berufsleben verschaffen. Wie Mechatroniker, Zahnarzthelferinnen oder Verwaltungsangestellte arbeiten, blieb für die Neuntklässler des Schuljahres 2019/20 reine Theorie. Was es gab, waren die Informationen aus den Materialsammlungen des Arbeitsamtes. Mit Mühe und Not sei es immerhin gelungen, im November, knapp vor dem jüngsten Lockdown, noch Praktika für Werkrealschüler zu arrangieren, berichtet Müller.

„Marktplatz Beruf“ am Bildungszentrum als Kontaktbörse unerlässlich

Im vergangenen März seien dann wieder keine Praktika zustande gekommen. Das Berufsorientierungsteam gab die Hoffnung jedoch nicht auf. Es setzte auf sinkende Inzidenzwerte. Und die vier Berufswegeplaner behielten recht. Habe die Situation noch vor 14 Tagen alles andere als rosig ausgesehen, so zeigt ein Blick auf die Klassenlisten, dass doch die meisten Schüler inzwischen einen Praktikumsplatz bekommen haben.

Nichts geht über den direkten Kontakt zur Arbeitswelt, in der Regel in Form von Praktika in den Betrieben in der Region. Auch dies ist ein Archivbild aus der Zeit vor der Pandemie.
Nichts geht über den direkten Kontakt zur Arbeitswelt, in der Regel in Form von Praktika in den Betrieben in der Region. Auch dies ist ein Archivbild aus der Zeit vor der Pandemie. | Bild: Jörg Büsche

Ausdrücklich weist Norbert Müller auf die Rolle hin, die die „Bildungspartner“ des Schulverbunds bei der Berufsorientierung der Schüler spielen. Sie treten beim alljährlichen „Marktplatz Beruf“ auf, bei dem die Jugendlichen mit Handwerkern, Ausbildungsleitern, Personalern, aber auch mit Auszubildenden ins Gespräch kommen und erste Kontakte knüpfen.

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So wie Nino, 14, der auf dieser Ausbildungsbörse des Schulverbunds auf den Stand eines hiesigen Industriebetriebes aufmerksam geworden ist. „Ich fand es interessant und habe mich für ein Praktikum beworben und auch eine Zusage bekommen“, berichtet der Realschüler mit Blick auf den letzten „Marktplatz Beruf“ vor zwei Jahren. 2020 musste die schulinterne Messe ausfallen, wegen der Pandemie.

Mit einem Jahr Verspätung kann Nino seine Schnupperwoche nachholen

Corona hatte im vergangenen Sommer übrigens auch einen Strich durch Ninos geplante Schnupperwoche im Industrieunternehmen gemacht, was den 14-Jährigen jedoch nicht davon abhielt, in diesem Frühjahr erneut anzufragen. Seine Bewerbungsunterlagen waren noch in der Personalabteilung. Und nun darf Nino ein Praktikum als Elektriker machen.

Inzwischen bieten die Firmen in der Region wieder Ausbildungsplätze an

Den 13-jährigen Luca hat sein Onkel auf die Idee gebracht. Der arbeitet dort in der Metallverarbeitung, wo Sinan jetzt sein Praktikum antritt. „Mein Onkel hat mir einiges erzählt“, erzählt Luca. Ob dem Realschüler die Arbeit gefällt, wird er spätestens nach seiner Praktikumswoche wissen. Das Beste kommt aber zum Schluss: Wie Norbert Müller berichtet, häufen sich nun inzwischen die Ausbildungsplatz-Angebote, die Unternehmen aus Markdorf und Umgebung dem Schulverbund schicken. Das wiederum ist ein großer Silberstreif am Horizont für die Jugendlichen.