Herr Castner, Sie sind Gründungsmitglied des Notärztevereins Markdorf – wie kam es dazu?

Das war im Jahr 2000. Der Verein besteht also seit 20 Jahren. Damals wurde das Markdorfer Krankenhaus St. Josef geschlossen, das bis dahin die Notärzte gestellt hatte. Ich startete gerade als Notarzt. Dr. Klaus Schön und Dr. Uta Schmidt waren in Markdorf ansässig. Wir haben nach Schließung des Krankenhauses über Wochen hinweg den Notarztdienst aufrecht erhalten. Nach und nach kamen Kollegen aus Friedrichshafen und aus dem Bodenseekreis dazu. Der Notarztverein Markdorf wurde gegründet. Es war ein Novum. Der Markdorfer Notarztverein war damals der einzige in Baden-Württemberg, der den Versorgungsauftrag für den Notarztdienst bekommen hatte. Seither organisieren wir als Verein diese Dienste in Eigenregie. Alle Nächte, sieben Tage die Woche. Jedes Wochenende komplett, jeden Feiertag. Eine Woche pro Monat auch tagsüber. Die anderen Wochen tagsüber werden die Notarztdienste von Kliniken aus Friedrichshafen und Überlingen gestellt.

Mit dem Notarztfahrzeug von Markdorf in die Sahara.
Mit dem Notarztfahrzeug von Markdorf in die Sahara. | Bild: privat

Da kommt schon so einiges zusammen, oder?

Wir haben zunehmend Probleme. Es gibt immer weniger Ärzte, die noch Notarztdienste machen dürfen, weil die gesetzlichen Bestimmungen verschärft wurden. Das ist einerseits gut, weil die Qualität nochmals gesteigert wurde. Andererseits können das immer weniger Kollegen leisten. Interessierte Ärzte müssen umfangreiche Zusatzqualifikationen absolvieren. Dazu zählen Tätigkeiten auf der Intensivstation und in der Anästhesie – für mindestens sechs Monate. Im Markdorfer Notarztverein sind ausschließlich Fachärzte mit langjähriger Erfahrung aktiv.

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Sind Sie noch als Arzt aktiv? Nennen Sie Beispiele.

Etwa die Hälfte meines Berufslebens bin ich ärztlich tätig – als Notarzt, als Narkosearzt und als Intensivmediziner. Die andere Hälfte als Sachverständiger für Medizinprodukte. Als Anästhesist und Intensivmediziner bin ich bei einer Facharzt-Agentur. Die Agentur vermittelt mich wochenweise an Kliniken im süddeutschen Raum. Ich war beispielsweise schon in Schweinfurt oder in Stuttgart. Derzeit bin ich in einer Klinik in Weißenhorn bei Neu-Ulm im Dienst.

Untersuchung und Versorgung eines Verletzen bei der Sahara-Rallye El Chott in Tunesien.
Untersuchung und Versorgung eines Verletzen bei der Sahara-Rallye El Chott in Tunesien. | Bild: privat

Welches war Ihr bislang ungewöhnlichster, kuriosester Einsatz?

(Grinst) Ja, da habe ich schon so einiges erlebt. (Fängt an zu lachen): Das ist schon Jahre her. Ich habe damals als Notarzt eine Wüstenrallye in Tunesien in der Nähe zur algerischen Grenze begleitet. Ein Scheich kam in die Oase Ksar Ghilane – ein beliebter Treffpunkt für Globetrotter und Rallye-Sportler. Jedenfalls entdeckte der Scheich unser Fahrzeug mit Rot-Kreuz-Zeichen und brachte seinen Kamelbullen mit. Das Tier war in eine Falle getreten und hatte sich einen Vorderlauf verletzt. Das haben wir dann medizinisch versorgt. Seither haben wir so eine Art Dauereinladung. Falls wir dort sind, werden wir immer zum Tee eingeladen und fürstlich bewirtet... Rund sechs Jahre lang habe ich als Arzt professionelle Rallye- und Extremsportbegleitung gemacht. Ich war auch schon im Notarzt-Team bei der Snowboard-WM in Davos dabei. Ach ja, und zwei Jahre lang war ich Uni-Dozent in Malawi in Ostafrika... Ja das waren sehr interessante Zeiten...

Thomas Castner versorgt „ausgetrocknete“ Motorradfahrer bei einer Wüstenrallye mit Trinkwasser.
Thomas Castner versorgt „ausgetrocknete“ Motorradfahrer bei einer Wüstenrallye mit Trinkwasser. | Bild: privat

Und der schwierigste oder anstrengendste?

(nachdenklich, mit Stirnrunzeln) Das war damals 2002 das Flugzeugunglück bei Überlingen. Es war Nacht... Wir wussten anfangs nicht einmal, dass es um zwei Flugzeuge ging. Wir glaubten erst, es sei ein Flugzeug abgestürzt... Die ganzen Details erfuhren wir nach und nach... Im Nachhinein betrachtet, war es ein Wunder, dass keine Menschen durch herabstürzende Wrackteile verletzt worden sind. Das waren körperliche und psychische Höchstbelastungen für Ärzte, Rettungskräfte und Helfer. Viele ehrenamtliche Rettungskräfte und Helfer haben heute noch posttraumatische Belastungsstörungen.

Tun wir so, als hätten Sie erneut die freie Wahl – würden Sie wieder den Arztberuf ergreifen?

(prompte Antwort) Sofort! Das ist immer noch mein Traumberuf. So mit 13, 14 Jahren bin ich zum Jugend-Rot-Kreuz, dann zum Rettungsdienst. Ich habe die Ausbildung zum Krankenpfleger absolviert, damals in Landsberg am Lech. Und währenddessen fiel die Entscheidung: ich will Arzt werden.

Warum?

(Denkt nach) Es ist sicher nicht das Helfersyndrom... Es ist für mich immer noch erstaunlich und faszinierend, in Extremsituationen, wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen und gefährdet sind, besonnen und professionell zu handeln und zu helfen.

Sie sind außerdem Sachverständiger für medizinische Produkte – wie qualifiziert man sich dafür?

Das mache inzwischen seit rund 30 Jahren. Da bin ich damals quasi reingerutscht. Das Mega-Code-Training, MCT, kam aus den USA nach Europa. Durch dieses Konzept wurde die Notfallversorgung sehr gut strukturiert, die Abläufe wurden vereinheitlicht. Heutzutage kann man mit völlig unbekannten Kollegen eine perfekte Notfallversorgung bewerkstelligen. Weil jeder genau weiß, was an welcher Position wann zu tun ist. Damals vor 30 Jahren habe ich zwei Rettungsdienstkollegen auf einer Messe in Zürich kennengelernt. Die stellten in Handarbeit Taschen für notfallmedizinische Ausrüstung her... Dann kamen 1993 eine EU-weite Vorschrift für Medizinprodukte sowie die CE-Zertifizierung dieser Produkte. Das ist heute mein Schwerpunkt. Ich habe über die Jahre hinweg viele Fortbildungskurse und Zusatzqualifikationen absolviert. Heutzutage gibt es den Studiengang Manager Regulatory Affairs. Vereinfacht ins Deutsche übertragen bedeutet das Sachverständiger für Medizinprodukte.

Nennen Sie Beispiele aus Ihrer gutachterlichen Tätigkeit.

Klassische Beispiele sind Rettungsrucksäcke und notfallmedizinische Ausrüstung oder das inzwischen gebräuchliche Ohrthermometer. Die CE-Zertifizierung, die Forschung und Entwicklung von Medizinprodukten hat sich beispielsweise in der Corona-Krise extrem bewährt. Wir haben wiederverwendbare medizinische Masken mitentwickelt.

Welche Pläne haben Sie, was Ihr Sachverständigenbüro für Medizinprodukte anbelangt?

Bislang wird Castner Consulting als Netzwerk betrieben, im Bereich Forschung und Entwicklung von Medizinprodukten. Ich habe mehrere Diplom-Arbeiten im Bereich Medizintechnik betreut. Wir im Unternehmen sehen, dass der Bedarf an Forschung und Entwicklung von Medizinprodukten sowie an CE-Zertifizierungen immens hoch ist. Das wird immer mehr. Meine Gutachterkollegen und ich möchten das Ganze konzentrieren. Wir planen einen zentralen Unternehmensstandort in Markdorf oder Umgebung. Das ist im Prinzip ein Forschungs- und Entwicklungszentrum mit Laborarbeitsplätzen und Büroräumen für bis zu zehn, zwölf Kollegen. Sobald wir einen passenden Standort gefunden haben, legen wir los. Dazu ein Beispiel: Bis Mai 2021 muss jedes Medizinprodukt auf dem europäischen Markt neu zugelassen werden. Der Arbeitsaufwand für die CE-Zertifizierungen verzehnfacht sich in etwa. Und für jedes dieser Medizinprodukte muss ein wissenschaftlicher Nachweis erbracht werden, dass es wirksam ist.

Wie erleben Sie das Thema Corona?

Am Anfang war es extrem spannend, weil plötzlich Wissenschaftler kooperativ zusammengearbeitet haben. In kürzester Zeit wurde zu diesem Krankheitsbild Wissen angehäuft. Die Maßnahmen hier in Deutschland sind in Ordnung, die empfinde ich als angemessen. Wir sind bisher gut durch die Krise gekommen.

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Gibt es so etwas wie Corona-Koller und welche Tipps haben Sie?

Ich kann gut verstehen, dass die Leute die Nase voll haben von den Beschränkungen. Aber ich glaube, dass wir so gut durch die Krise gekommen sind, weil sich viele an die Regeln und Vorschriften gehalten haben. Corona wird Teil unseres Lebens werden. Generell dürfte es helfen, besonnen zu sein und doch mit einer gewissen Portion Gelassenheit mit den Beschränkungen umzugehen.

Wie gestalten Sie Ihre Freizeit?

Ich reise gerne mit dem Wohnmobil, mit Frau und Familie oder auch mal alleine. Mittlerweile habe ich so um die 80 Länder bereist. Demnächst wird‘s eine Deutschlandtour geben, wir wollen möglichst viele Freunde besuchen. Weil Auslandsreisen sind momentan coronabedingt doch noch etwas schwierig. Außerdem mache ich gerne Touren mit dem Reisefahrrad, beispielsweise war ich schon auf dem Donau- und auf dem Rheinradweg unterwegs. Und ich lese gerne – Sachbücher, Richtung Minimalismus. Man braucht für das tägliche Leben viel weniger, als so manche glauben. Das habe ich während meiner ärztlichen Tätigkeit in Afrika gelernt.

Gibt es etwas, das Sie immer schon machen oder erleben wollten, aber noch nicht dazu gekommen sind?

(Mit leuchtenden Augen): Schiffsarzt, das will ich noch machen! Ja, ich werde als Schiffsarzt arbeiten und habe schon Kontakte aufgenommen. Warum? Ich war schon in Hubschraubern und in Ambulanz-Jets, in der Auslandsrückholung, habe viel gesehen und erlebt. Luft und Land habe ich also schon reichlich – jetzt fehlt noch das Wasser.“

Fragen: Toni Ganter