Das kleine Land Malawi liegt unterhalb von Tansania und ist größtenteils von Mosambik umgeben, im nordwestlichen Teil grenzt es an Sambia. Thomas Castner und seine Frau Elke haben bereits in vielen verschiedenen Ländern Afrikas gearbeitet und Urlaub gemacht – doch Malawi musste auch das Ehepaar erstmal auf ihrer großen Landkarte suchen, die immer einsatzbereit an der Wand im Wohnzimmer hängt. Castner hatte Anfang 2016 eine Anzeige im deutschen Ärzteblatt entdeckt, in der ein „Universitätsdozent für Anästhesie & Intensivmedizin“ an der Universität Malawi gesucht wurde. "Nachdem meine Frau und ich schon immer eine Afrophilie hatten, ist mir diese Anzeige sofort ins Auge gefallen", so Thomas Castner. Vor dem Einsatz in Malawi waren sie hauptsächlich in Nord- und Westafrika unterwegs. "Mit Ostafrika hatte ich keine Erfahrung und meine Frau nur im nördlichen Teil Ostafrikas, in Kenia", berichtet Castner.

Innerhalb einiger Monate lösten sie ihr gesamtes bisheriges Leben in Markdorf auf und bereiteten sich auf den Umzug vor. Thomas Castner ist seit März 2017 in Malawi, seine Frau und der 17-jährige Sohn David seit August. Castner bildet Fachärzte für Anästhesie sowohl theoretisch als auch praktisch im Krankenhaus aus. "In ganz Malawi, mit seinen 16 Millionen Einwohnern, gibt es derzeit zwölf registrierte Fachärzte für Anästhesie, von denen einer aber ich selbst bin", sagt Castner. So wird die überwiegende Zahl der Narkosen ohne ärztliche Anästhesisten durchgeführt, teilweise mit der entsprechenden Komplikationsrate. Die Laufzeit seines Vertrages geht bis März 2019.

Dieses typische Straßenbild auf dem Land entstand auf dem Weg in den Majete Nationalpark, der sich beidseits des Shire River erstreckt.
Dieses typische Straßenbild auf dem Land entstand auf dem Weg in den Majete Nationalpark, der sich beidseits des Shire River erstreckt.

In dem einen Jahr in Blantyre konnte der 51-Jährige schon einige Sachen bewegen. Das Herzstück seines Projektes ist das Asot-Projekt, das "Anaesthesia Skills Operating Theatre". "Ich habe versucht, aus einem Operationssaal, der sich auf einem schlechten Feldlazarett-Standard befand, einen einigermaßen funktionierenden OP mit Geräten und Material zu zaubern", so Castner. Hier nimmt er nun gemeinsam mit seinen Studenten Narkosen vor. Mit viel Energie, zahlreichen Rückschlägen aber mittlerweile sichtbaren Lernerfolgen der Studenten sei laut Thomas Castner alles gut gelungen. Der OP-Saal brauche den Vergleich mit dem europäischen Standard nicht zu scheuen. Die bald frisch gebackenen Fachärzte für Anästhesie werden bald in die Krankenhäuser auf dem Land geschickt, um dort ihr Wissen weiter zu geben und sichere Narkosen anbieten zu können.

Thomas Castner bildet in Malawi zukünftige Fachärzte für Anästhesie aus. Dafür musste zunächst ein entsprechender Operationssaal vorhanden sein. Mit viel guten Ideen und Durchhaltevermögen wurde dies verwirklicht. Bilder: Privat
Thomas Castner bildet in Malawi zukünftige Fachärzte für Anästhesie aus. Dafür musste zunächst ein entsprechender Operationssaal vorhanden sein. Mit viel guten Ideen und Durchhaltevermögen wurde dies verwirklicht. Bilder: Privat

Der Alltag der Familie Castner ist geprägt von der "Vorhersehbarkeit des Unvorhergesehenen". Sie wissen morgens nicht, was für Herausforderungen auf sie warten und welche Katastrophen kommen könnten. "Stromausfall, teilweise für Tage, metertiefe Schlaglöcher auf den Straßen, völlig unfähige Handwerker und chinesischer Schrott in den Läden fällt uns schon gar nicht mehr auf", so Thomas Castner. Die stoische Art der Malawier, die durch praktisch nichts zu erschüttern sei, sei für eine "europäische Weißnase" nicht immer leicht zu ertragen. In Malawi sei es nicht üblich, jemanden Fremden einzuladen. So bekommt die Familie, außer im Hospital, keinen größeren Einblick in den malawischen Alltag. Da dies alle Ausländer betrifft, entsteht mehr oder weniger eine Parallelgesellschaft. Die Ausländer pflegen einen regen Austausch. Man lädt sich meist gegenseitig in sein Haus ein, da das Angebot an Cafés, Restaurants und sonstigen Treffpunkten sehr überschaubar ist. Kulturell wird ebenfalls sehr wenig angeboten. "So trifft man sich in seinen umzäunten, Stacheldraht geschützten und von Guards bewachten Häusern zum gemeinsamen Essen, grillen und trinken", berichtet Castner. Trotz des, im europäischen Vergleich niedrigen Lebensstandards, sei ihr Leben sehr privilegiert. "Wir brauchen uns keine Gedanken machen, ob wir morgen etwas zu essen haben oder nicht", sagt Castner. Viele Probleme seien sehr weit entfernt. "Wir haben alles, was wir brauchen und sind sehr zufrieden damit." Familie Castner sieht es eher als Bereicherung mit sehr wenigen Dingen auszukommen, als ein Mangel.

Der Weg zur Arbeit: Die Jacaranda Bäume blühen und verwandeln die Straßen in farbenfrohe Alleen.
Der Weg zur Arbeit: Die Jacaranda Bäume blühen und verwandeln die Straßen in farbenfrohe Alleen.

Zur Person

Thomas Castner, 51, verheiratet, zwei Kinder, aus Markdorf, lebt seit einem Jahr in Blantyre/Malawi und arbeitet dort an der Universität als Universitätsdozent für Anästhesie und Intensivmedizin. Sein 17-jähriger Sohn David besucht die St. Andrews Highschool und macht seinen internationalen Abschluss, seine 24-jährige Tochter Carolin ist ausgebildete Krankenschwester und hat drei Monate im Hospital mitgearbeitet. Castner hat mit 16 Jahren als Sanitäter beim Roten Kreuz begonnen, dann eine Ausbildung zum Rettungsassistenten und Krankenpfleger gemacht. Es folgte das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, Studium der Humanmedizin in Ulm, Facharztausbildung für Anästhesie und Intensivmedizin sowie Zusatzausbildungen in den Bereichen Notfallmedizin, Tauchmedizin, Palliativmedizin. Zu seinen Hobbys zählen neben der Medizin das Fahrradfahren und Reisen.

Seine Erfahrungen im Blog:http://www.wanderheiler.de