Das Thermometer zeigt zwölf Grad. Es ist kurz vor 7.30 Uhr. Das Gras unter den Schuhen ist noch nass. Nur Vogelgezwitscher unterbricht die frühmorgendliche Stille auf der Apfelplantage.

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Ein paar Minuten später ist es schon etwas lauter. Inmitten der Apfelreihen steht Zsolt Csomós László. Er pflückt routiniert einen Gala-Apfel nach dem anderen und legt sie in die gelben und dunkelgrünen Plastik-Körbe. Diese stehen auf dem Apfelzügle, der in einer der vielen Apfelreihen auf der Plantage von Landwirt Christian Keßler steht.

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„Wenn das Wetter gut ist, ist das Ernten kein Problem“, sagt Csomós László. Für den Rumänen ist es bereits die sechste Erntesaison. Er arbeitet mit seiner Frau, seinem Bruder und seiner Tante als Erntehelfer auf der Riedheimer Apfelplantage. Keßlers‘ Vater Adelbert hilft tatkräftig mit.

„Da bleibt man jung und frisch. Es gibt kein schlechtes Wettern, nur schlechte Kleidung“, sagt der 72-Jährige und lacht.
„Da bleibt man jung und frisch. Es gibt kein schlechtes Wettern, nur schlechte Kleidung“, sagt der 72-Jährige und lacht. | Bild: Julia Leiber

Auf der idyllisch gelegenen Apfelplantage wird von 7.30 bis 18.30 Uhr an sechs Tagen in der Woche geerntet. Ohne die sechs rumänischen Erntehelfer wie Csomós László würde es nicht gehen, sagt Christian Keßler. Er wusste lange nicht, ob er wegen der Corona-Pandemie auf die Saisonkräfte verzichten muss.

„Es ist alles mehr Aufwand. Die letzten Tage waren nervenaufreibend. Das brauche ich nicht jedes Jahr“, sagt Keßler.
„Es ist alles mehr Aufwand. Die letzten Tage waren nervenaufreibend. Das brauche ich nicht jedes Jahr“, sagt Keßler. | Bild: Julia Leiber
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Aufwendig sind nicht nur die Corona-Bestimmungen, sondern auch die Ernte. Das Obst wird nach Größe, Farbe und Beschädigung sortiert. Mit dem Apfelzügle geht es von einer Apfelreihe zur nächsten.

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Bei der Ernte gilt folgendes Prinzip: „Zu wenig rote Farbe – zu wenig Geld“, sagt Keßler. Denn egal ob Boskoop, Delbarestivale, Elstar oder Golden Delicious: Der Obstgroßmarkt in Markdorf, der seine Äpfel über die Marktgemeinschaft Bodensee vermarktet, und der Verbraucher erwarten perfekte, makellose Früchte.

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Mit der Menge und der Qualität der diesjährigen Ernte ist Keßler insgesamt zufrieden. Sorge macht ihm allerdings die Sorte Jonagold. Durch den Frost gebe es 70 Prozent Frostschäden. „Die Äpfel sehen nicht mehr ansprechend aus und werden nicht gekauft. Daher werden sie zu Most in der Bodensee Kelterei Widemann in Ahausen weiterverarbeitet“, erzählt der 44-Jährige.

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Der Anblick seiner beschädigten Jonagold-Äpfel ist kein leichter für den Landwirt. „Die Kosten für die Produktion, Löhne, Versicherung und Pflanzenschutzmittel habe ich trotzdem. Da kann ich mich jetzt verrückt machen oder es akzeptieren“, sagt Keßler.

Im Gegensatz zu den Frostschäden bei Jonagold glänzt die Sorte Gala in leuchtendem Rot. Dort geht es mit dem Apfelzügle als Nächstes hin. Christian Keßler fährt mit dem Traktor und den Saisonarbeitern voraus, sein Vater Adelbert hinterher.

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Nach kurzer Fahrt geht es mit der Ernte der Gala-Äpfel weiter. „Weil sie so schön aussehen, haben sich alle Erntehelfer schon tagelang darauf gefreut“, verrät Keßler und lächelt.

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Der 18-jährige Balazs Csomós ist einer davon. Die Freude ist ihm trotz der körperlich anstrengenden Arbeit anzusehen. Der Rumäne ist zum ersten Mal dabei. In einer Saison werden zwischen 450 bis 500 Tonnen geerntet. Für diese Mengen werden viele helfende Hände gebraucht. „Er und die anderen Erntehelfer aus Rumänien sind sich für nichts zu schade“, lobt Keßler.

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Keßler habe auch schon deutsche Saisonkräfte angestellt, aber die Zusammenarbeit habe nicht funktioniert. Als Gründe nennt er fehlende Motivation, Durchhaltevermögen und Arbeiten bei Regenwetter, was nicht jeder möge. Noch bis zum 10. November ernten Csomós und seine fünf Kollegen fleißig weiter. Keßler hofft, dass sie auch nächstes Jahr wieder zu den rund 8000 Erntehelfer gehören, die im Herbst an den Bodensee kommen.

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