Herr Dr. Rogoll, vor einiger Zeit war vielen Markdorfern klar, was Sie machen. Recht regelmäßig haben sie gut besuchte Vorträge gehalten zu ihrem Arbeitsfeld der Transaktionsanalyse. Unterdessen ist es ziemlich still geworden.

Ja, das stimmt. Seinerzeit waren die Vorträge fürs Christliche Bildungswerk Markdorf und die Buchhandlung Wälischmiller ja sehr erfolgreich, sie füllten ganze Säle. Da hat es zwei Erfolgsgaranten fürs Bildungswerk gegeben. Meine Vorträge mit ihren Einblicken in psychische Abläufe haben mir viel Freude bereitet. Das gilt aber vor allem für meine Arbeit mit Hilfesuchenden. Deswegen mag ich es, meinen Beruf als Seelenarzt zu bezeichnen.

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Haben Sie sich einem anderen Thema zugewandt?

Nein, ich befasse mich immer noch mit meinen alten Themen. Und das auch ziemlich intensiv. Wobei „intensiv“ relativ ist. Das Alter bringt schließlich mit sich, das vieles langsamer abläuft als früher. Mein Tag beginnt inzwischen etwas später. Und alles braucht etwas mehr Zeit – zum Beispiel das Frühstück. Aber das ist überhaupt nicht schlimm. Im Gegenteil: Es ist viel gesünder.

Gesünder?

Ja, weil ich länger kaue beim Essen, egal ob beim Frühstück, beim Mittag- oder beim Abendessen. Nicht alles immer schnell herunterzuschlingen ist wesentlich bekömmlicher. Das sagt auch meine Frau, die unter anderem als Ernährungsberaterin arbeitet.

Jetzt sind wir ganz abgekommen von Ihren Themen. Ist es noch das gleiche Feld wie vor einigen Jahren?

Es geht nach wie vor ums „Familienstellen“ nach Bert Hellinger, eine systemische Sichtweise auf Partnerschaft, Familien, aber auch auf Unternehmen oder auf Institutionen. Ich bringe mich als Supervisor ein. Auch arbeite ich als Coach. Vor allem aber gebe ich mehrtägige Intensivseminare. Und ich halte Vorträge, die ich offengestanden noch immer liebe. Heute vielleicht mehr denn je. Sie sind nämlich eine gute Methode, meiner Begeisterung über innerseelische Vorgänge Ausdruck zu verschaffen. Für mich sind diese psychischen Abläufe spannender als jeder Kriminalroman.

Sie kommen aus dem Rheinland. Warum kamen Sie nach Markdorf?

Grund waren leere Praxisräume im Ärztehaus. Als das 1975 in der Bahnhofstraße eröffnet werden sollte, war man auf der Suche nach einem Nervenarzt. Was sich insofern gut traf, als ich damals auf der Suche war nach einem netten kleinen Städtchen. Nach Stationen in Lübeck, in Bonn, davor in den USA, wollte ich es gerne beschaulicher. Da kam das Angebot aus Markdorf gerade recht. Und es gibt rings herum Berge. Die reizen Bergwanderer wie mich natürlich sehr. Das tun sie übrigens bis heute. Was ich allerdings sehr bedauerlich finde, ist, dass in Markdorf inzwischen wichtige Institutionen geschlossen haben. Auf Anhieb fallen mir natürlich das Krankenhaus ein, aber auch Post und Bahnhof. Überhaupt habe ich den Eindruck, das gute Bausubstanz abgerissen wird – zugunsten steriler Betonbauten. Für mich als ein Trümmer gewohntes Kriegskind ist das schlimm.

Wie war das in den Mitsiebzigern mit der Psychiatrie in Markdorf? Aus dem Neurologen ist ja irgendwann der Psychiater Rüdiger Rogoll geworden.

Na ja, eine gewisse Skepsis gab es schon. Jemand mit seelischen Beschwerden wurde von manchen als verrückt angesehen. Heute ist man da zum Glück schon etwas weiter. Seitdem sich die psychiatrischen Kliniken geöffnet haben, seitdem es die gemeindenahe Psychiatrie gibt, seitdem sich dieser Bereich stark geöffnet hat und die Öffentlichkeit einen besseren Einblick gefunden hat, ist auch die Akzeptanz wesentlich gewachsen. Und inzwischen dürfen sogar Männer psychische Probleme haben. Früher völlig undenkbar. Männer hatten zu funktionieren, mussten die Heldenrolle spielen. Für Gefühle gab es da keinen Platz. Emotionen waren allenfalls etwas für Frauen.

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Was ist die Seele?

O je! Das ist ein weites Feld. Was die Philosophie dazu sagt, lassen wir lieber außen vor. Ebenso, was die Religionen sagen. Ganz allgemein und alltagstauglich ist die Seele die Gesamtheit aller Gefühlsregungen und geistiger Vorgänge. Dass man die Seele nicht wiegen, nicht wägen kann, macht allen strengen Naturwissenschaftlern das Umgehen mit der Seele recht schwer. Doch wissen wir spätestens nach Freud und Jung, dass es seelische Phänomene gibt. So bestehen wir zum Beispiel alle aus mehreren Persönlichkeitsanteilen.

Jeder?

Jeder von uns. Wir erleben manchmal einen inneren Zwiespalt. So in der Art: Soll ich? Soll ich nicht? Differenzen stellen sich auch gerne zwischen Kopf und Gefühlen ein.

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Und in diese Gemengelage spielen dann auch noch die Einflüsse von Menschen hinein, die uns nahe stehen?

Genau. Genetik, Umwelt, Familie, Epigenetik, Resilienz – all das spielt eine Rolle. Selbst die Vorfahren spielen noch eine Rolle.

Inwiefern das?

Zum Beispiel indem schlimme Erfahrungen, die etwa im Zusammenhang mit dem Krieg gemacht wurden, weitergetragen werden – über die Generationen hinweg.

Und ihre Rolle als Arzt, als Helfender bei all dem?

Ich unterstütze, dass jemand sich seiner eigenen Biografie stellt, sich ihrer annimmt. Ich helfe bei der Mustererkennung. Wenn sich jemand die Frage stellt: Warum klappt etwas an dieser Stelle, dort aber nicht? Eine Spezialisierung solcher Fragen ergibt sich beim Sterben. Dort Beistand zu leisten, ist mir in den letzten Jahren immer mehr zur Herzensangelegenheit geworden. In der Dankbarkeit wird die Vergangenheit zur Weisheit.

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