Eigentlich sollte mit der Einführung von Tempo 30 auf der Ortsdurchfahrt Ittendorf vor eingen Jahren die Lärmbelästigung der Anwohner reduziert werden. Doch genau das Gegenteil ist der Fall – zumindest bei den Bewohnern der Häuser Meersburger Straße 1 und 3. Direkt vor ihrem Haus steht von Richtung Meerburg kommend das Tempo 30-Schild und auf der gegenüberliegenden Straßenseite in Richtung Meersburg fahrend das Tempo 50-Schild.

Vor der Haustür: Abbremsen, Schalten und Gas geben

„Das bedeutet, dass bei uns zum einen abgebremst und gleichzeitig Gas gegeben wird“, sagt Simone Hecht, die mit ihrem Mann Helmut Haller seit 25 Jahren an der Bundesstraße wohnt. Damals sei der Verkehr überhaupt kein Thema gewesen. Vor fünf Jahren zog das Ehepaar im gleichen Haus von der Dachgeschosswohnung ins Erdgeschoss.

Blick aus dem Schlafzimmerfenster der Familie Haller/Hecht in Ittendorf: Ab dem Tempo 50-Schild am Ortsausgang Richtung Meersburg wird wieder Gas gegeben.
Blick aus dem Schlafzimmerfenster der Familie Haller/Hecht in Ittendorf: Ab dem Tempo 50-Schild am Ortsausgang Richtung Meersburg wird wieder Gas gegeben. | Bild: Nosswitz, Stefanie

Von ihrer Terrasse genießen sie einen traumhaften Blick ins Hinterland, der Verkehr ist hier nur leicht zu hören. Martin Weishaupt hat die Dachgeschosswohnung gekauft, er wollte näher an seiner Arbeitsstelle in Ahausen wohnen. „Mein Wohnzimmer geht zur Straße“, sagt Weishaupt. Eigentlich sei er wenig lärmempfindlich, er habe einen guten Schlaf, aber auch er kann bestätigen, dass nicht nur der Lärm, sondern auch der Verkehr stark zugenommen habe.

Elisabeth Schietzold lebt seit zehn Jahren im Nachbarhaus. Sie ist von Ravensburg nach Ittendorf gezogen, da sie auf dem Land leben wollte. „Aber dass ich manchmal nachts senkrecht im Bett sitze, damit habe ich nicht gerechnet.“ Vor allem Lastwagenfahrer, die nachts mit Karacho durch den Ort brettern, sind ihr ein Dorn im Auge. Am schlimmsten sei es sonntags ab 22 Uhr, wenn für die Lastwagen das Wochenend-Fahrverbot aufgehoben sei.

Mehr Touristen und mehr Schweizer

Doch auch der Verkehr durch Touristen und Schweizer habe laut Simone Hecht zugenommen. Besonders in den Sommermonaten rolle die Blechlawine durch den Ort. Auf der anderen Seite sei das aber auch verständlich. Auf den öffentlichen Nahverkehr könne man kaum ausweichen, die Bus- und Bahnverbindungen in der Region eine „Katastrophe“. Da sind sich alle einig.

„Und wenn auf der B 31 ein Unfall passiert, Messe ist oder Bauarbeiten sind, dann wird der Verkehr schön über das Hinterland umgeleitet“, sagt Elisabeth Schietzold. Schon jetzt können sie sich auf die nächste Umleitung vorbereiten: Ab 10. September wird die B 31 zwischen Fischbach und Immenstaad für voraussichtlich zehn Tage gesperrt, dann brauchen die Ittendorfer wieder gute Nerven. Und auch die aktuell in Friedrichshafen stattfindende „Eurobike„ dürfte das Verkehrsaufkommen wieder erhöhen.

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„Wenn man mit Anwohnern spricht, die in der Ortsmitte leben, dann hat sich die Situation verbessert“, sagt Simone Hecht. Dort stehe schließlich der stationäre Blitzer. „Da fahren alle anständig“, so Helmut Haller.

Der Ärger der Fahrer entlade sich dann bei ihnen vor dem Haus. „Dass man durch viele Orte nur noch mit Tempo 30 fahren darf, macht viele aggressiv“, vermutet Haller. So wurde laut den Anwohnern zu Beginn des Tempolimits beispielsweise kräftig gehupt.

In der Ortsmitte steht der stationäre Blitzer. Den wünschen sich die Anwohner auch am Ortsende Richtung Meersburg.
In der Ortsmitte steht der stationäre Blitzer. Den wünschen die die Anwohner auch am Ortsende Richtung Meersburg. | Bild: Nosswitz, Stefanie

Besonders gereizt reagieren alle auf die Frage, warum sie nicht wegziehen, wenn der Verkehr doch so störe. „Warum sollen wir wegziehen?“, entgegnet Simone Hecht. „Wir fühlen uns in Ittendorf wohl. Da ist unsere Heimat“, so Helmut Haller, der sein ganzen Leben lang in Ittendorf lebt.

Auch Elisabeth Schietzold und Martin Weishaupt möchten nicht umziehen. Weishaupt hat seit einigen Monaten einen Hund. Akio frei laufen zu lassen, sei aber definitiv nicht möglich. Dazu ist der Welpe noch zu temperamentvoll und unerfahren.

Möglicher Trassenverlauf in der Nähe

„Manchmal könnte man mit ganz wenig, viel erreichen“, meint Simone Hecht. Der Illusion, dass der Verkehr eines Tages wieder abnehmen wird, geben sie sich nicht hin. Ganz im Gegenteil. Sollte der Trassenverlauf der B 31-neu durchs Hinterland gehen, hätten sie von ihrer Terrasse einen Blick auf die neue Straße und würden wahrscheinlich den Schall abbekommen.

An dieses Szenario möchte noch keiner denken, dennoch: „Irgendeine Entscheidung wird in dieser Hinsicht getroffen werden müssen“, sagt Hecht. Und zwar bald. Denn die Stimmung zwischen Seegemeinden und Hinterland sei mittlerweile sehr aufgeheizt, wie alle bestätigen können.

Die Diskussionen um den Trassenverlauf der B 31-neu zwischen Meersburg und Immenstaad sorgt für aufgehitzte Stimmung zwischen den betroffenen Gemeinden.
Bild: Helga Stützenberger

Für die Problematik direkt vor ihrer Haustür würden sich die Anwohner wünschen, dass die Tempo 30-Zone bereits auf Höhe des Sportplatzes von Meersburg kommend beginnt. Dann würde nicht an der Hausnummer 1 das große Gebremse, Gehupe und Gasgeben losgehen.

Große Hoffnungen machen sie sich allerdings nicht. „Dafür sind wir zuwenig“, sagt Elisabeth Schietzold. Und so müssen sie weiterhin mit dieser unbefriedigenden Situation leben.

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