Auch am Klinikum Friedrichshafen wird die Lage immer dramatischer. Mittlerweile liegen so viele Menschen mit einer Covid-19-Infektion im Krankenhaus, dass eine zweite Station eröffnet werden musste, um all diese Patienten auch gut versorgen zu können. Das bestätigte Susann Ganzert, Pressesprecherin des Medizin-Campus Bodensee (MCB) dieser Zeitung. Erst in der vergangenen Woche starben zwei Menschen an den Folgen des Virus, die Fallzahlen im Bodenseekreis steigen weiter, statt zu fallen.

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Und damit steigen die Probleme für Pflegedirektor Andreas Stübner, denn eigentlich benötigt man drei Pflegekräfte pro beatmetem Intensivpatient, um die Versorgung über 24 Stunden sicherzustellen. Das heißt, steigt die Anzahl der beatmungspflichtigen Patienten weiter an, fehlt es an Fachkräften, die für die Arbeit mit Intensivpatienten ausgebildet sind.

Andreas Stübner ist Pflegedirektor des „Medizin Campus Bodensee.
Andreas Stübner ist Pflegedirektor des „Medizin Campus Bodensee. | Bild: Mommsen, Kerstin

Zweite Corona-Station musste schon eröffnet werden

Bis Ende vergangener Woche reichte noch die eigens eingerichtete Corona-Station, in der bis zu 18 Covid-19-Patienten untergebracht werden können. Darunter sind schwere Fälle von Menschen, die beatmet werden müssen, aber auch Patienten, die nur leichtere Verläufe haben. Doch nun steigen täglich auch die Zahlen derer an, die stationär behandelt werden müssen.

Nach Angaben des Landratsamtes waren es Stand Donnerstag 24 Patienten im gesamten Kreis. Sechs davon werden nach Angaben des Helios-Spitals in Überlingen behandelt, alle anderen 18 damit offenbar in Friedrichshafen, auch wenn diese Zahl von offizieller Seite aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht bestätigt wird.

Eingang zur Corona-Station am Klinikum Friedrichshafen.
Eingang zur Corona-Station am Klinikum Friedrichshafen. | Bild: Mommsen, Kerstin

Mehr Personal für Corona-Tests nötig

„Die Situation ist angespannt, aber nicht hoffnungslos“, sagt Pflegedirektor Andreas Stübner. Doch die Corona-Pandemie bringt auch das Klinikum an seine Grenzen. Denn jeder Patient, der ins Krankenhaus will – ob für eine Untersuchung oder eine geplante Operation, muss auf Corona getestet werden. „Dafür brauchen wir natürlich auch Personal, das dann wieder woanders fehlt“, so Stübner.

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Intensivfachkräfte haben eine zweijährige Zusatzausbildung

Schwieriger aber ist die Lage auf der normalen Intensivstation sowie auf den beiden Corona-Stationen. „Patienten, die an Covid-19 erkrankt sind, brauchen mehr Betreuung. Es ist schon jetzt abzusehen, dass wir zusätzliche Kapazitäten brauchen werden“, so Stübner.

Eigentlich sind wegen dreier Schichten 30 Pflegekräfte für zehn Covid-Patienten nötig. Doch Intensiv-Pflegekräfte, die eine zweijährige Zusatz-Ausbildung absolviert haben, sind schwer zu bekommen. „Deswegen haben wir nun auch damit begonnen, Anästhesie-Pflegefachkräfte einzusetzen, weil die eine ähnliche Ausbildung haben“, erklärt Stübner.

Mittlerweile werden auch nicht dringende Operationen verschoben, um das vorhandene Personal dort einsetzen zu können, wo es am dringendsten gebraucht wird, wie Klinikumssprecherin Susann Ganzert erläutert.

Aufnahmen aus der Intensivstation des Medizin-Campus Bodensee.
Aufnahmen aus der Intensivstation des Medizin-Campus Bodensee. | Bild: CHRIS WERNER

Pflegekräfte sollen auf der Intensivstation aushelfen

Und trotz all dieser Maßnahmen reicht es nicht. „Daher haben wir uns dazu entschlossen, auch normale Pflegekräfte zu schulen, damit wir sie ebenfalls auf der Corona-Station einsetzen können“, sagt der Pflegedirektor. Denn nicht alle Corona-Kranken müssten beatmet werden und könnten daher auch von weniger intensiv ausgebildetem Personal betreut werden. Außerdem sucht der MCB derzeit pensionierte Ärzte, ehemalige Intensiv- und Anästhesiefachkräfte, Pflegekräfte und Medizinstudenten, die bereit wären, auf den normalen Stationen zu helfen, auf denen dann wiederum Pflegekräfte fehlen.

Arbeiten in Schutzkleidung ist eine Zusatzbelastung

Diejenigen Pflegekräfte, die auf der Covid-Station eingesetzt werden, haben dazu mit vielen zusätzlichen Faktoren zu kämpfen. „Die Schutzausrüstung allein ist anstrengend und erschwert die Arbeit. Die Mitarbeiter müssen Haube, Schutzbrille, Mundschutz, Kittel und Handschuhe tragen und diese dann auch ständig wechseln“, erklärt Stübner. Dazu kommt die psychologische Belastung. Denn einerseits haben die Pflegekräfte auch Angst davor, sich selbst anzustecken und die todbringende Infektion in ihre eigene Familie zu tragen. Andererseits erleben sie Patienten, die keinen Besuch empfangen dürfen und ohne Angehörige im Krankenhaus sterben.

Intensiv-Pflegefachkraft Sonja Cubek in voller Montur: Neben Kittel, Stiefeln und Mundschutz muss sie Handschuhe, Haube und Visier tragen, wenn sie auf der Corona-Station arbeitet. Und nach jedem Patienten die gesamte Ausrüstung wechseln. Das ist eines der Dinge, die für die Pflegekräfte besonders anstrengend sind.
Intensiv-Pflegefachkraft Sonja Cubek in voller Montur: Neben Kittel, Stiefeln und Mundschutz muss sie Handschuhe, Haube und Visier tragen, wenn sie auf der Corona-Station arbeitet. Und nach jedem Patienten die gesamte Ausrüstung wechseln. Das ist eines der Dinge, die für die Pflegekräfte besonders anstrengend sind. | Bild: Mommsen, Kerstin

Pflegedirektor fordert höhere Zulagen statt Einmalzahlungen

Im Gespräch mit dem Pflegedirektor, der dieser Tage selbst an der Belastungsgrenze ist, wird klar, dass Einmal-Prämienzahlungen, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn versprochen hat, kein geeignetes Mittel sind, um den Pflegekräften der Republik Wertschätzung entgegen zu bringen.

„Es muss doch das Ziel der Politik sein, dass Pflegekräfte so gut bezahlt werden, dass es sich auch für sie lohnt, diesen Beruf zu ergreifen“, sagt Stübner etwas erregt. „Eine Einmalzahlung von rund 600 Euro und ein bisschen Applaus – was ist das für ein Ansehen in der Gesellschaft?“, fragt er. Die Zulage für Mitarbeiter, die auf einer Infektionsstation arbeiten, betrage gerade einmal 47 Euro. „Wenn die Politik wirklich etwas tun wollte, dann müsste sie diese Zulagen erhöhen“, erklärt der Pflegedirektor.

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Zusammenarbeit mit Kliniken in Ravensburg, Überlingen und Sigmaringen

Er hofft sehr, dass sich die Zahlen der Covid-19-Patienten nicht weiter erhöhen, auch wenn klar sei, dass der MCB „noch den ganzen Winter mit Corona zu tun haben wird“. Aber eines sei sicher. In Friedrichshafen werde man vorausschauend alles für eine sichere und gute Versorgung der Patienten tun. „Wir kooperieren mit den Krankenhäusern in Ravensburg, Überlingen und im Kreis Sigmaringen„, so Stübner. Die Hoffnung, dass die Kapazitäten all dieser Krankenhäuser auch in der zweiten Corona-Welle reichen werden, will der Pflegedirektor nicht aufgeben.

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