Nur am Tag des Amokalarms am Berufsschulzentrum hat Ema Solari ihr Handy vermisst. „Ich hatte eine Freistunde und war allein in der Mensa. Da hätte ich gern mit jemandem Kontakt aufgenommen“, sagt sie. Chiara Bauer hat sich zweimal das Handy ihrer Mutter ausgeliehen: „Ich habe mich selbst ermahnt, es bald wieder zurückzugeben.“ Lehrer Sebastian Winkler gibt zu: „An dem Tag, an dem wir angefangen haben, bin ich auf dem Heimweg einkaufen gegangen und hatte kein Geld dabei. Da habe ich noch einmal kurz das Handy ausgepackt und die Bezahlfunktion genutzt.“

Eine Woche lang haben neun Schüler und zwei Lehrkräfte der Droste-Hülshoff-Schule freiwillig auf ihre Smartphones verzichtet. Winkler hatte die Geräte mit nach Hause genommen, sodass schummeln unmöglich war. „Die Idee entstand letztes Jahr in meiner elften Klasse, als wir über Medien gesprochen haben“, sagt Winkler. Über Mund-zu-Mund-Propaganda erreichte die Aktion weitere Klassen.

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Einige beteiligte Schüler haben sich schon vorher Gedanken über ihr Verhältnis zum Smartphone gemacht. „Ich bin oft nach der Schule direkt ans Handy gegangen, statt Hausaufgaben zu machen oder zu lernen. Da hab‘ ich mich über mich selbst geärgert“, sagt Ema Solari. Annabelle Gericke hat ein Handy, seit sie neun Jahre alt war. „Ich wolle mal ausprobieren, wie es ohne geht“, sagt sie. Chiara Bauer hat das Unproduktive gestört: „Die Algorithmen bieten immer Neues an, sodass man weitermacht.“

Zeit für Spaziergänge und ganze Alben statt einzelner Songs

Alle berichten, dass sie ohne Handy auf einmal mehr freie Zeit hatten. „Es war ein sehr entspanntes Gefühl, nicht ständig irgendjemandem antworten zu müssen. Sonst ist da dieser Druck, immer erreichbar zu sein“, beschreibt Patrick Holzfurther. Er habe meditiert und CDs oder Schallplatten genutzt: „Ich habe mal wieder ein ganzes Album gehört statt immer einzelne Songs über Spotify.“ Coralie Bentele hat sich öfter mit einer Freundin zum Spazierengehen getroffen: „Ich habe mit anderen Menschen Zeit verbracht, in reallife.“ Paula Oeckl hat ihren Kleiderschrank ausgemistet.

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Sie haben das Festnetz genutzt, E-Mails geschrieben, sich in der Schule verabredet – und festgestellt, dass Kommunikation ohne Smartphone funktioniert. „Bei Verabredungen haben wir gesagt ‚wir machen das‘ und nicht ‚wir telefonieren noch mal‘. Das hat mir gut gefallen“, sagt Coralie Bentele. Patrick Holzfurther hat ganz auf digitale und fernmündliche Kommunikation verzichtet: „Ich habe mich nur persönlich unterhalten.“ Jule Nold ist aufgefallen, dass es mehr zu erzählen gibt, wenn nicht alle Ereignisse per Kurznachricht verschickt werden: „Wenn man sich trifft, tauscht man sich mehr aus.“

JIM-Studie zur Mediennutzung

Manches ging ohne Smartphone nicht: Eltern informieren, dass die Schule früher endet oder der Zug später kommt, online Busverbindungen suchen oder Schulmitteilungen lesen. Trotzdem ist das Fazit positiv: „Mir war nie langweilig“, sagt Patrick Holzfurther. „Es gab keinen Moment, in dem es mich wirklich gestört hat“, sagt Coralie Bentele. Ema Solari sieht selbst zunächst ärgerliche Situationen im Nachhinein anders. „Mein Cousin hat ein Baby bekommen. Das habe ich erst einen Tag später erfahren, weil niemand daran gedacht hat, dass ich keine Nachrichten bekomme. Ich habe ihn angerufen und eigentlich war das viel schöner, viel persönlicher als eine Handynachricht.“

Anschließend werden Apps gelöscht und handyfreie Zeiten geplant

Die Jugendlichen haben sich vorgenommen, einiges in ihr Leben nach dem Handyfasten mitzunehmen. Neues in der analogen Welt auszuprobieren, gehört dazu. Nach ihrer Abschlussrunde sind sie eingeladen, den Nachmittag in der Boulderhalle „Greifbar“ zu verbringen, probieren enge Kletterschuhe an und hangeln sich bunt markierte Routen hoch.

Zur Belohnung gibt es für die Jugendlichen einen Nachmittag in der Boulderhalle.
Zur Belohnung gibt es für die Jugendlichen einen Nachmittag in der Boulderhalle. | Bild: Corinna Raupach

Auch ihren Handyumgang wollen sie ändern. Coralie Bentele hat Apps gelöscht, die ihr zu viel Zeit raubten. Patrick Holzfurther hat handyfreie Zeiten eingerichtet: „Nachmittags packe ich mein Handy für zwei Stunden nicht an und abends lege ich es irgendwann weg.“ Annabelle Gericke plant, auch ihren Fernsehkonsum reduzieren.