Welche Rolle spielt die Gründerszene für die künftige Häfler Wirtschaft?

Ich denke, die spielt eine immer größere Rolle. Wir haben bei unserer Arbeit im Pioneer Port der Zeppelin-Universität und in den Gesprächen mit Unternehmen bemerkt, dass das Thema Innovationen und Gründertum immer wichtiger wird und dementsprechend auch das Suchfeld von Unternehmen nach Start-ups signifikanter wird. Das ist auch daran erkennbar, dass an den großen Friedrichshafener Firmen Innovationszentren, wie beispielsweise Rolls-Royce-Digital-Solutions oder Zukunft-Ventures von ZF, entstanden sind. Auch bei uns im Gründerzentrum hat sich die Wagner Group aus Markdorf mit ihrer Abteilung 'Freiraum' dem Thema Innovation in einem ganz neuen Feld geöffnet, weil die Prozesse und Strukturen im Pioneer Port nochmal einen ganz anderen Blick auf bestehende Geschäftsmodelle zulassen.

Profitiert die Industrie überhaupt?

Ja, das ist eindeutig das Ziel. Zum einen wollen wir als Universität die studentische Gründerszene fördern und alternative Karrierewege aufzeigen, zum anderen wollen wir einen Austausch zwischen der Gründerszene und etablierten Unternehmen im Bereich Intrapreneurship, also Ausgründungen aus dem Unternehmen, schaffen. So entsteht eine Synergie, weil beide Seiten voneinander lernen.

Was passiert im Gründerzentrum?

Wir fördern aktuell zwölf studentische Gründerteams, die sich in einem zweistufigen Auswahlverfahren für eine Förderung beworben haben. Wer sich behauptet, bekommt zunächst sechs Monate lang im Gründerzentrum einen Arbeitsplatz, erhält Workshops und profitiert vom Netzwerk der ZU. Bei der Auswahl setzen wir vor allem auf mehrwertiges Unternehmertum. Wir haben nicht den Fokus auf Start-ups, die nach der Gründungsphase möglichst schnell hochskalieren und an den Höchstbietenden verkaufen, sondern vor allem auch ihre eigene Idee verfolgen und der Gesellschaft so einen Mehrwert bieten.

Verraten Sie ein paar Beispiele...

Da wäre beispielsweise eine Vermittlungsplattform zu nennen, die versucht über das Thema Essen soziale Kontakte herzustellen. Quasi eine Art Airbnb für Essen. Oder 'Raisinpick', die sich im 3D-Druck engagieren, dort das Wegwerfprozedere stoppen wollen, weil man nach Nachfrage produzieren kann. Wir haben aber auch ein Start-up im Bereich Smart Home, das sich mit Themen wie Heizungssteuerung beschäftigt. Andere Teams arbeiten an Vermittlungen für WG-Plätze, Praktikas und Auslandseinsätze oder an einer Business-to-Business-Plattform im Automobilbereich.

Das klingt kreativ. Doch was bringen solche Ideen den Unternehmen vor Ort?

Nehmen wir das Beispiel Wagner, Marktführer im Bereich Oberflächenbeschichtung. Die Firma sucht bei uns neue Geschäftsfelder und Modelle, wie sie ihre Kompetenzen erweitern und Technologien auf neue Bereiche transferieren kann. Und das entspricht dem Prinzip unseres Pioneer Port. Wir orientieren uns nicht zwingend am Angebot der hiesigen Wirtschaft, sondern an den Arbeitsstrukturen. Bestehende Geschäftsmodelle werden hinterfragt oder weitergedacht, und bestimmte Plattformen, die hier entwickelt werden, können durchaus beispielsweise auch mal für einen Automobilzulieferer interessant sein. Wir sind als geisteswissenschaftliche Universität allerdings weniger im Bereich Technik unterwegs, sondern stärker in den Bereichen Geschäftsmodell-Entwicklung, digitale Lösungen und Plattformen.

Was passiert mit den Start-ups?

Wir wollen einen Anschub geben, deshalb läuft nach maximal zwölf Monaten die Förderung im Gründerzentrum aus. Ziel ist aber nicht, dass die Start-ups nach diesem Jahr auf einer Industriebrache Fuß fassen müssen und den Mut verlieren könnten. Es ist uns ein Anliegen, dass diese Gründerteams, die ihre Wurzeln hier haben, auch hier in der Region wachsen können, um so eben auch das Ökosystem Start-up-Bodensee weiter zu füttern und weiter zu stützen.

Wie bewerten Sie das Klima für junge Gründer in Friedrichshafen?

In Friedrichshafen ist sehr viel in Bewegung und in der Planung. Es ist viel Engagement seitens der Stadt und der Wirtschaftsverbände erkennbar. Mit ihnen arbeiten wir auch zusammen und suchen den Schulterschluss, weil wir der Meinung sind, dass es hier unglaublich viel Potenzial gibt. Einerseits haben wir eine starke Wirtschaft, andererseits haben wir als Universität die Möglichkeit, junge Leute an den Bodensee zu holen und auch hier zu halten, wenn sie hier gründen.

Mangelnde Gewerbeflächen sind oft Thema. Wo finden Gründer einen Platz?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Die Stadt hat zusammen mit ihren Partnern den Bau eines regionalen Innovations- und Technologietransfer-Zentrums (RITZ) im Fallenbrunnen beschlossen. Dort sollen Labore für das IWT und eine Gründerfläche Platz finden. Außerdem in Planung ist ein weiterer Coworking- und Wohnspace im Fallenbrunnen. Ziel ist es, die Gründerszene hier zu etablieren. Wir als Zeppelin-Universität stehen bereit, als Partner, als Moderator, als Universität in der Region zu unterstützen.

Wie sieht Ihre Vision aus?

Paradebeispiel für mich ist das Silicon Valley (USA). Friedrichshafen und die Bodenseeregion hat das Potential, auch jenseits der etablierten Pfade eine innovationsgetriebene Region zu werden. Parallelen sind erkennbar. Dort sind auch innovative Unternehmen und mit Standford auch eine Universität in deren Mitte. Man braucht schließlich Ziele, um sich entwickeln zu können.

 

 

 

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