Als Kapitalverbrechen werden besonders schwere Straftaten bezeichnet, die früher mit der Todesstrafe bedroht waren, beispielsweise Hochverrat, Mord oder Totschlag. 29 solcher schwersten Straftaten brachte die Staatsanwaltschaft Ravensburg im vergangenen Jahr vor Gericht (2017: 27). Darunter waren einige Messerstechereien beziehungsweise Delikte mit Stichverletzungen.

Drei spektakuläre Fälle in Friedrichshafen

Dazu zählen aber auch drei spektakulären Fälle, die in Friedrichshafen passierten. Der Babybrei-Erpresser wurde nach sechs Verhandlungstagen unter anderem wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht Ravensburg zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Jahren und sechs Monaten verurteilt. Mit neun Jahren und sechs Monaten Gefängnis mit anschließender Sicherungsverwahrung wurde der entflohene Strafgefangene bestraft, der auf seiner Flucht zwei Menschen – darunter am Klinikum – beraubt, erpresst und verletzt hat. Beide Urteile sind noch nicht rechtskräftig. Verurteilt wurde aber auch der damals erst 14-jährige Bombendroher, der im Medienhaus K42 einen entsprechenden Brief hinterlegt hatte.

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Jeder dieser „herausfordernden Fälle“ verlangt nach der Ermittlungsarbeit der Polizei auch den Staatsanwälten alles ab. Daneben sei aber auch ein großes „Massengeschäft“ zu erledigen, berichtete der Leitende Staatsanwalt Alexander Boger am Dienstag beim Jahrespressegespräch der Staatsanwaltschaft Ravensburg. Aktuell sind 32 Staatsanwälte – immerhin drei Stellen mehr – mit durchschnittlich 71 Verfahren pro Monat befasst, also drei bis vier Fällen pro Tag.

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Die enorme Arbeitsbelastung resultiert aus einer Fallzahl, die sich „auf hohem Niveau stabilisiert hat“, erklärte Alexander Boger. Als er 2015 die Behördenleitung übernahm, gab es weniger als 22 000 Fälle zu bearbeiten. Im vergangenen Jahr gingen 26 118 Verfahren bei der Staatsanwaltschaft ein, bei denen die Delinquenten mit Namen und Adresse bekannt waren (2017: 25 632). Dazu kamen laut Boger 17 000 Fälle mit unbekannten Beschuldigten. Erledigt wurden mit 25 892 Fällen annähernd so viele, wie 2018 hereinkamen.

Erstaunlich ist allerdings, dass von allen Verfahren, die die Staatsanwaltschaft bearbeitet hat, nur 2455 zur Anklage kamen. Rund 4300 weitere Straftaten wurden mit einem Strafbefehl – also ohne Hauptverhandlung – geahndet. Damit kamen etwas weniger als drei Viertel aller Verfahren nicht vor Gericht. Aber auch Ermittlungsverfahren, die eingestellt werden, seien oft „nicht weniger arbeitsintensiv“, erklärte Staatsanwalt Wolfgang Angster, der für die Jugendstrafsachen und Sexualdelikte zuständig ist.

Die meisten Fälle: Betrug und Untreue, Diebstahl und Unterschlagung

Die meisten zur Anzeige gebrachten Straftaten waren auch 2018 Betrug und Untreue (4044 Fälle) sowie Diebstahl und Unterschlagung (2701 Fälle), übrigens jeweils knapp 300 Fälle weniger als 2017. Erneut rückläufig war auch die Zahl der Straftaten nach dem Aufenthalts- oder Asylgesetz, hier wurden 833 Verfahren bearbeitet (Vorjahr: 1042). Zugenommen hat nach den Zahlen der Ravensburger Staatsanwaltschaft die Zahl der Sexualstraftaten, hier wurden 250 Verfahren bearbeitet. 2017 waren es 213 Delikte dieser Art. Alexander Boger begründete diesen Anstieg zum einen mit einer Ausweitung des Strafrechts und einem sensibleren Anzeigeverhalten Betroffener.

Die spektakulärsten Fälle, die die Staatsanwaltschaft Ravensburg 2018 bearbeitet hat

  • Jugendlicher Bombendroher verurteilt: Am 26. April wird das Medienhaus K42 evakuiert und abgeriegelt, nachdem ein Erpresserbrief mit Bombendrohung bei der Polizei gemeldet wird. Die großräumige Absperrung richtet wegen der Einstellung des Schiffsverkehrs im Hafen und der Schließung von Geschäften auch einen beträchtlichen finanziellen Schaden an. Der zur Tatzeit 14-Jährige ist bei der Polizei wegen einer Vielzahl von Straftaten kein Unbekannter, galt sogar als Intensivtäter, obwohl er altersbedingt strafunmündig war. Vom Jugendschöffengericht Tettnang wird der 14-Jährige zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren und einem „Warnschussarrest“ von drei Wochen verurteilt. Derzeit sei der Junge in einem geschlossenen Heim der Jugendhilfe untergebracht, so Staatsanwalt Wolfgang Angster.
  • Mutmaßliche Einbrecherbande geschnappt: Am 20. Dezember stellt die Polizei in Markdorf drei Männer bei einem Wohnungseinbruch auf frischer Tat nach umfangreicher Observation und Telefonüberwachung. Tags darauf erlässt der Richter Haftbefehl gegen die Täter im Alter von 27 bis 39 Jahren wegen schweren Bandendiebstahls in elf Fällen, die sie im Bodenseekreis und im Landkreis Biberach verübt haben sollen. „Nach weiteren Ermittlungen können wir dem Trio heute 47 Einbrüche zuordnen, die sie seit Oktober 2018 auch im Landkreis Sigmaringen, Ravensburg, oder Konstanz verübt haben sollen“, erläuterte Staatsanwältin Tanja Kraemer. Der Wert des Diebesgutes beläuft sich auf rund 150 000 Euro, der Sachschaden auf rund 45 000 Euro. Voraussichtlich noch in diesem Monat soll Anklage erhoben werden.
  • Zwei Kirchenbrände in Ravensburg an einem Tag: Am 10. März wurden Brände in den Kirchen St. Martin in Schlier und St. Jodok in Ravensburg gelegt, die einen Sachschaden von zirka zwei Millionen Euro verursachten. Personen kamen keine zu Schaden. Der Täter wurde am 25. September vom Landgericht Ravensburg zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren und zwei Monaten wegen schwerer Brandstiftung und Sachbeschädigung verurteilt, das noch nicht rechtskräftig ist.
  • Messerattacke auf dem Marienplatz in Ravensburg: Am 28. September sticht ein 21-jähriger Asylbewerber aus Afghanistan mit einem Kochmesser auf drei Personen ein. Er ist seither in der Psychiatrie untergebracht, da davon auszugehen sei, dass er zum Tatzeitpunkt akute Wahnvorstellungen hatte. Die Hauptverhandlung beginnt am 21. März, drei weitere Termine sind angesetzt. Der 21-Jährige wird nicht angeklagt. Die Staatsanwaltschaft hat Antrag auf Sicherungsverwahrung – also den Verbleib in der Psychiatrie – gestellt.
  • Mordversuch an ehemaligen Geschäftspartner in Wangen: Ein 54-Jähriger wird beschuldigt, am 5. Dezember seinen ehemaligen Arbeitgeber und Geschäftspartner in dessen Garage mit einem Elektroschocker und Messer attackiert zu haben. Das Opfer überlebte nach 21 Messerstichen in Hals und Oberkörper schwer verletzt. Hintergrund der Beziehungstat seien offenbar schwere Zerwürfnisse zwischen beiden, so Oberstaatsanwalt Karl-Josef Diehl. Ende Februar wurde beim Landgericht Ravensburg Klage erhoben.
  • Versuchter Mord nach Vergewaltigung: Nachdem eine 39-Jährige am 2. Juli in ihrer Wohnung in Bad Schussenried einvernehmlich Sex gegen Geld mit einem Bekannten hatte, vergewaltigt der 40-Jährige die Frau danach. Sie wehrt sich heftig, wird aber mit einer Schere von dem Mann attackiert. Er verletzt sie mit 40 Stichen oder Schnitten lebensgefährlich. Am 8. Januar erhält der vorbestrafte Täter wegen Vergewaltigung und versuchten Mordes eine Gesamtfreiheitsstrafe von zwölf Jahren und drei Monaten und muss anschließend in die Sicherungsverwahrung.
  • Größter Drogenfund: Knapp 35 Kilo Marihuana mit einem Verkaufswert von rund einer halben Million Euro schmuggelten Drogenkuriere in einem professionell ausgebauten Fahrzeug von Serbien nach Biberach. Den Auftrag gab ein 27-jähriger Kosovo-Albaner, der in Deutschland lebt. Am 7. Mai nahm die Polizei nach der Auslieferung der Drogen in Eberhardszell sechs Männer fest. Am 28. November wurde der Auftraggeber zu 7 Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt, die Drogenkuriere müssen zwischen vier Jahren und zehn Monaten und 6 Jahren und drei Monaten ins Gefängnis.