Nach dem Eklat in Sachsenhausen hatte der AfD-Kreisverband am Bodensee eine Überprüfung der Vorfälle angekündigt. Schließlich sei auch die Partei an der Aufklärung interessiert, hatten Mitglieder des AfD-Kreisvorstands am Freitag betont und um Geduld gebeten, schließlich müsse man sich nach Bekanntwerden erst selbst ein Bild von der Lage machen.

Einer, der in den Reihen der Partei Licht ins Dunkel bringen könnte, wäre Detlev Gallandt, Vorsitzender des AfD-Kreisverbands Bodenseekreis. Er war selbst unter den 17 Teilnehmern, die am 10. Juli von Alice Weidel nach Berlin eingeladen worden waren. Das bestätigt er gegenüber dem SÜDKURIER.

Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen aufgenommen

Doch zu den Vorgängen beim Besuch im Konzentrationslager Sachsenhausen lehnt Gallandt jegliche Stellungnahme ab. Gallandt, der in Lipbach lebt, spricht eigenen Angaben zufolge allein mit den Ermittlungsbehörden. Sein Stellvertreter, Christoph Högel, reagiert seit Freitag weder auf unsere E-Mails noch auf Nachrichten auf seinem Mobiltelefon.

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Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft in Neuruppin Ermittlungen in der Sache aufgenommen. "Die Polizei hat ein Verfahren wegen des Verdachts auf Volksverhetzung eingeleitet", erklärt der Leitende Oberstaatsanwalt Wilfried Lehmann. Erste Vernehmungen hätten bereits am Freitag stattgefunden. Lehmann geht davon aus, dass die Ermittlungen noch Wochen in Anspruch nehmen werden.

Dietmar Brosch aus Friedrichshafen hat mit seiner Tochter an der Reise nach Berlin teilgenommen. Er ist zu einem Gespräch mit dem SÜDKURIER bereit.

Was ist in der KZ-Gedenkstätte vorgefallen?

Seit etwa zwei Jahren ist er Mitglied der AfD. Aus der 17-köpfigen Reisegruppe habe er nur wenige Teilnehmer gekannt, sie seien auch nicht nur aus dem Bodenseekreis, sondern auch aus Isny und dem Landkreis Konstanz angereist. Bis auf die Begleitpersonen seien aber alle AfD-Mitglieder gewesen.

Was genau in der KZ-Gedenkstätte vorgefallen ist, könne er gar nicht sagen. Er habe sich von der Gruppe abgewandt, als eine Debatte um Detailfragen entbrannte. „Es gibt in jeder Gruppe Menschen, die unbedingt ihre Meinung loswerden wollen“, sagt Brosch über den Besuch der Gedenkstätte.

Und so habe sich eine Ich-weiß-es-besser-Diskussion zwischen dem jungen Mann, der die Gruppe in der KZ-Gedenkstätte betreute, und einigen Teilnehmern entwickelt. Er habe diese nicht zu Ende verfolgt, „das war mir zu blöd“, wie er selbst sagt. Stattdessen habe er sich alleine vor Ort umgesehen.

Dispute mit dem Guide 

„Meine Tochter, die noch etwas länger bei der Gruppe stand, hat mir dann erzählt, dass es um Details um einen Kommissarbefehl ging“, sagt Brosch und fügt hinzu: „Ich weiß nicht wirklich, worum es da ging.“ Die Diskussion vor Ort müsse dann „irgendwie eskaliert sein“.

Es seien vielleicht drei oder vier Teilnehmer in die Debatte eingestiegen, gibt Brosch die Erzählungen seiner Tochter wieder. Bis er die Gruppe verlassen habe, habe aber keiner der Teilnehmer die Existenz von Gaskammern geleugnet.

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Ähnlich schildert es Hans Hausberger, Beisitzer des AfD-Kreisverbands im Bodenseekreis, der eigenen Angaben zufolge mit allen Teilnehmern der Reisegruppe im Nachgang gesprochen hat. "Etwa die Hälfte der 17 Reisenden waren Parteimitglieder aus dem Bodenseekreis", berichtet er. Ob es acht oder zehn waren, bleibt allerdings unklar. "Ich habe die Liste irgendwo abgelegt", so der AfD-Beisitzer.

Es habe von Beginn der Führung in der Gedenkstätte an Dispute mit dem Guide gegeben. "Nach meinen Recherchen gab es zwei Diskussionen: Einmal um die Frage, ob auch Deutsche nach dem Krieg in Sachsenhausen eingesperrt worden seien, zum anderen um den Kommissarbefehl", so Hausberger.

Die Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen.
Die Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen. | Bild: Patrick Pleul/dpa

Zur Einordnung: Der Kommissarbefehl der Wehrmacht aus dem Jahr 1941 besagte, dass Politkommissare der Roten Armee nicht als Kriegsgefangene zu behandeln, sondern ohne Verhandlung zu erschießen seien. Zu diesem Zweck wurde von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager Sachsenhausen eine Genickschussanlage eingebaut, mit der in etwa 12.000 sowjetische Kriegsgefangene erschossen wurden.

Gedenkstätte bleibt bei Darstellung

"Offenbar haben Teilnehmer der Führung angemerkt, dass auch russische Soldaten in dieser Weise gegen die Deutschen vorgegangen seien", erläutert Hausberger. Dies habe der Guide zum Anlass genommen, die weitere Führung abzubrechen. "Es gab keine antisemitischen oder nazistischen Äußerungen und auch keine Relativierungen", so Hausberger. "Kein einziges unserer Mitgliedern hat sich ein Fehlverhalten zuschulden kommen lassen", fügt er hinzu.

Hans Hausberger ist ein enger Vertrauter der AfD-Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel. Gemeinsam mit Erika Steinbachs sitzt Hausberger im Vorstand der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung. Bereits bei den Republikanern war Hans Hausberger aktiv. Im Jahr 1998 war er einer der Gründungsmitglieder der Republikaner-nahen Johann-Gottlieb-Fichte-Stiftung.

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Horst Seferens, Pressesprecher der Gedenkstätte Sachsenhausen, will die Schilderungen nicht weiter kommentieren. "Wir bleiben bei unserer Aussage, dass Teilnehmer der Besuchergruppe den Holocaust mit angeblichen Verbrechen der Alliierten relativierten und dass die Existenz von Gaskammern geleugnet wurde", so Seferens.

Kein Statement von Alice Weidel 

AfD-Mitglied Dietmar Brosch berichtet, dass auch an den folgenden Tagen die Vorfälle in Sachsenhausen in seinem direkten Umfeld nicht diskutiert worden seien. „Ich habe nur am Rande mitbekommen, dass das Thema noch für Debatten gesorgt hat“, so Brosch. Das Verhalten Einzelner habe einigen nicht gepasst.

Die Parteispitze sieht er nicht in der Pflicht, sich nach einem solchen Vorfall deutlicher zu positionieren. „Was sollen die denn machen?“, fragt Brosch. Er finde es unfair, dass Weidel jetzt in die Sache reingezogen werde. Dass ihr Büro allerdings zu der Reise eingeladen hatte, scheint keine Rolle für Brosch zu spielen.

Alice Weidel stand für ein Statement am Dienstag nicht zur Verfügung. Ihr persönlicher Referent Daniel Tapp teilte mit, dass " uns bis heute keine konkreten Vorwürfe gegen einzelne Personen" bekannt seien. Aufgrund der juristischen Tragweite könnten zum jetzigen Zeitpunkt keine Schuldzuweisungen erfolgen. Auch auf Weidels Facebook-Seite findet sich kein Wort zum Vorfall. Stattdessen postete sie aktuelle Umfragewerte und Kritik an der Geldpolitik der Bundesregierung.