700.000 Besucher kommen jährlich zur Gedenkstätte Sachsenhausen bei Oranienburg. Oft mit dabei sind Gruppen, die auf Einladung eines Bundestagsabgeordneten Berlin besuchen und von dort aus eine Informationsfahrt in das ehemalige Konzentrationslager unternehmen. So auch eine kleine Delegation der AfD-Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel aus dem Bodenseekreis.

Das Grüppchen war mit weniger als 20 Teilnehmern eher kleiner als üblich und dennoch ist der Besuch vom Bodensee den Mitarbeitern der Gedenkstätte noch in lebhafter Erinnerung.

So wurde der Holocaust relativiert

Schon früh fielen dem Mitarbeiter, der die Führung übernommen hatte, einige der Besucher als rhetorisch geschulte Revisionisten auf. Da wurde der Holocaust mit angeblichen Verbrechen der Alliierten relativiert, die Existenz von Gaskammern geleugnet und vieles mehr.

Die Guides, die sich nicht Führer nennen wollen, sind ausgebildete Historiker oder Pädagogen, sind durchaus vorbereitet auf solche Fälle und angewiesen, sich offen der Diskussion zu stellen, andererseits aber auch die Führung sofort abzubrechen, wenn die Grenze zur Verleumdung und Geschichtsklitterung überschritten ist.

Sucht die AfD mit solchen Aktionen die Medienöffentlichkeit?

Und dies war bei den Besuchern vom Bodensee nach etwa einer Stunde der Fall. „Das Perfide ist, dass diese Leute extrem gut geschult sind, um mit Äußerungen stets knapp unter der Grenze zur strafrechtlichen Relevanz bleiben“, so der Leiter der Gedenkstätte, Axel Drecoll. Und nichts wäre schlimmer als ein Freispruch nach einer unzureichend begründeten Klage.

Das ist auch der Grund, warum die Gedenkstätte den Vorfall, der sich bereits am 10. Juli ereignete, nicht öffentlich machen oder gar Strafanzeige stellen wollte. Nach Ansicht von Direktor Drecoll und Pressesprecher Horst Seferens sucht die AfD mit solchen Aktionen die Medienöffentlichkeit, um auf sich aufmerksam zu machen.

Und dennoch zieht die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten enge Grenzen für das Verhalten auf ihrem Gelände. „Wir sind nicht nur Gedenkstätte, sondern auch Friedhof und deshalb auch der Würde der Verstorbenen verpflichtet“, so Drecoll. Besonders wichtig ist ihm diese Aufgabe, weil nur noch wenige Zeitzeugen der NS-Verbrechen am Leben sind, die Gedenkstätten als Zeugen aber bleiben. Und das in einer Zeit, in der sich rechtsextreme Ansichten immer offener zeigten. Dem entgegen zu wirken, sei eine wichtige Aufgabe. „Wir brauchen den gesellschaftlichen Konsens und wir wollen nachdenklich stimmen, denn die Grenzen des Tabubruchs sind erreicht“.

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Es war übrigens nicht das erste Mal, dass eine AfD-Besuchergruppe in Sachsenhausen von sich Rede machte. Nach einer zunächst eigentlich unauffälligen Führung für Besucher aus Göppingen tauchten im Anschluss auf einer AfD-Internetseite bei diesem Besuch aufgenommene üble Hetzfotos auf, die allerdings rasch wieder gelöscht wurden.

Seferenz reagiert auch mit Sorge auf die Vorgänge in Chemnitz. „Da verändert sich etwas in der Gesellschaft.. Dem will die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten entgegenwirken. „Aber wir sind keine Besserungsanstalt. Wir können nur nachdenklich stimmen, unsere kulturellen Ausrufezeichen sollen Fragezeichen in der Gesellschaft hervorrufen“, so Direktor Drecoll.