Die Abendsonne tauchte die Gedenkstätte für den Flugzeugabsturz am Waldrand bei Brachenreuthe am Freitagabend in ein mildes warmes Licht. Doch das Gefühl der Unbeschwertheit wollte und konnte sich einfach nicht einstellen in Anbetracht der belastenden Erinnerungen, die der 20. Jahrestag dieser menschlichen Katastrophe bei vielen Anwesenden wieder an die Oberfläche spülte. Sei es in erster Linie bei den wenigen anwesenden Angehörigen der Opfer, aber auch den Verantwortlichen bei Stadt und Kreis, den Hilfs- und Rettungsorganisationen oder bei den engagierten Unterstützern und Wegbegleitern der Leidtragenden.

Blumen für die Schwester und Tante Elena: Ella Karimova und Tochter Diana vor der Gedenkzeremonie.
Blumen für die Schwester und Tante Elena: Ella Karimova und Tochter Diana vor der Gedenkzeremonie. | Bild: Hanspeter Walter

Sie alle hieß Oberbürgermeister Jan Zeitler im Namen der Stadt willkommen, erinnerte an die Nacht des Unglücks vor 20 Jahren und rief an der Gedenkstätte zu einer Schweigeminute auf. Als „Tag der leisen Töne“ bezeichnete Justizstaatssekretär Siegfried Lorek (CDU) als Vertreter des Landes das Gedenken und legte gemeinsam mit Zeitler einen Kranz nieder. Beim Rückblick erschienen die Ereignisse vor 20 Jahren „so sinnlos und unfassbar“, sagte Lorek. Dass unter den 71 Opfern des Absturzes allein 49 Kinder und Jugendliche gestorben seien, mache ihn als Familienvater ganz besonders betroffen.

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„Mein Kind hat so schön Klavier gespielt. Es wird nun die Engel mit seinem Spiel erfreuen.“ Jürgen Rädler, ...
„Mein Kind hat so schön Klavier gespielt. Es wird nun die Engel mit seinem Spiel erfreuen.“ Jürgen Rädler, Gründungsvorsitzender des Vereins ‚Brücke nach Ufa‘ zitierte bewegende Worte von betroffenen Eltern. | Bild: Hanspeter Walter

Damals und heute helfe die Gemeinschaft, „mit Trauer, Wut und Verzweiflung umzugehen“. Das Land Baden-Württemberg habe versucht, den Hinterbliebenen zur Seite zu stehen. Vor allem aber seien die entstandenen Brücken zwischen den Menschen als Zeichen der Hoffnung zu sehen, hatte Lorek zuvor in der Camphillschule Brachenreuthe betont.

„Ein wahrer Freund ist, der die Hand reicht und das Herz berührt“: Taras Kostenko verlor beim Absturz seine Schwester Oksana ...
„Ein wahrer Freund ist, der die Hand reicht und das Herz berührt“: Taras Kostenko verlor beim Absturz seine Schwester Oksana und sprach für die Hinterbliebenen. Nach seiner Flucht aus Charkiw lebt er mit seiner Familie bereits seit einigen Wochen am Bodensee. Neben ihm Marina Galetskaya aus Uhldingen-Mühlhofen vom Verein ‚Brücke nach Ufa‘. | Bild: Hanspeter Walter

Im Namen der Hinterbliebenen sprach Taras Kostenko, dessen Schwester Oksana im Alter von damals 30 Jahren beim Absturz gestorben war, den Dank an alle Helfer und Wegbegleiter aus. „Sie sind es, die mit uns den Schmerz geteilt haben“, sagte er. „Ein wahrer Freund ist, der die Hand reicht und das Herz berührt“, erklärte der Mann, der in diesem Jahr mit seiner Familie nach dem russischen Angriff aus Charkiw fliehen musste und an den Bodensee gekommen war. Am Ende spielte er ein Requiem vor, das sein Vater Viktor Kostenko zum zehnten Jahrestag des Unglücks komponiert hatte.

Video: Hanspeter Walter

Wie jedes Jahr verlasen Katharina Dahlinger und Irina Petschalina an der Gedenkstätte die Namen aller 72 Opfer der Katastrophe, darunter auch des Fluglotsen von Skyguide, wie sie explizit betonten. Während dessen stellten Kinder jeweils eine Rose ab, eine rote für jeden Erwachsenen, eine weiße für jedes Kind.

Video: Hanspeter Walter

Musiker Eloas Lachenmayer hatte die dramatische Geschichte der Nacht vor 20 Jahren in einem nachdenklichen Liedtext verarbeitet und trug diesen, begleitet von Cornelia Bernhardt an der Geige vor. „Wir bauen die Brücke nach Ufa – und lassen uns nicht von der Kriegshetze stör‘n“, lautete eine der letzten Strophen, „weil Russland und Deutschland von jeher im Herzen und Kopfe zusammengehör‘n.“

Bruno Wegmüller (mitte) war vor 20 Jahren Leiter der Camphill-Schulgemeinschaft. MIt Angehörigen der Opfer tauscht er Erinnerungen aus.
Bruno Wegmüller (mitte) war vor 20 Jahren Leiter der Camphill-Schulgemeinschaft. MIt Angehörigen der Opfer tauscht er Erinnerungen aus. | Bild: Hanspeter Walter

Nicht zu Wort kam allerdings der aus Frankfurt angereiste Ivan Khotulev, Generalkonsul der Russischen Föderation, der ebenfalls einen Kranz niedergelegt hatte. Einige verärgerte Stimmen kritisierten, dass die Stadt einen Redebeitrag abgelehnt habe, als unfreundlichen Akt gegenüber dem angemeldeten Gast, der auch in keiner Begrüßung erwähnt worden war. Erst Sänger Eloas Lachenmayer wies am Ende auf die Anwesenheit des russischen Repräsentanten hin. Doch die Mehrzahl der befragten Menschen hielten diese Zurückhaltung für angemessen.

Markus Schubert und Susanne Fuhrmann von der Camphill-Schulgemeinschaft Brachenreuthe hatten zuvor die Verantwortungsträger von damals und heute als geladene Gäste im Silvestersaal der Schule begrüßt. Fuhrmann wies darauf hin, welche Bedeutung die Perlen der Edelstahlkugeln für die Jungen und Mädchen der Einrichtung hätten, die damals nur um Haaresbreite von einer zweiten Katastrophe am Boden verschont geblieben war.

Nicht zu Wort kam der aus Frankfurt angereiste Ivan Khotulev, Generalkonsul der Russischen Föderation, der ebenfalls einen Kranz ...
Nicht zu Wort kam der aus Frankfurt angereiste Ivan Khotulev, Generalkonsul der Russischen Föderation, der ebenfalls einen Kranz niedergelegt hatte. Seine Präsenz stieß auf geteilte Resonanz. | Bild: Hanspeter Walter

Dass hier ein totes Kind in einem Stall des Hofes bei den Tieren gelandet sei, daran erinnerte Jürgen Rädler, Gründungsvorsitzender des Vereins Brücke nach Ufa, dem es hörbar schwer fiel seine Erfahrungen und Empfindungen von damals in Worte zu fassen. Doch zitierte er einige bewegende Aussagen, wie Eltern mit dem Verlust ihrer Kinder umgegangen waren. „Mein Kind hat so schön Klavier gespielt“, habe damals eine Mutter formuliert: „Es wird nun die Engel mit seinem Spiel erfreuen.“

Mit einem Hubschrauber sei er damals sofort an den Bodensee geflogen, erinnerte der DHL-Geschäftsführer Markus Otto aus Leipzig, als er vom Absturz einer der eigenen Maschinen gehört habe. Doch erst im Verlauf der Nacht am Bodensee habe er erfahren, dass ein zweites Flugzeug beteiligt gewesen sei, und das ganze Ausmaß der Tragödie wahrgenommen. Die Betroffenheit vom damaligen Tod der beiden Piloten reiche bis heute und Kollegen der Opfer seien zu diesem Gedenken eigens aus Bahrain an den Bodensee gekommen.

Etwas später am Abend erinnerte ein Gottesdienst an der zweiten Gedenkstätte in Taisersdorf an deren Tod. Zwei Familien kamen kurzfristig aus Baschkirien angereist, berichtete Nadja Wintermeyer, Vorsitzende des Vereins Brücke nach Ufa, eine Familie kam aus Aschaffenburg. Die größere Zahl von Angehörigen traf sich am Samstagmorgen in Ufa und ließ – wie fünf Jahre zuvor am Absturzort – für jedes Opfer einen Luftballon gen Himmel am Ural schweben.