Vitali Kalojew (62) wird in seiner Heimat Nordossetien bis heute als Held verehrt; in der Schweiz ist er hingegen der verurteilte Fluglotsenmörder, der die Eidgenossenschaft nicht mehr betreten darf. Der Mann, dessen Schicksal eng mit der Flugzeugkatastrophe von Überlingen im Jahr 2002 verbunden ist, hat nach russichen Medienberichten in diesem Jahr neu geheiratet. Seine 22 Jahre jüngere Frau brachte demnach am 25. Dezember Zwillinge zur Welt. Das berichten mehrere russische Medien im Internet übereinstimmend. Die Zeitung Moskovskij Komsomolez schreibt in ihrer Internetausgabe, Kalojew habe sich über die Geburt seiner beiden Kinder – einem Jungen und einem Mädchen – sehr gefreut mit den Worten: „Ich habe wieder den Sinn des Lebens gefunden“. Die Trauer über seine erste Familie bleibe jedoch.

Schwarzenegger verkörperte Kalojew

Das Schicksal des Bauingenieurs aus der russischen Teilrepublik Ossetien bewegt die Menschen nicht nur in seiner Heimat. Mehrfach wurde die Katastrophe verfilmt. Zuletzt von Hollywood-Legende Arnold Schwarzenegger und in diesem Jahr unter dem Titel „Unforgiven“ (Erbarmungslos) mit dem russischen Schauspieler Dimitri Nagiyev als Kalojew. Ihm selbst, so wird kolportiert, sollen die bisherigen Filme nicht gefallen, weil er sich in den Hauptrollen nicht wiedererkenne. Das sei nicht er, heißt es von dem als medienscheu geltenden Osseten.

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Flugzeugunglück von 2002 reißt bis heute tiefe Wunden

Der Mann, der seine Frau mitsamt seiner beiden Kinder bei der Flugzeugkatastrophe am 1. Juli 2002 verlor, tötete anderthalb Jahre später den Fluglotsen Peter N. mit zahlreichen Messerstichen auf dessen Terrasse in Zürich-Kloten. Dieser hatte in der Unglücksnacht bei der Schweizer Flugsicherung Skyguide gearbeitet.

2002: Wrakteile liegen nach der Katastrophe auf einem Feld bei Überlingen.
2002: Wrakteile liegen nach der Katastrophe auf einem Feld bei Überlingen. | Bild: dpa

Ihm wurde aufgrund mehrerer schwerer Fehler zunächst die alleinige Schuld an dem Unglück angelastet, doch lag auch nach anderthalb Jahren weder ein Untersuchungsbericht vor noch eine Entschuldigung aus der offiziellen Schweiz. Das Unglück von damals treibt bis heute die Menschen auch am Bodensee um.

Bei der Katastrophe am Himmel über Überlingen waren in der Nacht zum 2. Juli um 23.35 Uhr eine Frachtmaschine der DHL und ein russisches Passagierflugzeug zusammengestoßen. Unter den 71 Opfern waren auch 49 Kinder auf dem Flug in die Ferien ins Spanische Barcelona.

Kalojew wartete in Barcelona auf seine Familie

Dort wartete Kalojew zur Stunde des Unglücks auf seine Liebsten, von denen der Bauingenieur wegen seiner Tätigkeit schon mehrere Monat lang getrennt war.

2002: Kalojew erfährt am Flughafen Barcelona von dem Überlinger Unglück.
2002: Kalojew erfährt am Flughafen Barcelona von dem Überlinger Unglück. | Bild: dpa

Als ihm die Nachricht von der Katastrophe überbracht wurde, stiegt er in das erste Flugzeug nach Zürich. Er kam als erster Angehöriger an die Absturzstelle bei Überlingen, wo er nach den sterblichen Überresten seiner Frau und der beiden Kinder suchte.

Allein das, so wurde spekuliert, habe bei Kalojew ein Trauma verursacht, das schließlich zu der unverzeihlichen Tat geführt haben muss. Das Obergericht des Kantons Zürich verurteilte ihn schließlich wegen vorsätzlicher Tötung zu einer achtjährigen Gefängnisstrafe, die später auf 5 Jahre abgemildert wurde.

Witali Kalojew, der als «Fluglotsenmörder» bekanntgeworden war, Sulfat Chammatow, Sprecher der Angehörigen der Opfer und Ruslan K. Karsanow, Generalkonsul der Russischen Föderation (l-r) unterhalten sich im Jahr 2012 in Überlingen bei einem Empfang für die Angehörigen der Opfer des Flugzeugabsturzes, der damals zehn Jahre zurücklag.
Witali Kalojew, der als «Fluglotsenmörder» bekanntgeworden war, Sulfat Chammatow, Sprecher der Angehörigen der Opfer und Ruslan K. Karsanow, Generalkonsul der Russischen Föderation (l-r) unterhalten sich im Jahr 2012 in Überlingen bei einem Empfang für die Angehörigen der Opfer des Flugzeugabsturzes, der damals zehn Jahre zurücklag. | Bild: Tobias Kleinschmidt, dpa

Auch die Schweiz und Skyguide machten schwere Fehler

Aus der Schweiz waren über viele Monate hin keine Worte der Entschuldigung zu hören, auch bei Skyguide wurden personelle Konsequenzen unter Verantwortlichen nur sehr zögerlich getroffen. Spätestens bei der juristischen Aufarbeitung stellte sich heraus, dass der Fluglotse Peter N. angesichts massiver organisatorischer Fehler und technischer Mängel bei Skyguide in der Nacht allein gelassen worden war.

Das Kontrollzentrum der Schweizer Flugsicherung skyguide am Flughafen Zürich Kloten (Archivfoto vom 16.05.2001).
Das Kontrollzentrum der Schweizer Flugsicherung skyguide am Flughafen Zürich Kloten (Archivfoto vom 16.05.2001). | Bild: Martin Ruetschi

Kalojew selbst räumte später vor Gericht nur teilweise eine Schuld ein. Die Tat selbst, heißt es, habe er nicht bereut. Bei seiner Rückkehr in die Heimat wurde er wie ein Held gefeiert, der nach den dortigen Regeln für Gerechtigkeit gesorgt habe – ein Bild, das nicht nur in der Schweiz für Verstörung sorgte. Auch zahlreiche Hinterbliebene mochten diese Ansicht nicht teilen. Kalojew, der zum Vize-Bauminister aufstieg, ging schließlich vor zwei Jahren in Pension.

Olympiasieger gehört zu den ersten Gratulanten

Zu den Gratulanten nach der Geburt seiner beiden Kinder gehört neben dem ehemaligen Ossetischen Staatsoberhaupt Tejmuraz Mansurov auch der russische Olympiasieger im Ringen, Arsen Fadzajev, mit dem er befreundet sein soll. Kalojew wurde nach dem Flugzeugunglück mehrmals in Überlingen bei Gedenktagen gesehen. Zuletzt wollte er auch mit seiner neuen Frau den Ort der Trauer besuchen.