Farbenprächtig strahlen die üppigen Blumenbeete im Uferpark der Landesgartenschau. Neben diesem Feuerwerk fast schüchtern wirken dagegen die eher unscheinbaren Pflanzen des Strandrasens unmittelbar am Wasser. Sie verleihen dem neuen flachen Kiesufer einen besonderen Reiz und vor allem einen hohen ökologischen Wert.

Im Strandrasen finden sich zehn Arten, die anderswo verschwunden sind

Allenfalls der Bodensee-Schnittlauch mit seinen typischen lila Blüten fällt aus der Distanz in die Augen, schon genauer hinsehen muss man bei den kleinen Polstern des Bodensee-Vergissmeinnichts mit seinen hellblauen Blüten. Knapp zehn verschiedene Arten machen diese typische Pflanzengesellschaft des Strandrasens aus, die anderswo fast überall unter die Räder gekommen sind – durch Befestigungen, Uferanlagen oder Bauwerke.

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Diese Uferrenaturierung ist geradezu ein Paradebeispiel für den Versuch, den See an dieser Stelle in einen natürlicheren Zustand zu versetzen und früheren Pflanzenarten wieder eine Heimat zu geben.

Der Bodensee-Strandrasen braucht zum Gedeihen eine ganz spezielle Topografie im Flachwasserbereich, die im Uferpark der Landesgartenschau wieder neu geschaffen wurde.
Der Bodensee-Strandrasen braucht zum Gedeihen eine ganz spezielle Topografie im Flachwasserbereich, die im Uferpark der Landesgartenschau wieder neu geschaffen wurde. | Bild: Hanspeter Walter

Auch die Universität Konstanz ist am Projekt beteiligt

Gemeinsam mit den Biologen Michael Dienst und Irene Strang von der Arbeitsgruppe Bodenseeufer (AGBU), einem eingetragenen Verein, und dem Botanischen Garten der Universität Konstanz hat die Landesgartenschau dieses Projekt in Angriff genommen.

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Ufergelände muss für die seltenen Pflanzen leicht geneigt sein

Die selten gewordene Pflanzengesellschaft braucht eine ganz besondere Topografie mit einem bestimmten Überschwemmungsmuster, wissen die Botaniker. Auf der einen Seite müsse es ein flaches Ufer sein, auf der anderen Seite brauche es eine gewissen Neigung. „Das haben sie topografisch sehr gut hinbekommen“, war die Vorfreude der Biologen über das neue Gelände schon 2018 riesig.

Pflanzen waren von der Stadtgärtnerei vorgezogen

Damals, vor drei Jahren, hatte die Stadtgärtnerei einige tausend zarte Jungpflanzen auf der untersten Terrasse am Seeufer gesetzt, die sie zuvor in ihren Gewächshäusern in der Breitlestraße zwei Jahre lang herangezogen hatten. Inzwischen haben die Strand-Schmiele, Nadelbinse, Strandling, das Bodensee-Vergissmeinnicht, Ufer-Hahnenfuß und Schnittlauch längst Fuß gefasst und können sich ausbreiten.

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Strandrasen ist wichtiger Bestandteil der ökologischen Umgestaltung des Ufers

Erst 2020 wurde die Strand-Schmiele offiziell in Bodensee-Schmiele umbenannt, da die Art ausschließlich hier vorkommt. Für die besonders schützenswerten Arten ist dies eine der größten zusammenhängenden Flächen am Bodenseeufer überhaupt. „Die Ansiedlung von Strandrasenflächen ist ein wichtiger Bestandteil zur ökologischen Umgestaltung im Bereich des Uferparks“, sagt Edith Heppeler, Geschäftsführerin der Landesgartenschau Überlingen.

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Schnittlauch ist Mitglied der Strandrasen-Familie

Auch die Biologen der AGBU sehen den Versuch, den Strandrasen in Überlingen neu anzusiedeln, als sehr gute Möglichkeit, die bedrohten Arten nicht nur stärker zu verbreiten, sondern auch möglichst viele Menschen über sie zu informieren. „Zum Beispiel weiß kaum jemand, dass Schnittlauch ein Mitglied der Strandrasenfamilie ist“, sagt Irene Strang. „Er hat seinen Ursprung am Bodensee.“

Auch das Bodensee-Vergissmeinnicht, das vor einigen Jahrzehnten fast ausgestorben war, kann hier wieder Fuß fassen.
Auch das Bodensee-Vergissmeinnicht, das vor einigen Jahrzehnten fast ausgestorben war, kann hier wieder Fuß fassen. | Bild: Hanspeter Walter

Bodensee-Vergissmeinnicht breitet sich wieder aus

Noch vor gut 20 Jahren zählte das Bodensee-Vergissmeinnicht zu den gefährdetsten Arten, inzwischen ist es wieder auf dem Vormarsch. Größere Vorkommen gibt es nach wie vor beim Campingplatz Hegne. „Dort gab es beim Kloster sogar mal 100 000 Exemplare“, sagt Michael Dienst von der AGBU. Auch in dem renaturierten Uferbereich östlich von Sipplingen hat sich das blaue Blümchen sogar selbstständig eingefunden.

Bei den überschwemmten Polstern im Flachwasser hinter den leuchtenden Schnittlauchblüten handelt es sich um die Bodensee-Schmiele, ein Süßgras, das erst im Vorjahr seinen neuen Namen bekam und nur noch an ganz wenigen Standorten vorkam.
Bei den überschwemmten Polstern im Flachwasser hinter den leuchtenden Schnittlauchblüten handelt es sich um die Bodensee-Schmiele, ein Süßgras, das erst im Vorjahr seinen neuen Namen bekam und nur noch an ganz wenigen Standorten vorkam. | Bild: Hanspeter Walter

Botaniker hatten Strand-Schmiele schon aufgegeben

„Noch seltener, allerdings optisch nicht ganz so attraktiv ist die Strand-Schmiele“, sagt der Fachmann. Auf das rare Rispengras (Deschampsia rhenana) hatte die Botanische Staatssammlung München 2018 schon einen Nachruf geschrieben. Denn die Strand-Schmiele komme weltweit nur am Bodensee vor – „leider womöglich nicht mehr lange“. 2016 waren die letzten zwei Exemplare am bayerischen Bodenseeufer gefunden worden, 2017 seien auch diese verschwunden gewesen. Vor diesem Hintergrund ist der neue Flachwasserbereich ein wirksamer Beitrag gegen das Artensterben.

Die Bodensee-Schmiele – eine gut angepasste Rarität

Auch das Barbarakraut oder die Winterkresse findet sich hier. Für die Botaniker und Pflanzensoziologen ist die mythische Pflanze, der Heilwirkungen nachgesagt werden, allerdings keine ganz typisches Element des Strandrasens.
Auch das Barbarakraut oder die Winterkresse findet sich hier. Für die Botaniker und Pflanzensoziologen ist die mythische Pflanze, der Heilwirkungen nachgesagt werden, allerdings keine ganz typisches Element des Strandrasens. | Bild: Hanspeter Walter

„Stadtgärtnerei hat gute Arbeit geleistet“

„Interessant ist die Tatsache, dass der Strandrasen auf der LGS aktuell der größte Strandrasen überhaupt am Bodensee ist“, betont Michael Dienst. „Am Anfang waren wir ja selbst skeptisch, dass die Pflanzen so gut anwachsen. Das Ergebnis hat uns selbst erstaunt. Die Überlinger Stadtgärtnerei hat gute Arbeit geleistet.“