Überlingen – Am Anfang waren Landesgartenschauen von Biologen und gestandenen Ökologen gern als "Blümchen-Olympiaden" ins Abseits gestellt worden. Dieses Bild wollen die Planer und Organisatoren der Veranstaltungen schon seit einigen Jahren zerstreuen und der Artenvielfalt Vorrang gewähren. Mit der aktuellen Uferrenaturierung ist das Überlinger Konzept ein gutes Beispiel, da es den See an dieser Stelle in einen natürlicheren Zustand versetzen und früheren Pflanzenarten wieder eine Heimat geben will. Gemeinsam mit den Biologen Michael Dienst und Irene Strang von der Arbeitsgruppe Bodenseeufer (AGBU) und dem Botanischen Garten der Universität Konstanz hat die Landesgartenschau (LGS) dieses Projekt gestartet.

Etwa ganz Besonderes ist die selten gewordene Strandrasengesellschaft, zu der ein knappes Dutzend Pflanzen gehören – darunter das Bodensee-Vergissmeinnicht quasi als hübsch blühende Leuchtturmart. Noch vor gut 20 Jahren zählte es zu den gefährdetsten Arten, inzwischen ist es wieder auf dem Vormarsch. Größere Vorkommen gibt es noch, zum Beispiel beim Campingplatz Hegne. "Dort gab es beim Kloster sogar mal 100 000 Exemplare", sagt Michael Dienst von der AGBU. Auch in dem renaturierten Uferbereich östlich von Sipplingen hat sich das blaue Blümchen sogar selbstständig eingefunden. "Noch seltener, allerdings optisch nicht ganz so attraktiv, ist die Strand-Schmiele", sagt der Fachmann.

Sieht auf den ersten Blick aus wie ein normales Vergissmeinnicht, ist aber eigenständige Art, die vom Schweizer Pfarrer und Naturforscher Johann Konrad Rehsteiner (1797-1858) erstmals beschrieben worden war: das Bodensee-Vergissmeinnicht.
Sieht auf den ersten Blick aus wie ein normales Vergissmeinnicht, ist aber eigenständige Art, die vom Schweizer Pfarrer und Naturforscher Johann Konrad Rehsteiner (1797-1858) erstmals beschrieben worden war: das Bodensee-Vergissmeinnicht. | Bild: Landesgartenschau GmbH

Die Pflanzengesellschaft braucht eine besondere Topografie mit einem gewissen Überschwemmungsmuster. Auf der einen Seite müsse es ein flaches Ufer sein, auf der anderen Seite brauche es eine gewisse Neigung. "Das haben sie bisher sehr gut hinbekommen", freut sich der Botaniker über das neue Gelände. Auch für die Stadtgärtnerei hat Dienst ein großes Lob parat. "Die haben in den letzten beiden Jahren 18 000 Pflanzen herangezogen", erklärt er, "das haben die toll gemacht."

Nach knapp zwei Jahren der Anzucht, Pflege und Vermehrung war für den ersten Teil des Strandrasens der große Moment gekommen: Die zarten Pflänzchen wurden von der Überlinger Stadtgärtnerei in den Uferpark gebracht und auf der untersten Terrasse, direkt am Seeufer, gepflanzt. Auf rund 220 Quadratmetern können sich Strand-Schmiele, Nadelbinse, Strandling, das Bodensee-Vergissmeinnicht, Ufer-Hahnenfuß und Schnittlauch nun ausbreiten. Für die besonders schützenswerten Arten ist dies eine der größten zusammenhängenden Flächen am Bodenseeufer überhaupt. "Die Ansiedlung von Strandrasenflächen ist ein wichtiger Bestandteil zur ökologischen Umgestaltung im Bereich des Uferparks", sagt Edith Heppeler, Geschäftsführerin der Landesgartenschau Überlingen. Insgesamt sollen dafür mehr 1000 Quadratmeter des Geländes genutzt werden.

Andreas Lohner von der Stadtgärtnerei demonstriert hier die Anzucht der Pflanzen.
Andreas Lohner von der Stadtgärtnerei demonstriert hier die Anzucht der Pflanzen. | Bild: Landesgartenschau GmbH

Dieser Ansicht sind auch die Biologen der AGU. Sie sehen den Versuch, den Strandrasen in Überlingen neu anzusiedeln, als sehr gute Möglichkeit, die bedrohten Arten nicht nur stärker zu verbreiten, sondern auch möglichst viele Menschen über sie zu informieren. "Zum Beispiel weiß kaum jemand, dass Schnittlauch ein Mitglied der Strandrasenfamilie ist", sagt Irene Strang. "Er hat seinen Ursprung am Bodensee."

Ob sich die Pflanzen im Flachwasserbereich des Uferparks wohlfühlen werden, ist ein großes Experiment für alle Beteiligten. Wie die Mitarbeiter der Stadtgärtnerei bei der Anzucht, so hat auch das Team der LGS ein spezielles Substrat ausgewählt, um die Pflanzen mit den nötigen Nährstoffen zu versorgen. "Leider sind die Arten in vielen Bereichen noch unerforscht", sagt Strang. Jetzt kommt es vor allem darauf an, dass die Pflanzen wurzeln können, bevor der Wasserpegel zu stark steigt.

 

Bodensee-Strandrasen

Mit Strandrasen bezeichnet man am Bodensee im Wesentlichen die Strandschmielen-Gesellschaft (Deschampsietum rhenanae). Sie wächst an flachen und röhrichtfreien Kiesufern. Die Botaniker Michael Dienst, Markus Peintinger und Irene Strang von der Arbeitsgruppe Bodenseeufer (AGBU) untersuchen seit 1983 diese endemische Pflanzengesellschaft. Der starke Rückgang der Strandrasenflächen hat nach ihren Erkenntnissen vor allem mit dem Menschen zu tun. Immer größere Teile des Bodenseeufers wurden im 20. Jahrhundert bebaut, für den Tourismus und zur Freizeitgestaltung genutzt. Wegen der Nährstoffanreicherung wurden zahlreiche Strandrasen von Teppichen aus Fadenalgen überwuchert. Da nun das Wasser des Sees wieder sauberer wird, habe auch der Strandrasen bessere Chancen, sich zu entwickeln.