Umzüge laufen selten ganz problemlos ab, die Erfahrung hat sich jeder schon gemacht. Ein Umzug mit Vögeln in der Natur ist allerdings eine ganz spezielle Sache. Diese Erfahrung musste jetzt das Waldrapp-Projektteam um Johannes Fritz machen, das drei Paare mit deren Nachwuchs von ihrer vertrauten künstlichen Brutwand bei Hödingen in die Felswand am Seeufer in Überlingen verlegen wollte. Nach zwei anstrengenden Tagen und mehreren Anläufen in luftiger Höhe schienen zumindest Urmel und Eduardo mit ihren zwei Küken an dem neuen Zuhause Gefallen gefunden zu haben. Ihren Artgenossen fiel der Abschied von der gewohnten Umgebung jedoch zu schwer.

Rund 25 Meter über dem Grund liegt das neue Zuhause der Waldrappe in der Felswand.
Rund 25 Meter über dem Grund liegt das neue Zuhause der Waldrappe in der Felswand. | Bild: Hanspeter Walter

„Neeeein!“, ruft Anne-Gabriela Schmalstieg, ehemalige Ziehmutter der heutigen Vogeleltern. Es ist 18.14 Uhr am ersten Tag des Umzugs, das Licht der Abendsonne am See wird milder. Aber die Blicke richten sich nicht aufs Wasser, sondern hinauf zum Ende der Felswand. Dort sitzen in einer Nische acht junge Waldrappe. Doch eben haben die letzten Elterntiere diese Nische wieder verlassen und sich aus dem Staub gemacht. Mit dem vierten Anlauf endet für diesen Tag der Transfer der jungen Waldrapp-Familien von der künstlichen Brutwand in die Felswand. Obwohl ihr Nachwuchs erwartungsvoll in der Nisthilfe sitzt.

Mehrfach flüchten die Eltern und müssen wieder eingesammelt werden

Mehrfach hat Kollegin Corinna Esterer die flüchtigen Eltern an diesem Tag wieder eingesammelt. Der Hubsteiger brachte sie wieder zu den Kindern. Kurzfristig sitzen die ganzen Vogelfamilien oben im Fels, mal sind es vier Elternteile, zuletzt ist es noch ein Paar, das sich verabschiedet. Am Abend steht das Team vor einer schwierigen Entscheidung: die acht jungen Waldrappe wieder herunterholen und zu den Eltern bringen? Oder dem Nachwuchs eine Nacht allein oben im Fels zuzumuten – mit allen Risiken?

„Ich bin wahnsinnig nervös.“
Anne-Gabriela Schmalstieg

Eine Nacht müssen die Jungen allein in der Felswand bleiben

„Ich bin wahnsinnig nervös.“ Anne-Gabriela Schmalstieg plagte schon zuvor die Sorge, ein kleiner Waldrapp könnte in die Tiefe stürzen. Nach einer Telefonkonferenz mit Johannes Fritz entscheidet das Team, die Jungvögel allein oben in der Felswand zu lassen. Auch das Einsammeln des Nachwuchses wäre riskant gewesen.

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Und es geht gut. Am nächsten Morgen sind alle acht Jungvögel noch da und sitzen in der Nische. Doch die beiden Ziehmütter können zwar Urmel und Eduardo wieder einfangen, die anderen vier Elternvögel haben allerdings die Nase voll vom Experiment und wollen nicht mehr.

Am neuen Zuhause: Urmel (links) und Eduardo füttern den Nachwuchs.
Am neuen Zuhause: Urmel (links) und Eduardo füttern den Nachwuchs. | Bild: Waldrappteam

Welche Küken gehören zu Urmel und Eduardo?

Der nächste Anlauf beschränkt sich daher auf die beiden Gefügigen, die mit dem Hubsteiger wieder in die Felswand zum Nachwuchs transportiert werden. Doch welches sind die richtigen Kinder? Gehören zwei oder drei Küken zu Urmel und Eduardo? Alle wurden zwar am Vortag beringt und damit nummeriert. Doch bereits zuvor krabbelten die Jungen manchmal von einem Nest ins andere und sind daher nicht mehr ganz sicher den Eltern zuzuordnen. Erst die spätere DNA-Analyse wird Klarheit bringen. Im Moment kann nur die Fütterung weiterhelfen.

Vorsichtig wird der Nachwuchs in der Nische sortiert

Urmel und Eduardo kümmern sich lediglich um zwei Jungtiere, wie eine längere Beobachtung aus gewisser Distanz zeigt. Die anderen sechs Küken beachten sie kaum. Mit einem Kescher und vielen Händen wird der Nachwuchs vom Hubsteiger aus vorsichtig sortiert. Sechs junge Waldrappe müssen wieder die Rückreise zu ihren uneinsichtigen Eltern in der Brutwand antreten. „Das Risiko ist jetzt, dass doch drei Junge zu dem Paar gehören“, sagt Biologe Johannes Fritz: „Doch wir hoffen, dass nicht.“

Die lieben Kleinen werden beringt und erhalten ihre individuelle Nummer. Ihren Namen bekommen sie später nach der Geschlechtsbestimmung ...
Die lieben Kleinen werden beringt und erhalten ihre individuelle Nummer. Ihren Namen bekommen sie später nach der Geschlechtsbestimmung über die DNA-Analyse an einer Feder. | Bild: Hanspeter Walter

Kommen Urmel und Eduardo von ihrem Ausflug zurück?

Am zweiten Nachmittag sorgen auch Urmel und Eduardo noch einmal für Anspannung im Waldrapp-Team. Irgendwann machen beide wieder die Flatter und lassen den Nachwuchs allein. Um die Flucht anzutreten oder um Futter für die hungrigen Kleinen zu holen, weiß auch der erfahrene Johannes Fritz zu diesem Zeitpunkt noch nicht – er kann nur hoffen. Immer wieder schweben die Eltern auf die Felswand zu – und drehen mehrfach wieder ab. Als kontrollierten sie kurz, ob die Jungen noch da sind.

Am Ende Erleichterung: Eine Familie verbringt die erste Nacht am See

Lange bleiben sie weg und spannen das Team auf die Folter. Doch noch am frühen Abend die Erleichterung: Urmel und Eduardo landen endlich wieder, füttern ihren Nachwuchs und verbringen die erste Nacht als vierköpfige Familie in der Felswand am See.

Der widerspenstigen Waldrappe Zähmung

Viel Erfahrung hat auch das Waldrappteam mit derlei Umzügen ganzer Familien noch nicht.

Burghausen in Bayern war seit der Bayerischen Landesgartenschau 2004 ein Standort des Waldrapp-Projektes. Ab 2007 wurden im Rahmen von insgesamt vier von Menschen angeführten Migrationen handaufgezogene Jungvögel von Burghausen aus östlich um die Alpen in das Wintergebiet in der Toskana geführt. Im Juni 2011 kehrte erstmals ein Waldrapp selbständig aus der Toskana nach Burghausen zurück. Dort leben und brüten die Tiere inzwischen auf Holzstrukturen an der langen Wehrmauer.

Am zweiten Standort in Kuchl südlich von Salzburg wurden 2019 erstmals zwei Nester mit den Altvögeln und Jungen erfolgreich in eine Felsnische im Georgenberg auf einer Insel in der Salzach transferiert. Auch andere Waldrappe erkundeten dort inzwischen die natürlichen Felsnischen.

Mit großer Sorgfalt hat Johannes Fritz gemeinsam mit Vertretern der Stadt Überlingen nach einer idealen Felswand für die Tiere gesucht, die zwischen 2017 und 2019 in Überlingen und Heiligenberg aufgezogen wurden. Letztlich fiel die Wahl auf den Katharinenfelsen westlich von Brünnensbach beim Überlinger Seewasserwerk. Dort steht ein idealer horizontaler Felsvorsprung als geschützte Nische zur Verfügung. Dies als neue Heimat zu erkennen, müssen die Waldrappe allerdings erst noch lernen – und bekommen dabei etwas Nachhilfe.