Wenn der Stadtverwaltung, namentlich dem Ordnungsamt und OB Jan Zeitler, noch nicht klar war, welche Lawine sie mit den Bußgeldbescheiden für Narrenmutter und Hänselevater losgetreten haben, dann muss ihnen das spätestens jetzt bewusst werden. Im Internet, in den sozialen Medien, wird kräftig diskutiert und kommentiert, doch reicht auch eine kurze Autofahrt durch die Stadt, für die sie arbeiten. An der Brüstung der Brücke von St. Nepomuk etwa, direkt vor dem Franziskanertor, prangt die Aufschrift: „#FreeHarry“ und „#FreeWolfgang“. Im einschlägigen Überlinger facebook-Forum gab es bis zum Sonntagabend rund 350 Reaktionen.

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Die Brücke am Franziskanertor gesehen in Blickrichtung stadtauswärts.
Die Brücke am Franziskanertor gesehen in Blickrichtung stadtauswärts. | Bild: Jürgen Gundelsweiler

Die Hashtags verweisen auf Hänselevater Harry Kirchmaier und Narrenmutter Wolfgang Lechler, die Bußgeldbescheide erhalten hatten, weil sie angeblich an Dreikönig zum Einschnellen aufgerufen und Lechler selbst das Haus „ohne triftigen Grund“ verlassen hätten.

Während in den sozialen Medien – auch rund um die kräftig geteilten und weitergeleiteten entsprechenden SÜKURIER-Artikel – heiß diskutiert wird, holt das Hashtag-Graffiti die Empörung über die Stadtverwaltung nun quasi aus der digitalen in die analoge Welt. „Das zieht Kreise, das ist einfach wahnsinnig“, sagt Kirchmaier. Übrigens: In sich schon Kommentar sind sind die weiteren Hashtags, die in dieser Sache kursieren: „#freefasnet und #ichglaubeshakt“.

„Das zieht Kreise, das ist wahnsinnig.“ Hänselevater Harry Kirchmaier tun die vielen unterstützenden Mails und Anrufe gut, nachdem ihm der Bußgeldbescheid der Stadt „ziemlich an die Kutteln gegangen“ sei.“
„Das zieht Kreise, das ist wahnsinnig.“ Hänselevater Harry Kirchmaier tun die vielen unterstützenden Mails und Anrufe gut, nachdem ihm der Bußgeldbescheid der Stadt „ziemlich an die Kutteln gegangen“ sei.“ | Bild: Archiv

Die beiden Hashtags sind nur mit Kreide geschrieben, Aufregungen wie sie ebenfalls im Internet kursieren, hier habe jemand Schmierereien an altem Mauerwerk hinterlassen, sind also unberechtigt. „Wenn‘s das nächste Mal regnet, ist die Schrift doch weg“, lacht Kirchmaier und nimmt die Urheber in Schutz.

Doch die Hashtags standen übers Wochenende für die bleibende Empörung der Menschen in der Stadt. Heute Morgen etwa habe eine alteingesessene, gut vernetzte Überlingerin bei ihm angerufen und gesagt: „Die ganze Stadt steht hinter Euch.“

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Seit Tagen hören die Anrufe und Mails bei Harry Kirchmaier und seiner Frau Birgit nicht mehr auf. „Leute bieten mir Hilfe an, sagen, sie würden die Verfahren bezahlen, Anwälte wollen mich honorarfrei vertreten – damit nichts hängen bleibt.“ Und der Rückhalt in der Stadt tue gut. Denn der Bußgeldbescheid wegen Verstoßes gegen die Corona-Verordnung sei ihm schon „gehörig an die Kutteln gegangen“.

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Er, der Hänselevater, und Narrenmutter Wolfgang Lechler als Narrenmutter und Vorsitzender des Gesamtvereins Narrenzunft bekamen am Fastnachtsdienstag Bußgeldbescheide, weil sie angeblich für den Dreikönigstag, dem 6. Januar, zur „Veranstaltung Einschnellen„ aufgerufen hätten.

Erneut erinnert Kirchmaier, der während der Fastnacht eigener Aussage nach nicht einmal in der Stadt war, dass das Einschnellen der Fastnacht keine „organisiert Veranstaltung“ sein, sondern man in Überlingen am Dreikönigtstag zum 12 Uhr-Läuten die Fastnacht – als Schwellenfest vor der Fastenzeit – traditionell seit Jahrhunderten einschnellt, und da brauche es weder den Aufruf einer Organisation noch eine Verabredung von Beteiligten. „Das war schon immer so, egal ob Pest oder Spanische Grippe oder Krieg – bloß dieses Jahr nicht?“. Zur Erinnerung: Fotos und Filme beweisen, dass die Abstände eingehalten wurden.