Die örtlichen Einzelhändler haben nun schon seit geraumer Zeit ihre Türen wieder geöffnet – kämpfen aber nach wie vor mit den Corona-Folgen: „Es ist eine komplizierte Phase“, sagt Stefan Schneider. Der Wirtschaftsförderer der Stadt Überlingen möchte keine Prognose wagen, ob und wie viele der Überlinger Händler die Folgen der Krise dauerhaft überleben werden.

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Aber er ist positiv gestimmt, aus mehreren Gründen: „Die Liquiditätshilfen waren notwendig, sie haben geholfen. Und die Nachfrage steigt wieder, die Stadt wird lebendiger.“ Zudem ergänzt er, dass sich die Umsätze der meisten Händler stabilisieren würden. Zwar nicht auf dem Level wie vor Corona – der Trend gehe aber nach oben.

Aber reicht das aus angesichts der ohnehin vorhandenen strukturellen Herausforderungen wie der Konkurrenz im Internet? Wie besorgniserregend ist die Situation? Wir haben bei fünf Inhabern in der Innenstadt nachgefragt, die sich allesamt gegen die Krise stemmen.

1. Lederwaren Petra Huber: „Man muss derzeit um jeden Kunden froh sein“

Nach dem Lockdown steigt die Kundenzahl „dezent“. Petra Huber ist einerseits erleichtert: „Man muss derzeit um jeden Kunden froh sein.“ Andererseits liege die Kundenzahl immer noch unter dem Durchschnitt der Vorjahre. Es seien weniger Urlauber als in den Vorjahren in ihrem Geschäft. „Es ist sehr deutlich, da braucht man sich nichts vormachen“, stellt die Verkäuferin fest.

Petra Huber, Inhaberin eines Lederwarengeschäfts in der Innenstadt, betont, dass man derzeit um jeden Kunden froh sein müsse. Der Einzelhandel wird laut ihr „noch ganz schön buckeln müssen“.
Petra Huber, Inhaberin eines Lederwarengeschäfts in der Innenstadt, betont, dass man derzeit um jeden Kunden froh sein müsse. Der Einzelhandel wird laut ihr „noch ganz schön buckeln müssen“. | Bild: Julian Widmann

Für Huber sind die Masken ein Problem: „Viele Leute hemmt das. Sie haben keine Lust darauf.“ Daher würden sich Käufer auf das Wesentliche beschränken. Eine Prognose möchte sie kaum wagen, klar ist für sie nur: „Der Einzelhandel wird noch ganz schön buckeln müssen.“ Und dabei spricht sie nicht nur den Winter, sondern auch mindestens die nächsten beiden Jahre an. Es laufe bei ihr aktuell zwar, was den Umsatz betrifft, wieder einigermaßen gut. Aber die fehlenden Wochen seien enorm bemerkbar.

2. Modehaus Munding: „Müssen versuchen, die Ware im kommenden Jahr zu verkaufen“

Klaus Munding, Inhaber des Modehauses Munding und stellvertretender Vorsitzender des Überlinger Wirtschaftsverbunds, bezeichnet sich selbst als Optimisten. Und daher versucht er, die Zahlen seiner Analysen positiv zu interpretieren: „Im Mai und Juni haben wir wieder rund 75 Prozent unseres normalen Umsatzes gemacht“, sagt er. Im April dagegen nur zehn Prozent des normalen Umsatzes.

April und September seien eigentlich die umsatzstärksten Monate. Die Phase des Lockdowns sei so schnell nicht aufzuholen. Das Warenlager habe sich erhöht. „Der Warenbestand sollte eigentlich zweimal im Jahr umschlagen. Jetzt müssen wir eben versuchen, die Ware im kommenden Jahr zu verkaufen“, erklärt der Inhaber vom Modehaus sowie vom Trendhouse Überlingen. Jammern will er aber nicht: „Die Industrie sitzt da im selben Boot“, sie müssten ähnliche Herausforderungen meistern.

Auch im Modehaus Munding haben sich die Umsätze in den vergangenen Wochen wieder normalisiert.
Auch im Modehaus Munding haben sich die Umsätze in den vergangenen Wochen wieder normalisiert. | Bild: Julian Widmann

Er merke, dass seit Pfingsten wieder vermehrt Kurgäste in der Stadt sind, die Dienstleistungen in Form von guter, professioneller Beratung schätzen. „Das ist unsere Überlebenschance. Wir leben jetzt von Einheimischen und wiederkehrenden Touristen, die eine Bindung zu Überlingen haben“, sagt er. Das strukturelle Problem habe sich durch Corona verschärft. „Da braucht man als Einzelhändler jetzt unbedingt einen Top-Service.“

3. Blütenrausch: „In der Corona-Zeit wollten es die Menschen zuhause schön haben“

Inhaberin Ulrike Stöckle ist glücklich darüber, gerade jetzt ein Blumengeschäft zu haben. „In der Corona-Zeit wollten es die Menschen zuhause schön haben“, sagt Stöckle. Ihr Laden war zu, einem Bereitschaftsdienst stimmte die Stadt während des Lockdowns aber zu. Da habe sie sich auf dem Wochenmarkt Obstkisten besorgt und Kisten mit Frühlingsblumen zusammengestellt, die sie für 20 Euro verkaufte. Auf ihrer Blumentreppe habe sie die Kisten abgestellt, zudem habe sie sie mit kleiner Beteiligung über Jona‘s Nahkauf verkauft. „Die Nachfrage war wahnsinnig hoch. Ich hätte nie gedacht, dass das so gut funktioniert“, sagt sie. Blumen und Pflanzen seien eben gut für die Seele, ergänzt Uli Stöckle.

Ulricke Stöckle hat, während ihr Laden geschlossen hatte, Frühlingskisten mit verschiedenen Blumen verkauft.
Ulricke Stöckle hat, während ihr Laden geschlossen hatte, Frühlingskisten mit verschiedenen Blumen verkauft. | Bild: Julian Widmann

Seit der Wiedereröffnung kommen die Kunden wieder persönlich vorbei. „Die Leute haben sich schnell wieder darauf eingestellt. Ihnen ist es einfach lieber, die Blumen selbst auszuwählen“, sagt Stöckle. Sie wisse um den Vorteil ihres Geschäfts: „Bei uns muss ich eben kein Kleidungsstück probieren.“ Finanziell laufe es derzeit bei ihr also relativ geregelt.

4. Schuhmoden Maier: „Aufholen können wir das nicht“

„Wir haben seit der Wiedereröffnung normale Umsätze„, stellt Inhaber Uwe Zscherp fest. Aktuell sei es stabil, allerdings hat der Schuhhändler die fünf fehlenden Wochen nicht vergessen: „Das war leider der beste Umsatz-Zeitpunkt im Jahr. Aufholen können wir das nicht.“ Zscherp glaubt, dass die finanziellen Probleme vieler Einzelhändler erst in den nächsten Jahren kommen werde. Für sein Schuhgeschäft ist er optimistisch, sein Personal halten zu können. „Ich bin da positiv gestimmt. Wenn es so weiter läuft, kriegen wir das hin.“

„Wir haben seit der Wiedereröffnung normale Umsätze“, sagt Uwe Zscherp, Inhaber von Schuhmoden Maier.
„Wir haben seit der Wiedereröffnung normale Umsätze“, sagt Uwe Zscherp, Inhaber von Schuhmoden Maier. | Bild: Julian Widmann

Das Problem, dass in der Corona-Krise die Konkurrenz im Internet wuchs, ist Zscherp bewusst. Gegen einen Online-Shop habe er sich aber bewusst entschieden. „Wir haben ein digitales Schaufenster, präferieren aber ganz klar den persönlichen Kontakt.“

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5. Teeladen Feynwerk: „Es wäre schön, wenn alles so bliebe in der Innenstadt, aber das glaube ich nicht“

Silvia Kiesle will und kann die Veränderungen des Einzelhandels durch Corona und Online-Alternativen in Überlingen nicht abschätzen. Die Inhaberin von Feynwerk befürchtet aber, dass es auch örtliche Händler treffen wird: „Durch die extremen Umsatzeinbußen wird es längerfristig bestimmt den einen oder anderen geben, der das nicht überlebt“, sagt sie. Und das bedauere sie.

Für Silvia Kiesle vom Teeladen Feynwerk ist Überlingen ein Paket. Sie hofft, dass die Einzelhändler in der Überlinger Innenstadt die Krise überleben werden.
Für Silvia Kiesle vom Teeladen Feynwerk ist Überlingen ein Paket. Sie hofft, dass die Einzelhändler in der Überlinger Innenstadt die Krise überleben werden. | Bild: Julian Widmann

„Es wäre schön, wenn alles so bliebe in der Innenstadt, aber das glaube ich nicht.“ Überlingen sei ein Paket. „Das gibt es eigentlich nur zusammen und kann auch nur zusammen überleben.“

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Gerhard Graf.
Gerhard Graf. | Bild: SK

Appell eines Überlinger Unternehmers: „Lokal handeln“

Gerhard Graf, Geschäftsführer von DCS Druck- & Copier-Service, hat sich mit einem Appell an die Öffentlichkeit gewandt. Der Überlinger Unternehmer schreibt in einer Mail an die SÜDKURIER-Redaktion; dass nicht nur der Einzelhandel, Gewerbe und Industrie, sondern auch die Gemeinden von „leeren Kassen“ betroffen seien. Seit Jahren schleichend bemerkbar, wirke Corona nun „wie ein Katalysator: Die Gemeinden rufen bereits beim Land nach finanzieller Unterstützung, da sie ihren Aufgaben und Pflichten durch ausbleibende Gewerbesteuern nicht mehr nachkommen können.“ Durch diese und die Grundsteuer würden sie sich in erster Linie aber finanzieren.

Alle anderen Abgaben würden zum größten Teil an Land und Bund gehen. Graf schreibt: „Wundern Sie sich also nicht, wenn bei Rückgang der Gemeinde-Einnahmen nichts anderes übrig bleibt, als die Gebühren öffentlicher Einrichtungen wie Kitas, Schwimmbäder oder Bibliotheken zu erhöhen beziehungsweise Kunst und Kultur kaum mehr zu fördern.“

Im Umkehrschluss bedeute dies, dass jeder ausgegebene Euro der Bürger durch Online-Käufe allen Bürgern seiner Gemeinde mehr schade als es dem Einzelnen nutzt. Auch die Annahme, Amazon & Co sind billiger, sei falsch. Hinzu käme, dass der millionenfache, kleinteilige Hin- und Rück-Versand der Umwelt massiv schade. „Der Appell der Gemeindeoberhäupter, Landesväter und Wirtschaftspolitiker an die Bürger ist richtig und wichtig. Deckt Euren Bedarf über den örtlichen Handel statt über den Online-Handel“, so Graf.

Die Lage der Gemeindekassen würde sich erheblich entspannen, so der Unternehmer. Für das ganze Land betrachtet seien es Milliarden an Gewerbesteuern, die den Kommunen durch den Online-Handel verloren geht. „Wollen wir das?“, fragt sich Graf. „Wenn der örtliche Handel und die Gewerbebetriebe mehr und mehr verlustig gehen, würden die Kosten für alle Bürger steigen. Der Erhalt der Infrastruktur und Straßen werde verschoben. Und: „ Ausbildungs- und Arbeitsplätze suche man dann mal im Internet: Fehlanzeige!“, schreibt er. Im Ergebnis seien es noch weitere Belastungen für die Gemeinde. Und daher lohne sich laut Graf in rein eigenem Interesse: „Global denken, lokal handeln.“