Im Januar dieses Jahres war eine Frau aus Überlingen vom Amtsgericht zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden: Sie wurde beschuldigt, ihrem 14-jährigen Sohn und dessen Freund in zahlreichen Fällen Marihuana – mit Gewinn – verkauft zu haben. Die Abgabe von Betäubungsmitteln an Minderjährige wird vom Gesetz als besonders strafwürdig angesehen. Über 20-mal habe sie an ihren Sohn für dessen Eigenbedarf Marihuana verkauft, zweimal eine größere Menge als Sammelbestellung und mindestens zehn Mal an den ebenfalls minderjährigen Freund des Sohnes. Darüber hinaus wurden in ihrer Wohnung Amphetamine gefunden. Die Frau ist bereits seit Oktober 2018 in Untersuchungshaft. Sie ging in Berufung, und es kam zur Verhandlung am Landgericht Konstanz. Die Angeklagte wurde in Fußfesseln vorgeführt.

Mutter nennt Sohn einen „Lügner“

Im Berufungsprozess zeigten sich einige Prozessteilnehmer über die Strategie des Verteidigers erstaunt, dessen Ziel ein „mildes Urteil“ war und die Minderung des Strafmaßes. Waren doch die belastenden Aussagen der Zeugen und auch ihre eigenen ursprünglichen Angaben miteinander stimmig. Nun sagte sie unter anderem aus, ihrem Sohn nur ein einziges Mal etwas verkauft zu haben und dass dieser ein notorischer Lügner sei. Zudem habe sie die Drogen stets ohne Gewinn weitergegeben. „Aus Naivität, Dummheit“ erklärte sie der Richterin. Dies wäre umso erstaunlicher, als sie mit ihrem Arbeitslosengeld von rund 1000 Euro für die Miete für die Wohnung im Norden Überlingens bereits 730 Euro bestreiten muss.

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Schon als Jugendliche war die 39-Jährige in psychologischer Behandlung. „Weil ich als Jugendliche oft gelogen habe“, sagte sie vor Gericht. Sie leide unter Depressionen und füge sich selber Schnitte und Verletzungen zu. Das Ritzen, sagt sie, sei für sie ein Ventil. Eine Kur im Jahr 2015 half ihr nicht.

Ihr heute 16-jähriger Sohn wohnte nach der Scheidung der Eltern im Jahr 2010 vorwiegend beim Vater. Als es Anfang 2018 mit dem Vater Unstimmigkeiten gab, zog er nach Überlingen zu seiner Mutter. Wo seine Drogenkarriere ihren Lauf nahm. Der Sohn blieb bei seinen Aussagen und belastete die Mutter schwer. Alle zwei bis drei Wochen habe er gekifft, nachdem er nach Überlingen gezogen war. Als seine Mutter ihn ab April mit Marihuana versorgte, sei es schnell mehr geworden, und in den letzten Wochen, die er bei ihr wohnte, so sagte er selbst, sei er ein „Oberjunkie“ gewesen.“

Das Gericht ist überzeugt: Über 20-mal hat eine Mutter an ihren Sohn für dessen Eigenbedarf Marihuana verkauft.
Das Gericht ist überzeugt: Über 20-mal hat eine Mutter an ihren Sohn für dessen Eigenbedarf Marihuana verkauft. | Bild: dpa

Er habe zwar einen „Familien-Rabatt“ bekommen, aber dennoch habe seine Mutter an ihm „verdient“. Wenn man das so sagen kann, denn schließlich war es sein Taschengeld, mit dem er bezahlte. Wenn das nicht ausreichte, nahm er sich selbst von dem Marihuana, das er auf Kommission hätte weiterverkaufen sollen. Er war tagelang nicht zuhause, und wurde von der Schule ausgeschlossen – weil er so oft fehlte.

Im Januar habe er einen Entzug begonnen, später eine Langzeittherapie, doch bei beiden Maßnahmen flog er raus, weil er offenbar mit seinem Verhalten aneckte. Derzeit sei er in Suchtberatung und habe vom Gericht die Auflage, sich um eine Langzeittherapie zu kümmern.

Angeklagte zeigt kaum Emotionen

Die Aussagen der Angeklagten fand das Landgericht unglaubwürdig, die Tatsache, dass eine Mutter ihrem Sohn skrupellos Drogen verkauft und damit auch noch Geld verdient, sogar entsetzlich. Dies, so die erfahrene Richterin in ihrer Urteilsbegründung, sei ihr noch nie untergekommen. Die Mutter, die in Berufung ging, um ein milderes Urteil zu bekommen, wird nun ein halbes Jahr länger in Haft bleiben müssen – so das Urteil im Berufungsverfahren. Wie während der gesamten mehrstündigen Verhandlung zeigte sie auch bei dessen Verkündung kaum Emotionen.

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