Zwei Tage lang dröhnten am Rande des Stadtgartens von Überlingen die Kettensägen. Der Allgäuer Holzbildhauer Ricardo Villacis mit ecuadorianischen Wurzeln leistete damit filigrane kunsthandwerkliche Arbeit an zahlreichen Baumstümpfen, die von einem einzigen, ehemals 20 Meter hohen Riesenlebensbaum übrig geblieben waren. Unterstützt wurde er dabei von Andreas Höfler und Michael Brantner vom Grünflächenamt der Stadt. Gemeinsam arbeitete das Trio an einem handgeschnitzten „Zauberwald“, wie sie das Ensemble nennen.

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Tatsächlich scheint hier J.R. Tolkiens Gandalf aus der Trilogie „Herr der Ringe“, dem Vater aller Fantasy-Romane, die Besucher am Eingang zum Stadtgarten zu begrüßen – auch wenn es zum Hut aus dem vorhandenen Holz nicht mehr gereicht hatte.

Mitarbeiter vom Grünflächenamt erstellen Entwurf

Daneben ein skurriler Waldgeist, eine Schamanin und eine Schlange, die den Stamm nach oben kriecht. Aus schrägen Stümpfen sollen stilisierte Grashalme entstehen, die von Kletterpflanzen bewachsen werden. Den Entwurf für das Ensemble haben die Mitarbeiter des Grünflächenamts selbst erstellt.

Waldgeist im Werden: Andreas Höfler spricht sonst den lebenden Pflanzen zu.
Waldgeist im Werden: Andreas Höfler spricht sonst den lebenden Pflanzen zu. | Bild: Hanspeter Walter

„Wir schnitzen schon länger als Hobby“, sagt Andreas Höfler, Leiter der Stadtgärtnerei. Michael Brantner, Baumexperte des Grünflächenamts fügt an: „Wir wollen von dem Experten noch etwas lernen.“ Sie nahmen daher zwei Tage Urlaub, um den Kettensägenkünstler nach Kräften zu unterstützen. Die Begeisterung und Neugier der Kinder war ihnen schon mal gewiss. Eltern konnten sie von der kunsthandwerklichen Baustelle kaum loseisen.

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Die Debatte um Kunst oder Kitsch kam schneller als gedacht und wurde schon an Ort und Stelle eröffnet. Da prallten die Meinungen aufeinander. „Wir können ja die Stadt gleich zu einem Schrebergarten mit Gartenzwergen machen“, sagte Kristin Müller-Hauser. Rolf Briddigkeit meinte: „Das ist ja furchtbar.“

"Das ist ja toll"

Norbert Elsner und seiner Frau hatten die Einlassungen nicht gehört, als sie hinzutraten. Elsner meinte: „Das ist ja toll.“ Ein ähnlich positives Urteil fällten viele weitere Passanten. Eine ältere Besucherin aus Mühlingen hatte die Idee der Schöpfer selbst hinter dem Bauzaun gleich erkannt. „Da kann man sich draufsetzen und ein Foto machen“, schlug sie vor.

Am Anfang war der Baumstumpf: Michael Brantner bei der Arbeit.
Am Anfang war der Baumstumpf: Michael Brantner bei der Arbeit. | Bild: Hanspeter Walter

Michael Brantner beschreibt die gefühlte Zustimmung zur Arbeit des Trios kurz vor der Fertigstellung: „Von 500 Menschen, die vorbeikommen, sind 499 begeistert.“ Vor einem Bürgerentscheid über die Zukunft des Zauberwalds brauche ihm danach kaum bange zu sein.

Dabei ist das Überleben der neuen Fantasy-Ecke ohnehin noch nicht gesichert. „Das ist ein Versuch. Wenn es nichts wird, sind die Stümpfe schnell abgesägt“, hatte Abteilungsleiter Rolf Geiger schon vor einigen Wochen erklärt, als er die Pläne kurz andeutete.

OB: "Kulturausschuss soll entscheiden"

Und als Kristin Müller-Hauser ihre Empörung in der Bürgerfragestunde des Gemeinderats am Mittwoch kundtat („Wer hat das denn genehmigt?“), versuchte Oberbürgermeister Jan Zeitler sie zu besänftigen. „Wir werden das fertige Werk dem Kulturausschuss vorlegen“, erklärte Zeitler, das sei doch ein demokratischer Weg, „und der soll darüber entscheiden.“

Ricardo Villacis ist der Profi aus dem Allgäu. Der Holzbildhauer war schon bei zahlreichen Wettbewerben erfolgreich.
Ricardo Villacis ist der Profi aus dem Allgäu. Der Holzbildhauer war schon bei zahlreichen Wettbewerben erfolgreich. | Bild: Hanspeter Walter

Kunsthistorikerin Monika Spiller hatte ihre Entscheidung schon gefällt, als der erste Waldgeist fertig und Konturen des Zauberers sichtbar waren. „Das Gegenteil von Kunst ist nicht Kitsch, sondern 'gut gemeint'“, zitierte sie in einem Brief an OB Zeitler und Kulturreferent Michael Brunner den Schriftsteller Gottfried Benn und beklagte die zunehmende „Vergartenzwergung der Stadt“. Eine Schande nannte sie es, dass „am Eingang des historischen Stadtparks der Kitsch fröhliche Urstände feiert“.

Empfehlung für Kulturbeirat mit "wirklich qualifizierten Fachleuten"

Man hätte an diesem sensiblen Platz ein Beispiel zeitgenössischer Kunst entstehen lassen können. Wer „um Himmelswillen“ dies genehmigt habe, fragt sie und empfiehlt der Stadt „dringend einen unabhängigen Kulturbeirat mit wirklich qualifizierten Fachleuten“.