Die Goldbacher Kapelle, gebaut 842-849, ist als eine der ältesten Kirchen rund um den See ein geschichtsträchtiges Kleinod – ebenso wertvoll wie empfindlich. Hüter dieses historischen Schatzes ist inzwischen seit mehr als 35 Jahren der Goldbacher Architekt und ehemalige Stadtbaumeister Wolfgang Woerner. Im Oktober wurde der beste einheimische Kenner des kleinen Gotteshauses zwar 90 Jahre alt, doch nach wie vor bietet er die einzigen Führungen durch die Kapelle an. „Ich mache das nur auf Voranmeldung für kleine Gruppen“, sagt Woerner: „Da kommen im Jahr derzeit etwa 10 bis 12 Führungen zusammen.“

Die Silvesterkapelle am Rande des Landesgartenschaugeländes.
Die Silvesterkapelle am Rande des Landesgartenschaugeländes. | Bild: Stefan Hilser

"Das tut der Kirche nicht gut"

Viel mehr als das eine Dutzend Führungen sollten es aus Woerners Sicht nicht werden. „Das tut der Kirche nicht gut“, sagt Wolfgang Woerner und ist sich darin einig mit der Denkmalpflege, die im Kloster Reichenau schon zu restriktiven Maßnahmen greifen musste und die Besichtigungen beschränkte. „Die Menschen tragen zuviel Feuchtigkeit hinein. Das gefährdet die Fresken und das empfindliche Mauerwerk.“

Das könnte Sie auch interessieren

Die Reste der Bilder und Bemalungen auf den Wänden – die ältesten stammen aus dem 9. Jahrhundert – waren Mitte der 1990-er Jahre soweit möglich restauriert und erst in den letzten zehn Jahren noch einmal neu interpretiert worden. Sie weisen das kleine Gotteshaus als ursprünglich private Kirchenstiftung eines Grafen Alpgar aus der Seeregion aus. Zuletzt war auch der Mauersockel noch einmal intensiv getrocknet worden. Mit Sorge blickt Woerner daher auf die geplante intensivere Nutzung und häufigere Besichtigung der Kapelle während der Landesgartenschau. Eine tägliche Öffnung wäre aus seiner Sicht auf jeden Fall zuviel.

Die gute Seele der Silvesterkapelle: Im Oktober wurde der ehemalige Stadtbaumeister Wolfgang Woerner 90 Jahre alt und bietet bis heute im Sommerhalbjahr die einzigen Führungen durch das kleine Kirchlein an.
Die gute Seele der Silvesterkapelle: Im Oktober wurde der ehemalige Stadtbaumeister Wolfgang Woerner 90 Jahre alt und bietet bis heute im Sommerhalbjahr die einzigen Führungen durch das kleine Kirchlein an. | Bild: Hanspeter Walter

Gottesdienst an Silvester um 10 Uhr

„Ein Gottesdienst pro Woche schadet sicher nicht“, räumt Wolfgang Woerner ein. Derzeit sind es meist nur noch zwei pro Jahr, dazu kommt das eine oder andere Konzert wie zuletzt am 25. November. „An Heiligabend war es rappel voll“, erzählt der Goldbacher. Mit soviel Gläubigen rechnet Wolfgang Woerner am Silvestermorgen (31. Dezember) nicht, wenn um 10 Uhr offiziell das Patrozinium des Gotteshauses gefeiert wird.

Eines der seltenen Kammerkonzerte in der Goldbacher Kapelle im November 2018 mit Dieter Reimund, Wiebke Kretschmann, Eva Wiesenfeldt, Frauke Förster und Juliane Kramm.
Eines der seltenen Kammerkonzerte in der Goldbacher Kapelle im November 2018 mit Dieter Reimund, Wiebke Kretschmann, Eva Wiesenfeldt, Frauke Förster und Juliane Kramm. | Bild: Hanspeter Walter

Auf Einbeziehung ins LGS-Gelände wurde gedrängt

Als echter Goldbacher kennt Woerner die Kapelle schon von Kindesbeinen an – und deren Empfindlichkeit. „Wir haben am Anfang gefordert, dass die Kapelle nicht in das Gartenschaugelände einbezogen werden sollte“, betont Woerner. Vom neuen Uferpark ist der ehemalige Stadtbaumeister, der von 1972 bis 1992 über Wohl und Wehe der Kommune wachte, nach wie vor begeistert. Doch die Silvesterkapelle hätte er gerne ganz ausgeklammert und den Besuchern allenfalls mit gebührendem Abstand einen Anblick von außen gegönnt, um das Kulturgut nicht ohne Not zu gefährden. Doch ganz abschotten lässt sich so ein Kleinod in Sichtweite, ja unmittelbar angrenzend an das Gartenschaugelände kaum. „Die Verantwortlichen haben immer stärker darauf gedrängt, die Kapelle mit einzubeziehen“, erinnert sich der Goldbacher.

Grenzen wurden abgesteckt

Schon im Juni hatten die Landesgartenschau GmbH und die Stadt bei einer Informationsveranstaltung weitere Sorgen der Goldbacher deutlich zu hören bekommen. Es war damals unter anderem um den Weg südlich der Kapelle am Rand des dort gelegenen, aber nicht abgegrenzten Friedhofs gegangen, dem die Münstergemeinde als Eigentümerin des Geländes nach anfänglicher Skepsis zugestimmt hatte. Es ging darum, ob es ein Fußweg bleiben, oder später auch zum Radweg werden solle. Die Grenzen sind zwar mittlerweile abgesteckt, doch auch Wolfgang Woerner, der die Kirche als Vertreter der Münstergemeinde betreut, weiß bis heute nichts Genaues. Direkt an den Uferpark grenzt ein wenige Meter breiter Geländestreifen, der zum ebenso schmalen Goldbacher Strand führt.

Zukunft ungewiss

Der Uferbereich südlich der Kapelle ist im Eigentum des Landes, die Fläche westlich des Goldbaches hat die Stadt von der Deutschen Bahn erworben. Was daraus langfristig, nach der Landesgartenschau, werden soll? Bei dieser Frage sollen nach Aussagen von Baubürgermeister Längin später nicht nur die Goldbacher, sondern alle Überlinger mitreden können. Bisher habe man auch noch kein Konzept für das Parken gesehen, erklärt Gassenpfleger Hubert Regenscheit. „Wir haben das Thema bei der Hauptversammlung unserer Nachbarschaft Anfang Dezember noch einmal intensiv diskutiert“, sagt er: „Schriftlich haben wir die Landesgartenschau GmbH nun um konkretere Informationen gebeten.“

Was sagt die Kunsthistorikerin?

Zu wenig Beachtung findet die Silvesterkapelle aus Sicht der Kunsthistorikerin Caroline Schärli, die in dem vorromanischen Kirchlein einen kunst- und kulturhistorischen Schatz sieht. Schärli hat ihre Masterarbeit an der Universität Basel zu Ursprung und Interpretation der Fresken verfasst. Erst in den 1990-er Jahren waren die Ursprünge von zwei nacheinander erfolgten Ausmalungen identifiziert und datiert worden. Die erste aus karolingischer Zeit (842-849) bestand aus einem Gedicht, das Graf Alpger als Stifter bei Walhafrid Strabo bestellt hatte. Zuviel Aufmerksamkeit von Besuchern würde aus Sicht Woerners den Fresken allerdings schaden.