Über mehrere Stockwerke erstreckte sich das Wandbild oberhalb des Tores. Die Überlinger konnten es immer dann sehen, wenn sie die Stadt in Richtung Westen verließen. Die Darstellung zeigte einen hünenhaften Mann, der, während er durchs Wasser watet, einen Wanderstab in der rechten Hand hält und ein Kind auf dem Rücken trägt. Es handelt sich um den heiligen Christophorus, der zwar nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht mehr als Heiliger anerkannt wurde, doch seit 2001 einen Platz im Verzeichnis aller Heiligen und Seligen der römisch-katholischen Kirche hat.

Tor existiert seit 1832 nicht mehr

Diese Darstellung ist – ebenso wie das Christophstor, an dem sie angebracht war – schon lange aus Überlingen verschwunden. Die Legende um den heiligen Christophorus aber lebt fort. Und der Inhalt erklärt auch, warum die Überlinger die Darstellung an einem Tor anbrachten, das eine Ausfallstraße aus der Stadt überspannte: Christophorus („der Christusträger“) wurde der Überlieferung nach in Kanaan geboren und begab sich auf die Suche nach dem mächtigsten Herrscher der Welt. Nachdem er von einem Einsiedler erfahren hatte, dass nur Gott allmächtig sei, wollte er ihm dienen, indem er fortan Reisende über einen Fluss setzte.

Bild: Ellen Knopp

Die Legende um Christophorus

Laut der Legende trug Christophorus eines Tages ein Kind durch die Fluten, die immer höher anstiegen, während die Last auf seinen Schultern immer schwerer wurde. Der Übersetzung der Legenda aurea von Richard Benz ist zu entnehmen, dass Christophorus zu dem Kind sagte: „Du hast mich in große Fährlichkeit bracht, Kind, und bist auf meinen Schultern so schwer gewesen: hätte ich alle diese Welt auf mir gehabt, es wäre nicht schwerer gewesen.“ Woraufhin das Kind entgegnete: „Des sollst du dich nicht verwundern, Christophore; du hast nicht allein alle Welt auf deinen Schultern getragen, sondern auch den, der die Welt erschaffen hat. Denn wisse, ich bin Christus, dein König, dem du mit dieser Arbeit dienst.“

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Patron der Seeleute und Reisenden

Ebendiese Szene zeigte die stadteinwärts gerichtete Seite des Christophstors. Darüber war eine Sonnenuhr angebracht. Yvonne Bittmann hat ihre Magisterarbeit über den Standort und die Funktion von Christophorusfiguren im Mittelalter geschrieben. Sie erklärt: "Die oft gewaltigen Ausmaße seiner Darstellungen sind nicht nur durch die überlieferte riesenhafte Gestalt von zwölf Ellen zu erklären, sondern vor allem aus dem Wunsch nach möglichst weiter Sichtbarkeit.“ Der Anblick des Heiligen sollte vor einem jähen Tod bewahren, zudem ist Christophorus nicht nur der Patron diverser Städte, sondern unter anderem auch der Seeleute und Reisenden. Außerdem soll er die Menschen vor Krankheiten und Unwetter schützen. Bittmann kommt zu dem Schluss: „Die zur Stadt hin gerichteten Christophorusfiguren lassen in ihrer Funktion an die Reisenden, Pilger und Händler denken, die die Stadt verlassen wollten und ein letztes Mal mit dem unheilabwehrenden Segen ausgestattet wurden, der vor den Todesgefahren schützen sollte, die außerhalb der Stadtmauern lagen.“

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Fünf Türme als Wahrzeichen

Darstellungen des Christophorus wie die in Überlingen gab es wohl seit der Mitte des 12. Jahrhunderts. Das Christophstor bildete gemeinsam mit dem Rudolfstor den westlichen Zugangsbereich der staufischen Stadtbefestigung aus dem 13. Jahrhundert. Der älteste bekannte schriftliche Beleg ist eine Urkunde von 1310, in der der Torturm erwähnt wird. Fünf Geschosse zählte der Turm, durch den unten das spitzbogige Tor hindurchführte. Wie auf einem Stadtplan von 1634 dargestellt ist, hatte der Turm zunächst ein Spitzdach. Wilhelm Telle schreibt 1928 in "Aus der Geschichte Überlingens", dass das Dach später abgetragen und nicht wieder ersetzt worden sei. Er führt weiter aus: „Ein Wahrzeichen der Stadt waren die fünf, die Zinnenbekrönung schmückenden Türmchen; je eines in den Ecken und das fünfte auf der Mitte der Außenseite; letzteres zweifellos als ‚Pechnase‘ bestimmt, das heißt als eine Vorrichtung, um den an das Tor anstürmenden Feind mit siedendem Pech und ähnlichen Begrüßungen zu überschütten.“

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"Fünf ist gerad"

Der Turm prägte aber nicht nur maßgeblich das Stadtbild, er trug laut Telle auch zur Entstehung einer Redewendung bei: „Da man von keinem Standpunkte aus alle fünf Türmchen, sondern höchstens nur vier sehen konnte, hatten die Alt-Überlinger das Sprichwort ‚Fünf ist gerad‘.“

Turm wurde baufällig

Vor dem Unwetter, das Überlingen am 31. August 1636 ereilte, konnte die Darstellung des heiligen Christophorus die Stadt nicht bewahren. Dabei wurde die steinerne Brücke vor dem Christophstor, die den damaligen Stadtgraben überspannte, weggerissen. 1829 wurde sie wieder aufgebaut. Doch nur zwei Jahre später beschloss die Stadt, das Christophstor abzubrechen, da der Turm einzustürzen drohte. 1832 war das einstige Wahrzeichen aus dem Stadtbild verschwunden.